Heinrich-Zille-Museum

2007:Jul // Heinrich Dubel

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07-2007









770 Jahre Berlin. Erste Siedlungen lagen in Alt-Cölln auf der Fischerinsel und am gegenüberliegenden Spreeufer, wo sich heute das Nikolaiviertel befindet. Einige historische Bebauung blieb erhalten und wurde noch zu DDR-Zeiten zurechtgemacht als Schmuckkästchen. Dazwischen stellte man neue Häuser, die mehr schlecht als recht dahineinpassten. In einem dieser Gebäude kann der neugierige Besucher das Heinrich-Zille-Museum finden. Die schmale Eingangstüre liegt im Säulengang hinter einem halben Dutzend Postkartenständer versteckt, ausgestattet mit nicht mehr als einem Schild, das nur sehen kann, wer direkt davor steht.

Kurt Tucholsky hatte nach Heinrich Zilles Ableben im Jahre 1929 den Verantwortlichen der Stadt vorgeworfen, "nichts, aber auch gar nicht das leiseste" zu tun, diesem und seinem Werk eine Stätte zu widmen. Der Stadt war's egal und blieb es auch. Obwohl Zille schon zu Lebzeiten einer der (über die Stadtgrenzen hinaus) bekanntesten Berliner Künstler war, wurde das Museum erst 2002 eröffnet, nach einigen Jahren Vorbereitung und Geldsammelns, organisiert von der privaten Heinrich-Zille-Gesellschaft.

Untergebracht wurde das Museum im düstergebeizten Ambiente der ehemaligen Ankleideräume des SED-Zentralkomitees, die später noch der Firma Triumph als Unterwäschestudio dienten. Von dieser Vergangenheit ist heute nur mehr das Treppengeländer übrig. Das Museum wurde von Dezember 2006 an renoviert und eröffnete am Gründonnerstag mit neuem Konzept. Zur Wiedereröffnung spendierte der Stadtmöbelfabrikant Wall die Plakatkampagne "Komm ins Zille-Museum". Das offenbar das Jahrhundert überdauernde Desinteresse der Stadt an einem Museum für seinen achtzigsten Ehrenbürger lässt sich mit der Ambivalenz erklären, die nicht nur Heinrich Zilles Wirken und Werk eigentümlich ist, sondern der auch deren Rezeption unterliegt.

Wiewohl in späteren Jahren Mitglied der Akademie und noch Professor, zu seinem Siebzigsten mit der Sonderschau "Zilles Werdegang" im Märkischen Museum geehrt, bei welcher Gelegenheit die ungeheure Popularität des Jubilars sichtbar wurde, als hinter diesem "der ganze Wedding stand, der alsbald einen Sturmangriff" auf die Ausstellung unternahm, wie der damalige Direktor vermerkte, war Heinrich Zille der Ruhm nicht in die Wiege gelegt. Als Kind redlicher Handwerker und zeitweise bitterarmer Eltern hatte er das Glück, dass diese ihn nicht davon abhielten, seinen geringen Überschuss in Privatzeichenstunden zu investieren, und im alten Zeichenlehrer Spanner einen zu finden, der Zilles Talent erkannte und förderte und ihm, der dem Fleischerhandwerk davongelaufen war, eine Lehranstellung beim Lithographenmeister Fritz Hecht verschaffte. Zille wurde Kunsthandwerker, und obwohl er sich noch während der Lehrzeit bei den Professoren Domschke und Hosemann in abendliche Fortbildung begab, sollte ihm dieses Handwerkersein wie ein Makel anhaften.

Es dauerte bis in die Zeit der Berliner Secession, bis Zille von den damals vorwärtsweisenden Künstlern wie Liebermann, Kollwitz, Barlach oder Meyrinck erkannt und anerkannt wurde. Zille, der 30 Jahre lang als Angestellter der "Berliner Photographischen Gesellschaft" arbeitete und erst 1907 - nachdem man ihn aus Altersgünden entlassen hatte - den Schritt zum selbstständigen Künstler tat, publizierte massenhaft in Illustrierten und verkaufte billige Drucke an das Volk. Zwar erlangte Zille in seinen Portraitskizzen und Aktzeichnungen (15-20.000 dieser "Kritzeleien", wie er sie nannte, sind erhalten), seinen Radierungen und Lithografien künstlerische Meisterschaft. Dass er diese Meisterschaft nutzte, das elend Menschliche und das menschliche Elend darzustellen, dafür wurde er von denen geliebt, die dieses Elend lebten - von den Verrufenen, dem Subproletariat, der Unterwelt oder dem "fünften Stand", wie die Bezeichnung lautete, für deren Verwendung sich Zille einsetzte. Es machte ihn nicht zum Künstler, zumindest nicht zu einem der "feinen Gesellschaft", sondern ließ ihn ein Witzblattzeichner einfacher Leute sein.

Dass er sich in diesem "Milljöh" bestens auskannte, deftigste Geschichten zu erzählen hatte von dicken Bäuchen, quellenden Busen und prallen Hintern und diese mit Vehemenz aufschrieb und -zeichnete, mag dem Zugang zu fortschrittlichen Künstlerkreisen nicht abträglich gewesen sein. Dort hörte man solche Geschichten nur zu gerne. Ernst Barlach verzeichnete in seinem "Güstrower Tagebuch": "Wir saßen bis nach zwei Uhr bei Zilleschen Geschichten, wobei man nicht wusste, durch welche Schlitze seine Augen in was für Höllenkammern des Erdenlebens zu blicken gewohnt sind. Man verträgt einen Puff, aber man fühlt endlings so einen Gefühlsschlaganfall im Leibe zucken, einen Ekelkrampf." In der späteren Rezeption seiner Werke wird Zille auf diese Arbeiten und Geschichten, wie wahrhaftig und stark sie auch immer sein mögen, verkürzt werden.

Der Berliner Kunsthistoriker Matthias Flügge, selbst Mitglied der Akademie am Pariser Platz, ist einer der wichtigsten privaten Sammler von Zilles Werken. Als solcher (und als Mitglied des Museumsvereins) war er maßgeblich an der Konzeption der aktuellen Ausstellung des Heinrich-Zille-Museums beteiligt. Über das wahre Ausmaß seiner Beteiligung äußert er sich zurückhaltend. Seine Interessen liegen dort, wo wissenschaftliche Arbeit zu erbringen ist, etwa über die tatsächlichen repro-technischen Leistungen Zilles, gar über mögliche Anteile an Erfindungen wie der des "Klischee", einer Technik, mit welcher der Druck von Fotografien in Zeitungen ermöglicht wurde. Flügge will Heinrich Zille denn auch "freilegen von Schichten der Folklore und des triefenden Berlin-Kitsches". Die aktuelle Ausstellung "Zeichner und Photograph" ist für ihn ein erster Schritt in dieser Richtung.

Gezeigt werden - bei gedämpfter Beleuchtung, die Originale vertragen nur wenig Licht - an die 50 Skizzen (Gesichter und Körper, Gebäude und szenische Details, etwa aus dem Schlachthof), eine ebensolche Zahl an Aquarellen, Farblithographien, Kreidezeichnungen und Radierungen (darunter auch die Originalkladde "Hurengespräche", der berühmten, im Wortsinne pornografischen Arbeit). In einem weiteren Raum liegen - sicher unter Vitrinenglas verwahrt - Originalexemplare des sehr umfangreichen auflagenpublizierten Werkes: die naiven Abenteuer zweier WK1-Soldaten als Postkartenserie (Zille ergab sich bei Kriegsausbruch der allgemeinen patriotischen Begeisterung), Illustrierte, Werbung (u.a. auch für die "Zille-Zigarette"). Zu sehen sind auch Abfallergebnisse Zilleschen Schaffens, etwa ein Fehldruck mit kritischen Anmerkungen von Zilles Hand, dem späteren "richtigen" Ergebnis gegenübergestellt, oder ein zart bemalter Deckel eines Farbkastens. In einem Nebengelass wird der Film "Det war Zille sein Milljöh" gezeigt.

Die eigentliche Attraktion des Museums sind jedoch zweifellos die fotografischen Arbeiten, denn das fotografische Werk Heinrich Zilles ist einer größeren Öffentlichkeit nahezu unbekannt, obwohl bereits Mitte der 60er Jahre etwa 300 Glas-Negative aus seinem Nachlass auftauchten. Unter den im Museum gezeigten Fotos sind auch dreißig antiquarische Abzüge, wohl von Zilles eigener Hand erstellt. Zille war nicht nur mit seiner sozialdokumentarischen Fotografie, deren Motive er immer wieder in seine grafischen Kompositionen einbaute, "in den Jahren 1890 bis 1912 medientechnisch ganz vorn", so Matthias Flügge, der das Buch "Heinrich Zille - Das alte Berlin: Photographien 1890-1910" herausgegeben sowie weitere wissenschaftliche Texte zu Zille verfasst hat. Flügge organisiert pünktlich zum 150ten Geburtstag Heinrich Zilles im Januar 2008 eine große Ausstellung in der Akademie am Pariser Platz, in welcher dessen Werk erstmals angemessen kritisch und umfassend gewürdigt werden soll.

Heinrich Dubel   Heinrich-Zille-Museum
Propststraße 11, 10178 Berlin
Montag bis Sonntag von 11-18 Uhr
„‘s dunkle Berlin“, Radierung und Aquatinta, 1898 (aus H. Zille, Zeichner der Großstadt, Hrsg. M. Flügge u. H.J. Neyer, Verlag der Kunst 1997) (© the authors)
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