Über das DDR Museum

/ Eines der interaktivsten Museen ... und auch eines der unreflektiertesten

2011:Aug // Sandra Teitge

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07-2011
















Vor wenigen Wochen besuchte ich zum ersten Mal das DDR Museum. Direkt an der Bootsanlegestelle für Stadtrundfahrten gegenüber dem Berliner Dom gelegen, zieht es hauptsächlich Touristen an, einige eher zufällig, andere ganz bewusst. Als eine in Ost-Berlin geborene und seit 1989 gesamtdeutsche Kunst- und Kulturinteressierte war dies einer jener Orte, dem ich schon seit längerem einen Besuch abstatten wollte. Das Warten hatte sich gelohnt. Der Eindruck war umso prägender.

Unweit des ehemaligen Regierungsviertels der DDR, im ­City- Quartier DomAquarée, wo bis zum Jahr 2000 das nur für Gäste aus dem Westen zugängliche Palasthotel der DDR stand, präsentiert sich seit 2006 das DDR Museum. Der Freiburger Ethnologe Peter Kenzelmann hatte 2005 auf einer Berlin-Reise vergebens ein Museum zur DDR gesucht und entschloss sich daraufhin, zusammen mit dem damals freiberuflichen Kulturmanager Robert Rückel, selbst die Initiative zu ergreifen und aus privaten Mitteln ein Museum zu entwickeln – mit großem Erfolg. Die Besucherzahlen steigen seit der Eröffnung stetig und im Januar 2008 wurde das DDR Museum für den „European Museum of the Year“-Award als bestes Europäisches Museum des Jahres nominiert. Im Oktober 2010 wurde die Ausstellungsfläche auf etwa 1.000 qm mehr als verdoppelt und der zweite Teil der Dauerausstellung mit zahlreichen neuen Themengebieten und neuen Medienstationen eröffnet. Zum selben Termin öffnete auch die Domklause, ein dem Museum angeschlossenes DDR-Restaurant. Als wissenschaftlicher Leiter wurde wenig später, der (ost-)deutsche Historiker Stefan Wolle berufen, dessen Schwerpunkt auf DDR-Forschung liegt. Er soll dem Museum die nötige historisch-objektive Einbettung geben.

So weit so gut. Bei näherer Betrachtung, d.h. konkret bei einem Besuch des Museums, trübt sich jedoch dieser zunächst durchaus positiv erscheinende Eindruck. Nun mag es an meiner DDR-Vergangenheit liegen, dass ich besonders empfindlich auf die spielerische, an einen Erlebnisparcours erinnernde Darstellung des DDR-Alltags reagiere. Das Museum widmet sich explizit und unmissverständlich dem „Leben in der ehemaligen DDR“ und tritt als „Geschichte zum Anfassen“ auf. Tatsächlich kann fast alles angefasst, ja geradezu durchstöbert werden. Sämtliche Exponate sind in offenen bzw. teilweise verglasten Fächern einer begehbaren, modellhaften Plattenbausiedlung im 1:20-Maßstab ausgestellt und – man fragt sich, ob absichtlich oder nicht – in nachlässiger Weise präsentiert. Gleich am Eingang stößt man auf einen zum Probesitzen bereit stehenden „Trabi“. (Die aus dem Volksmund eingebürgerten Namen bestimmter Objekte liest man häufig, wahrscheinlich um die Authentizität und den Unterhaltungswert zu erhöhen.) Etwas weiter kann man es sich in einem stilechten Wohnzimmer samt Fernseher und Büchern bequem machen und historische Ost- und West-Sendungen schauen. Denn, so wird das auch gern vom stark berlinernden Führungspersonal betont, der Ostdeutsche genoss das Privileg, Westfernsehen empfangen zu können. Das DDR-Restaurant, in dem Soljanka et al. serviert werden, und der DDR-Shop, der jene DDR- Reliquien verkauft, die im Museum ausgestellt werden, unterstützen diesen überwiegend anekdotenhaften und erlebnisorientierten Eindruck.

Ich will nicht verleugnen, dass in mir beim Anblick dieser Rekreation des ostdeutschen Alltags durchaus auch (n)ostalgische Gefühle auftauchten. Erinnerungen an das Geschirr meiner Familie, welches fast jedem anderen Haushalt der DDR glich, an die typischen Möbel, an die Kleidung meiner Großmutter, an Gerichte und Ritualien. Jedoch konnte ich mich dieser Stimmung nicht widerstandslos hingeben, da gleichzeitig ein Unwohlsein in mir aufstieg. Dieses entstand besonders durch die bereits erwähnte Art der verklärten Gestaltung sowie die Betonung bzw. Vernachlässigung bestimmter Themen, durch den anekdotischen Ton der begleitenden Texte sowie das Fehlen kritischer Stimmen. Wieso wird die Freikörperkultur so prominent wie geschmacklos präsentiert, dagegen bspw. die politisch motivierte Republikflucht in die hinterste Ecke des zweiten Ausstellungsteils gedrängt? Je mehr ich sah, desto mehr verlangte es mir nach einer weiteren Reflektionsebene.

Sicher, im DDR Museum wird immer auch auf die negativen Seiten des Systems hingewiesen. Jedoch ist die unseriöse Art und Weise dieser Anmerkungen problematisch, da sie die Realität verharmlosen und ins Lächerliche ziehen, z.B. folgendermaßen: „Die Ökonomen in der DDR waren dazu verdonnert, Hexenmeister zu spielen.“ Ob dieser Tonfall eine sachliche und ernsthafte Auseinandersetzung mit den Problemen des Systems ermöglicht, ist fraglich. Der Fokus auf den sozialistischen Alltag in der DDR und die Marginalisierung von politischer Verfolgung und Verleumdung ist von den Museumsleitern gewollt, so heißt es. Sie wollen zeigen, „dass die Diktatur nicht nur durch Mauer und Stasi geprägt war, sondern auch durch die Menschen, die in ihr lebten“, sagt Direktor Rückel. Ganz zu vergessen scheinen sie Phänomene wie das DDR Hostel namens Ostel nahe dem Ostbahnhof, die Trabi-Safaris sowie Filme wie „Good Bye Lenin“, die aus meiner Sicht bereits recht umfassend besagten Alltag beschreiben. Sicher sind diese nicht mit einem ständigen Museum vergleichbar. Wer sich jedoch DDR Museum nennt, sollte den ausgestellten Ostalltag fundiert einbetten und verschiedene Sichtweisen distanziert präsentieren, anstatt nur kurz am Eingang, leicht zu übersehen, einen knappen historischen Abriss zu geben. Die Entscheidung, den politischen Teil der Ausstellung erst nachträglich und dann auch noch in den zweiten Abschnitt des Museums zu platzieren, und nicht als einführende Instanz zu positionieren, zeigt die unbedachte Herangehensweise der Initiatoren. Weiterhin bekräftigen sie ihr Ziel, nicht ein Museum „für den DDR-Historiker, der eh schon alles weiß, [zu machen], sondern eines, das Leute neugierig macht und ihnen Gelegenheit gibt, etwas zu lernen, auch wenn ihnen das Vorwissen möglicherweise fehlt“. Doch ist es nicht gerade für solch ein Publikum wichtig, eine andere Ebene zu präsentieren? Stattdessen wird die Interaktivität des Museums hoch angepriesen – quotenbedachtes Infotainment. Schulklassen können an Museumsspielen teilnehmen, in denen die Schüler ganz unverfangen in die Rolle einer Gruppenführerin der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) schlüpfen oder alte DDR-Lieder singen. Wäre es hier nicht sinnvoll, zunächst einmal auf die Gründungsgeschichte und die politische Philosophie der DDR hinzuweisen, besonders wenn es sich nicht um besagte DDR-Historiker handelt? Dies würde dem Rest der Ausstellung eine wesentlich höhere Legitimation verschaffen, zumindest aus meiner ganz persönlichen ostdeutschen Sicht.

DDR Museum, Karl-Liebknecht-Straße 1, 10178 Berlin Montag–Sonntag, 10–20 Uhr, Samstag, 10–22 Uhr

Toilettenpapier (© DDR Museum, Berlin)
DDR Restaurant (© Sandra Teitge)
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