Vive la Bourgeoisie *

Zum Ende des Stattbad Wedding

2017:März // Johannes Wilms

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03-2017

Als der Prozess der Verdrängung und endgültigen Gentrifizierung des alten Berlin-Mitte vor seiner Vollendung stand, tauchte etwa um das Jahr 2009 wie aus den Nebeln im Ozean der Spekulationen ein Atelier- und Werkstatthaus auf. Irgendwo in der Mitte von Kahlschlag und Sanierung, in einer Dialektik von Rückzug und Entdeckung, zwar kein Frei‑, aber immerhin ein Zwischenraum. In der Gerichtstraße im Wedding.
Hier, im 2002 stillgelegten Stadtbad Wedding, schien zuweilen im Kleinen das Haus des Lehrers wieder zu erstehen. Überhaupt war vieles wieder möglich, was, wie im Würgegriff einer Boa Constructa, die ihre Beute langsam erstickt, im alten Mitte schon lange nicht mehr möglich war. Kurzfristig organisierte Ausstellungen und Partys. Das, zuweilen, zufällige Treffen von Regenschirm und Nähmaschine auf den Zwischengeschossen von Schwimmbassins und nicht minder riesigen Wasserkesseln, von Hallen und Kabinen, Party und Poesie.
Im Seitentrakt eines ehemaligen Solariums fanden das bootlab und die raumfahrtagentur zueinander, mit 3D-Druckern, CNC-Fräsen, Elektrorädern und Freiem Radio; nebenan gab es eine Bar, Büros und Ateliers; die Siebdruckwerkstatt, eine von vielen, befand sich unter dem Dach einer Einrichtung, die, eher allgemein als konkret, sich den verschiedensten Konzepte von Street-Art verschrieben hatte.
Die Arbeiten eines SP38 entstanden hier ebenso, wie das unvergessene Konzert von Fantazio oder eines isländischen Kammerstreichorchesters. Und trotz einer unbestimmten Anzahl stadtweit legendärer Partys roch es in der Eingangshalle des Stattbads in all den Jahren – frei nach Proust – weiterhin so verstörend nach dem Halogen Chlor, dass hier, im Stattbad Wedding ein Déjà-vu der 90er gelungen schien. Indes: Die Strippen zogen andere.

Und die Entwicklung – ein Wort, von dessen Klimpern im Nachklang förmlich jede Immobilienlyrik zartbebend zittert – sprach eindeutig eine andere Sprache. Der Kaufpreis des Stadtbads Wedding soll 2008 um die 300.000 Euro betragen haben. Das sind bei 2.000 Quadratmeter Grundfläche lachhafte 150 Euro für den Quadratmeter. Wohlgemerkt: 150 Euro für den Quadratmeter Bauland innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings. Wer würde – Hand aufs Kalte Herz – wenn nicht mal in Moldawien Ackerland billiger zu haben wäre, hier nicht Phantasien „entwickeln“?
Und was wäre bei vom ehemaligen Treuhand-Manager Thilo Sarrazin geleiteten Behörden auch anderes zu erwarten gewesen, als auch hier die Verschleuderung öffentlichen Eigen­tums zu betreiben? Schließlich hatten in den 90er Jahren die „Treuhand“ in Ost- und dann die „Bankgesellschaft“ 1 in ganz Berlin mit ihrer Insolvenz- und Spekulationspolitik die Grundlagen jener urbanen Verheerung geschaffen, die wir bis heute erleben: Die Stadt als Beute – finanzpolitisch wahlweise als „Spar-“ oder „Konsolidierungshaushalt“ kaschiert und auf allen Kanälen der Austerität alternativlos als „Weg aus der Verschuldung“ verkauft.
Nachdem Berlin mit dem Bankrott der Bankgesellschaft Berlin im Jahr 2001 scheinbar „über Nacht“ zum Sanierungsfall geworden war, gab es kein Zögern und kein Zaudern mehr. Was Sarrazin und seinesgleichen mit der Treuhand nicht geschafft hatten, das vollendete der Senator für Finanzen und spätere Autor von „Deutschland schafft sich ab“ mit großer Geste nun in ganz Berlin: Die rücksichtslose Verramschung öffentlicher Gebäude und Liegenschaften an jeden noch so dahergelaufenen „Investor“.
Im Falle des Stattbad Wedding hieß dies: Bei der skandalös niedrigen Taxierung von Gelände und Bebauung wurden konsequent Boden- und Gebäudewert senkende Faktoren eingerechnet: Eine öffentliche Nutzung wurde ebenso unterstellt, wie die zu gewärtigenden Abrisskosten. Am vorläufigen Ende, sechs Jahre später, war aus dem märchenhaften Kaufpreis von 300.000 Euro ein fabelhafter Marktwert von 3–4 Millionen geworden.
Und selbst wenn der Neo-Dadaismus von „Bodenpreise gehen durch die Decke“ zwar keine wirkliche, wohl aber eine sehr wahrscheinliche Headline in dieser Sache gewesen wäre.2 So doch wenigstens, selbstredend, in einer Privatsache. Betongold, jedenfalls, ist im vergangenen Jahrzehnt ein Begriff geworden, der sich wie von selbst erklärt. Krise und Archaik, Eigentum und Gold.
In dieses Klima einer inzwischen von internationalen Kapitalfraktionen betriebenen Stadtentwicklung passten die Soziotope von Zwischennutzung und Projekträumen wie das Kinderzimmer zum Action-Film. Zwischennutzung, das war, zunächst, der ungleiche Tausch von günstigen Ateliermieten gegen Verträge mit kurzen Laufzeiten und noch kürzeren Kündigungsfristen. – Vollzug ist, wenn du merkst, dass es schneller geht, als du denkst.
Zwischen 2009 und 2015 liegen sechs Jahre, mit Abriss und Verkauf im Jahr 2016 sieben – das klingt nach zu kurz für die Fristen der Spekulationssteuer. Sieht diese doch vor, dass „erst“ nach 10 Jahren der Veräußerungsgewinn einer Immobilie nicht mehr versteuert werden muss – es sei denn: Der Eigentümer ist auch Nutzer. Dann kann die Spekulationssteuer auch schon nach 6 Jahren erlassen werden. – Wie beim „Investor“ des Stattbads, Arne Piepgras, der, tatsächlich, sein Büro pro forma im Stattbad meldete. Die „im Internet“ kursierende Konspirationstheorie, dass Piepgras auf eine Verkürzung der Spekulationsfristen – nun: spekuliere, war weniger konspirativ als offenbar.
Es gibt hier eine gewisse Tradition. Seit Anfang der Nuller Jahre agiert Piepgras als Strohmann für einen österreichischen Immobilienfonds. Eine Wiener Melange mit tschechischem Topping sozusagen; eine millionenschwere k.u.k.-Possie, solvent und mit viel Tagesfreizeit, die billige Anlagemöglichkeiten sucht. Erst war es die „Villa“ in der Landsberger Allee 54, dann das „Stattbad“ im Wedding und schließlich die „Dragoner-Kasernen“ im Kreuzberger Westen. An letzterer biss sich Piepgras’ Tarnfirma „Dragonerhöfe GmbH“ bekanntlich die Zähne aus. Im September des vergangenen Jahres stoppte der Bundesrat den Verkauf. 3
Dabei war allen Fällen die Bespielung der Spekulationsobjekte durch Künstler/innen und Künstlergruppen gemeinsam; oder wenigstens deren vollmundige Ankündigung. Im Falle des Stattbad gelang es Piepgras, die Nutzung des Gebäudes gar in die Diskussion um die Berliner Kunsthalle einzubringen. Das machte Wind und brachte, insbesondere beim Schlagabtausch mit dem seinerzeit als Staatssekretär für Kultur ondulierenden Berufsschnösel André Schmitz, einige Presse. Inzwischen hat der Irrsinn hier ganz neue Wendungen genommen.4 Wie bei der „Villa“ im Friedrichshain kam auch im Wedding der Zirkus ins Dorf, ließ, Großes versprechend, einen internationalen Kunstraum entstehen und zog, mit der Hinterlassenschaft großer Illusionen, nach der Verrichtung seines Programms weiter.
Das Ganze aber bitte nicht ohne den Slapstick der Schlussvorstellung. Der Geschäftsführer des Vereins, der Manager, der bereits zum Personal der „Villa“ gehört und auch dort bereits das Feld mit Miete zahlenden Künstlern bespielt hat, der, jahrelang in der Rolle eines unerschrockenen Manegendompteurs den Zirkus in Betrieb hält, immer neue Nummern ansagt; durch die Ateliers mit offenem Munde umherläuft; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; vor jedem Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich, schon vom Baustaub umweht, mit der Kasse des Vereins Stattbad Wedding verschwindet – da dies so ist, erkennen wir hier die „Scripted Reality“ Bildender Künstler/innen, die, den Autor dieser Zeilen eingeschlossen, in der enteigneten Stadt als Marionetten der Immobilienoligarchie fungieren dürfen. Und, als wäre das noch nicht genug Kakao, auch noch von ihm trinken, indem sie mit ihren Mietzahlungen die schwarze Null des laufenden Betriebs absichern helfen. Aber irgendwann ist auch der an den Mühlen der Spekulation totgeritten, und so kommt der lahme Gaul der Zwischennutzung und der kurzfristigen Verträge vor den Abdecker. Nach dem Auszug der letzten Mieter im März begannen im Herbst die Abrissarbeiten.
Weniges bleibt, außer vielleicht das Credo der Entfremdung: „Es ist, wie es ist.“ Eine Änderung scheint kaum in Sicht. Der Mann, der vor zehn Jahren, als das Innenministerium mangels Islamisten im Rahmen des G8-Gipfels in Heiligendamm noch unaufhörlich vor linkem Terror warnen musste, kurzerhand, d.h. nach alter Sitte im Morgengrauen verhaftet und vor den Generalbundesanwalt gebracht worden war, weil ein eifriger Beamter des BKA den Begriff „Gentrifizierung“ ge­googelt und daraufhin einen Text des Soziologen Andrej Holm gefunden hatte – der Mann, der vor 10 Jahren wegen der vollständigen Haltlosigkeit der Anschuldigungen wieder freigelassen werden musste, ist eben jener Andrej Holm und, er wurde beim Schreiben dieses Artikels Staatssekretär für Wohnungsbau, beim Erscheinen des Heftes allerdings war er auch auf Betreiben der Immobilienmafia und ihrer Vertreter in den Westberliner Frontstadtmedien schon wieder entlassen.Johannes Wilms


1 https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Berliner_Bankenskandal&oldid=156060847

2 Wenigstens zeigt die Monopolsuchmaschine unserer Wahl unter der Überschrift „Will man Schwyz eigentlich sturmreif schiessen?“ die Formulierung „die Bodenpreise gehen durch die Decke“, und zwar zwischen Werbung für „Cartier“ und „immobaz“ in der Basler Zeitung online - die Deckenhöhe indes bleibt unerwähnt.
http://bazonline.ch/schweiz/standard/Will-man-Schwyz-eigentlich-sturmreif-schiessen/story/30587055

3 vgl. die aktuellen Mitteilungen auf http://www.upstall.de/

4 Eine Museumshalle ist ausgeschrieben und soll, märchenhaft wie bei des Kaisers neuen Kleidern, nach einem Entwurf von Herzog und de Meuron in Gestalt einer Baracke ihre dauerhaft provisorische Form finden. Ein architektonischer Bankrott, der wohl nur dazu taugt, auf dem Kunstforum den maximalen Kontrapunkt zu Scharouns phänomenologischen und Mies van der Rohes metaphysischen Träumereien zu bilden.


*SP38
Tobias Preuß „Abriss Stattbad Wedding“, 2016