Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden

Berlinische Galerie

2017:März // Elke Stefanie Inders

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03-2017

„Afrika erwacht. In dem Augenblick aber, in dem wir, seine Bedeutung zu erfassen reif geworden sind, fühlen wir den Griff seiner mächtigen Hand.“
Leo Frobenius: „Das unbekannte Afrika“ (1923)

Je nachdem, aus welcher Perspektive man dieses Zitat verstehen mag, es offenbart oder verbirgt verschiedenste Dimensionen und Paradoxien. Als Leo Frobenius dies schrieb, wollte er die Schicksale des schwarzen Kontinents „aufhellen“, ein akademischer Autodidakt, der sich im Rahmen diverser Expeditionen den afrikanischen Kontinent erschloss und dabei versuchte ihn zu verstehen, eine scheinbar völlig andere Kultur zu erfassen, wie so viele seiner Zeit. Man denke nur an Oswald Spengler, seine Kulturkreistheorie und die damit verbundenen abendländischen Untergangsfantasien, die mitunter in mephistophelische Prinzipien abglitten. Der eurozentristische Blickwinkel auf fremde, periphere Kulturen war geprägt von kolonialem Überlegenheits- und Assimilationsdenken und eben solchem Handeln; im Positiven wie im Negativen. Carl Einstein beschrieb die afrikanische Skulptur in seinem Werk „Negerplastik“ von 1915 erstmalig nach ästhetischen, statt nach ethnologischen Gesichtspunkten. Das war zuvor noch nie geschehen. Afrika, die Wiege der Menschheit, war in jeglicher Hinsicht ein Experimentierfeld. Wofür mussten die sogenannten Primitiven denn noch Referenzpunkt sein? Die Kubisten, Fauvisten oder Expressionisten, die die Impressionisten ablösten und dann die Dadaisten, die sich „eine elementare Kunst erschaffen wollten, die vom Wahnsinn der Zeit heilen sollte“, wie Hans Arp damals formulierte. Der erste Weltkrieg tobte auf seinem Höhepunkt und der Dadaist Raoul Haussmann wollte Präsident der Sonne, des Mondes und der Innenseite der kleinen Erde werden. Mit megalomanischem Größenwahnsinn und respektloser Hybris wollten die Dadaisten die Kunstwelt revolutionieren.

Knallige Welt, du seliges Abnormitätenkabinett
Die Ausstellung in der Berlinischen Galerie feiert das hundertjährige Jubiläum der Dada- Kunst, die am 5. Februar 1916 im legendären Cabaret Voltaire in Zürich begründet wurde. Zuvor wurde die Ausstellung im Museum Rietberg (Zürich) gezeigt. Zürich war damals ein beliebtes Exil vieler Intellektueller und Kriegsgegner. Sogar Lenin lebte während des ersten Weltkriegs hier. Der ideale Nährboden, um eine neue Kunstrichtung, den Dadaismus, zu gründen. Das Fremde als attraktiven Gegenentwurf zum eigenen, bürgerlich übersättigtem Stil. Die traditionellen Werte sollten negiert werden, man sah, was für politische Auswirkungen diese hatten, zumindest stellte man einen ursächlichen Zusammenhang her und wollte diesem entgegnen, indem man eine scheinbar vollkommen konträre künstlerische Position einnahm. Mit Dada, einem Zufallsbegriff, waren auf einmal alle Bereiche der Bildenden Kunst vereint und damit wurde auch der Kunstbegriff erweitert. Das war in der Tat ein neuer künstlerischer Zugang, der eine Auswirkung auf das gesamte Kunstgeschehen des 20. Jahrhunderts haben sollte. Performiert wurde bei Dada in jeglicher Hinsicht: Hugo Ball inszenierte absurde Lautgedichte, die er aus afrikanischen Sprachen montierte, Hanna Höch montierte und collagierte, was das Zeug hielt und in den Dada-Soireen wurde eine neue Aufführungspraxis etabliert, in der sich Maskentänze und „Chants Nègres“ mit dem Klang exotischer Trommeln paarten. Es sollte ein gleichberechtigtes Nebeneinander der unterschiedlichsten Gattungen der Kunst sein. Die assimilatorische Faszination für die Andersartigkeit der außereuropäischen Kulturen war ungebrochen.

Avantgarde: Jenseits von Primitivismus
Der Reformpädagoge Han Coray, der noch heute als bedeutender Sammler afrikanischer Kunst in der Schweiz gilt, trug eine immense Sammlung zusammen, die vom Museum Rietberg beherbergt wird. Coray galt als experimentierfreudiger Mensch. Seine Waldpädagogik findet auch noch heute Eingang im Lehrbetrieb und so ist es bemerkenswert, dass seine Schrift „Neulandfahrt“ in der Ausstellung zu sehen ist. Auf neues Terrain begaben sich die damaligen Künstler mit Sicherheit. In der Züricher Pestalozzischule beherbergte Corray damals verschiedene Künstler auf Zeit, u.a. Hans Arp. Dada wollte ein neues Menschenbild formen und Afrika sollte dabei behilflich sein. Tristan Tzara formulierte dazu euphorisch: „Afrika – Diese neue Welt, die sich im Aufbruch befindet, wird ganz offensichtlich die Welt der Zukunft sein.“ Diese Aussage deckt sich mit der kunsthistorischen Einordnung, dass der Dadaismus eine der bedeutendsten Avantgarde-Bewegungen des 20. Jahrhunderts ist. Aber welchen Fortschritt hat der afrikanische Kontinent gemacht, mit Hilfe dessen die Dadaisten in die Zukunft gehen wollten? Der Kontinent, der die menschliche Evolution begründete und selber noch unterentwickelt in den Kinderschuhen steckt, den die „zivilisierte Welt“ in jeglicher Hinsicht benutzt(e), um sich zu entwickeln! Dieser vermeintlich zivilisierte Fortschritt, dieses zweischneidige Schwert, das die messerscharfe Schere zwischen Arm und Reich begründet, weil es vielleicht gar keinen Fortschritt gibt? Es ist nicht „nur“ die allseits bekannte Verklammerung zwischen Politik und Kunst oder das hundertjährige Jubiläum von Dada, die Anlass für diese Ausstellung geben sollte. Genaugenommen gibt es derzeit nichts Brandaktuelleres, als eine Ausstellung über den Dadaismus zu machen. Es fragt sich nur, was dabei fokussiert wird!

Ästhetischer Distinktionsgewinn im Nebeneinander der verschiedensten Kulturen?
Der Kurator, Dr. Ralf Burmeister, ist als Mitarbeiter der Berlinischen Galerie ein fundierter Kenner des Dadaismus und hat in dieser Ausstellung wichtige theoretische Exponate, Schriften, künstlerische Werke und zahlreiche Artefakte von hohem ästhetischem Wert zusammengeführt. Die Auswahl ist klein aber fein. Und ebenso ist der Katalog zur Ausstellung sehr gelungen und lädt zum Weiterlesen ein. Nur wieso beschränkt sich der Titel der Ausstellung ledglich auf den schwarzen Kontinent? Dieser verwirrt, wenn man z.B. die Kostümentwürfe von Sophie Taeuber-Arp betrachtet; Hopi-Indianer? Sophie Taeuber-Arp beschäftigte sich mit den künstlerischen Ausdrucksformen der Plains Indianer und hat diese in ihren vielfältigsten, wunderschönen Textilien einfließen lassen. Als primitive Kunst wurden genauso Werke aus Ozeanien bezeichnet, die als Referenz der Dadaisten dienten. Die Ausstellung vereinigt also gleichermaßen undeutlich wie trennscharf Exponate, die ethnografisch aus einem anderen Kontinent kommen und subsummiert sie unter der Überschrift Afrika, und das, obwohl es im Vorwort des Ausstellungskataloges heißt, „dass [die Ausstellung, Anm. der Verf.] eine bislang wissenschaftlich nicht aufgearbeitete Auseinandersetzung der Dadaisten mit außereuropäischer Kunst und Kultur“ Rechnung trägt. Sicherlich ein Kritikpunkt an der Ausstellung, der weiterhin erklärungsbedürftig ist, bisweilen auch in anderen Veröffentlichungen zur Ausstellung erläutert wird, aber sicherlich Ausgangspunkt für erneute und vertiefte wissenschaftliche Auseinandersetzungen zum Dadaismus und ihren Bezügen zu außereuropäischen Kulturen sein kann. Es besteht deutlich die Gefahr, dass die Edo-Maske, auch ein Ausstellungsexponat, zum ethnografischen Kuriosum neben dem kongolesischen Nagelfetisch wird. Ästhetisch wahrlich reizvoll, aber dann wieder ethnografisch unkorrekt oder dadaistisch schlampig.
Und hier schließt sich die Diskursklammer und repetiert eine theoretische Ausgangslage, die ja Carl Einstein, wie eingangs dargelegt, bereits vor 100 Jahren beschrieb. Haben wir also nichts Neues dazugelernt, und ist diese global angelegte Rezeption nur ein weiterer Dialog mit dem angeblich Fremden, das sowieso schon jeder meint zu kennen, das uns dann aber doch aus der Hand gleitet als etwas das wir nicht im Griff haben und niemals begreifen werden? Eine Ausstellung über Dadaismus, deren Titel als eine Art „Eyecatcher“ oder „Suspense“ funktioniert, weil sich dieser in den gängigen Art-Jargon einreihen lässt?
Sollen wir also lediglich augenzwinkernd, blindlings verstehend in die weite Welt schauen und in diese Ausstellung gehen, um zu sehen, was von Homo Sapiens noch kommt, denn Dada ist schließlich überall – und nirgends? Dann wäre ja Carl Einsteins Aussage zutreffend, „dass der Dadaismus nur eine ästhetische Überformung des Kolonialismus sei und eine unproduktive Romantik darstellen würde.“ Sozusagen ein „Very-nice“-Dada-Ethno-Concept-Store, mit dem Besten aus allen Welten. Ein wenig sieht es in der Ausstellung danach aus. Leider!

Ecce homo oder siehe der Mensch ist eine seltsame Art
Blixa Bargeld, der seinen Nachnamen dem Künstler Johannes Theodor Baargeld, einem Dadaisten, entlehnt hat, sagte mal in einem Interview über Georg Grosz, dass man keinen Künstler ernst nehmen könne, der sich nicht wenigstens einmal mit dem Dadaismus auseinandergesetzt hätte. Und ­Georg Grosz, der die skandalöse „Ecce-Homo“-Bildermappe schuf, musste es ja wissen, denn er hatte schließlich auch schon den Ersten Weltkrieg erlebt.
Das ist ein wenig geschmäcklerisch und autoritär, selbst wenn es stimmt, denn es wird quasi eschatologisch im Nachhinein mit den letzten Dingen argumentiert. Der Krieg ist immer ein Totschlagargument.
Dann müsste dies also auch „mutatis mutandis“ gelten, denn derzeit überschlagen sich die politischen Ereignisse und die Kunst kommt offensichtlich nicht ganz hinterher, weil ihr die zeitliche Distanz und die damit verbundene Reflexion zum Ganzen fehlt. Natürlich dürfe man die Kunst genau dann nicht mit Politischem überstrapazieren, heißt es dann immer! Wieso eigentlich nicht? Wieso geht der kalte Norden, der im Warmen sitzt, nicht wieder voran? Sozusagen „avant la lettre“ da oder dorthin, denn manche gehen derzeit in eine falsche Richtung. Wer sollte wirklich Präsident der Sonne, des Mondes und der Erde werden? Es ging doch nicht nur vor hundert Jahren um das Ganze, und nicht nur lediglich um „Kunst“, damals mitten im Ersten Weltkrieg. Eine Ausstellung über den Dadaismus in der heutigen Zeit zu konzipieren, kann auch beinhalten, dass sich diese die legitime Frage stellen muss, welchen Aktualitätsbezug diese Kunstform leisten könnte, sonst bleibt sie lediglich im Retrospektiven stecken. Schließlich geht es um die Avantgarde!

„Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden“, Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, 10969 Berlin, 5.8.– 7.11. 2016.



Hannah Höch „Aus einem ethnographischen Museum (ohne Titel)“, 1929, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Hamburg, © VG Bild-Kunst Bonn, 2016
Ausstellung „Dada Afrika. Dialog mit dem Fremden.“ Berlinische Galerie, Foto: Sophia Kembowska/dpa