Jackson Pollock

Deutsche Bank KunstHalle

2016:April // Alina Rentsch und Luisa Kleemann

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04-2016

Alles ist erlaubt

„Jackson Pollock’s Mural – Energy Made Visible“: Beeindruckt von der höchst pathetischen Betitelung der aktuellen Schau in der Deutsche Bank KunstHalle, starten wir in die Räumlichkeiten des ehemaligen Deutsche Guggenheim. Dr. ­David Anfam, Senior Consulting Curator am Clyfford Still Museum in Denver und den Quellen zufolge profiliertester Kenner des Abstrakten Expressionismus wurde als Gastkurator der vom University of Iowa Museum of Art organisierten Ausstellung beauftragt.
Der Mythos Pollock springt uns schon gleich nach Eintritt in die Gemächer by Deutsche Bank ins Gesicht, bereits der Titel der Ausstellung verrät Pollocks angeblich bedeutendstes Gemälde der Moderne aus dem Jahr 1943 als Publikumsmagnet und Kassenschlager. Andy Warhol, Robert Motherwell oder Laszlo Moholy-Nagy werden lediglich zu Statisten der Kontextualisierung. Laut Pressetext der Deutschen Bank KunstHalle überzeugt „Mural“ als größtes Gemälde, das Pollock je schuf, durch „epische Größe, Geste, gewagte Farbigkeit und Mut“ und diente somit als „Fundament für den Abstrakten Expressionismus“. Die eigentliche One-Man-Show kreist um die Entstehung, die Quellen und die Nachwirkungen dieses legendären Gemäldepanoramas. Jackson Pollock erlangte durch „Mural“, eine Auftragsarbeit für die Sammlerin, Galeristin und Mäzenin Peggy Guggenheim dank ­ihrer weitläufigen Netzwerke Ruhm und Ehre. Peggy Guggenheim schenkte nach der Übersiedlung nach Europa einige Werke ihrer Sammlung, darunter auch „Mural“, der University of Iowa School of Art and Art History. Julia Voss beschreibt, dass „private Sammler oder Galerien einen erheblichen Einfluss darauf (nehmen), welche Künstler und Werke in den Kanon eingehen. Sie geben Geld für Ausstellungen, sie finanzieren Kataloge, sie leihen oder schenken Werke an Museen oder errichten eigene Privatmuseen. Ihr Geschmack und ihre Interessen prägen also die Kunstgeschichte von morgen.“(1) Pollock bestätigt als Ausnahme die Regel. Die Sammlung des University of Iowa Museum of Art durchwandert gegenwärtig, durch eine Hochwasserkatastrophe bedingt, mehrere Städte: von Venedig geht es über Berlin nach Málaga und London. Pollocks Wandgemälde wurde eigens für diese Ausstellungen vom Getty Conservation Center in Los Angeles gereinigt und restauriert, um wieder zu seiner ursprünglichen Strahlkraft zurückzufinden.
Uns lacht die prominente Pracht direkt an. Mittig im Raum sind infrastrukturelle Angebote in Form von Sitzbänken eingerichtet, so dass die Besucher vor Pollock Rast machen und sich in das legendäre Gemälde vertiefen können. „Die räumliche Gestaltung des Hauses strukturiert die Handlungsmöglichkeiten der Besucher dementsprechend vor, indem mögliche Haltestellen angeboten werden“(2), so Kulturwissenschaftlerin Luise Reitstätter in einem Buch über das Handlungsfeld Ausstellung. Das (Über)Angebot an Entschlüsselungshilfen für die Kunst in der Ausstellung durch Booklet und Informationen an den Wänden strotzt vor Pollock. Die Entschlüsselung von Kunst steht im Fokus, aber ist diese Übermittlung an ein breitgefächertes Publikum, an Kinder und Jugendliche, Blinde- und Gehörlose, wichtig, ja sogar nötig? Oder wird jede Form von Vermittlung nur als Vermarktungsstrategie ausgeschlachtet? Kann diese Form von Vermittlung der Kunst trotzdem zu Gute kommen, indem durch die angesprochene breite Öffentlichkeit das Interesse an Kunst überhaupt erst zugänglich gemacht oder verstärkt und die Notwendigkeit der Förderung verdeutlicht wird? „Während Bourdieu meint, dass Kunst nur derjenige entschlüsseln kann, der die Mittel dazu hat und sich dabei an einem klassenspezifischen Distinktionsmodell orientiert, ist fraglich, ob dies heute und insbesondere in der zeitgenössischen Kunst (...) noch so gesehen werden kann.“(3)
Im Flur zum Art Store befinden sich zur Analyse animierende Tafeln. Fachliche Informationen zu Pigmenten und Farbschichtungen sowie zur Restauration mit Vorher-Nachher-Vergleich runden die Entschlüsselung ab. Im Store erwartet uns dann ein vielfältiges Angebot an Sprenkelware, von pollockschen Puschen bis hin zu „dripping“-Vasen oder Action-Painting-Sets mit peppigem Pollock-Motiv. Mit Hilfe von Microsoft Surface Pro-Tablets können Besucher eigene Pollock-Kreationen gestalten und sich gleich gegenüber in der Digital Eatery ihren wohlverdienten Muffin gönnen – diesen gibt es nämlich für den eifrigen Mitmacher für umme. Gleiches gilt auch für die „I like Mondays“-Lectures, jeden Montag gibt es kostenlose Kurzführungen und freien Eintritt. Als Privatinstitution ist die Deutsche Bank KunstHalle nicht an festgelegte Öffnungszeiten gebunden und keinem Forschungsauftrag verpflichtet.
Rund die Hälfte der Kunstwerke in der Berliner Ausstellung stammt aus Iowa, neben dem Museum of Modern Art, der Peggy Guggenheim Collection in Venedig und der Kunsthalle Bielefeld haben auch private Sammler und Galerien wie beispielswiese die Bruce Silverstein Gallery New York oder die Galerie Kicken Berlin die Chance genutzt, sich mit Leihgaben in der Schau zu brüsten. In der offiziellen Presse-Information und im Booklet der Ausstellung ist jedoch nicht explizit von Galerien die Rede, sondern von Sammlungen, hinter denen sich klanglos feilbietende Galerien verbergen. Durch die Präsentation in Privatmuseen oder staatlichen Institutionen erlangen die Leihgaben bekanntermaßen wachsenden Bekanntheitsgrad, weswegen der Symbolwert, aber natürlich auch der Marktwert steigt. Die Sphären von Galeriegeschäft und Museum greifen deutlich ineinander über, wenn eine Institution neben den eigenen Beständen auch Arbeiten anderer Häuser oder Galerien ausstellt.
„Durch die Nutzung von Kunst als Teil von Anlagestrategien und durch die Vermögen der sogenannten Megasammler, sind die Summen, die für zeitgenössische Kunst ausgegeben werden, dramatisch gestiegen und ‚ein enormes Volumen an ökonomischem Kapital (drängt) in die Welt der Kunst‘.“(4) Laut dem Kunstsoziologen Ulf Wuggenig beschreibt die Finanz­elite eine neue Sammlerkategorie, wodurch der „kalkulierende Habitus“(5) zunimmt. „Es ist wichtiger, der Wirtschaft zu zeigen, dass Kunst für die Wirtschaft wichtig sein kann, als der Kunstwelt zu erklären, warum Kunst in Unternehmen wichtig ist“,(6) zitiert Christiane Fricke im Handelsblatt die beiden Herausgeber des Bildbands „Corporate Collections“ (2012), Rahmenfabrikant Friedrich Georg Conzen jun. und Olaf Salié, Geschäftsführer des Verlags Deutsche Standards. Die Deutsche Bank besitzt als eine der größten „Corporate Collections“ über fünfzigtausend Gemälde, Fotografien, Drucke und Zeichnungen. Zuallererst stehen Unternehmenssammlungen „neben geschmacksbildenden Maßnahmen im Zeichen der Vermarktung“(7) und werden zu Repräsentations- und Marketingzwecken genutzt, wodurch diesen Sammlungen zu Recht eine „gewisse Zweitklassigkeit“(8) zugeschrieben wird. Stephen McCoubrey, einer der Kuratoren der UBS Art Collection, verdeutlicht, dass Kunst jedem Unternehmen Persönlichkeit verleiht. Zeitgenössische Kunst charakterisiere dementsprechend Unternehmen als dynamisch und stetig wachsend, als integralen Bestandteil der modernen Welt.(9)
Insbesondere in staatlichen, aber eben auch in sich als seriös gerierenden privaten Museen erwarten wir eine neutrale Form der Darbietung der eigenen Sammlungen und Leihgaben, keine eigennützigen, verherrlichenden Erläuterungen zu Künstlerkarrieren und Exponaten, keine Ablenkung von der Ausstellung. Stattdessen sachliche, inhaltliche Hintergründe und keine bloß Renditezwecken und Prestige dienende Präsentation der Institution.
Kunst braucht Vermittlung im Sinne von schnörkellos-ernsthaften Informationen, unbedingte Förderung, nicht aber wie in der KunstHalle, durch marketingorientierte Lobhymnen, infantile Erklärungen und: Muffins.


1 Julia Voss: „Hinter weißen Wänden / Behind the White Cube“, Merve Verlag, Berlin 2015, S. 76
2 Luise Reitstätter: „Die Ausstellung verhandeln – Von Interaktionen im musealen Raum“, [transcript] Edition Museum, Bielefeld 2015, S. 139
3 Ebd., S. 178
4 Julia Voss (2015), S. 77
5 Zitiert nach: Julia Voss, Niklas Maak: „Groß, größer, am Größten – Gigantomanie in der Kunst“, faz.net, 28.08.2014, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/gigantomanie-der-kunst-gross-groesser-am-groessten-13118737-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3 [03.03.2016]
6 Christiane Fricke: „Corporate Collections – Unternehmen als Kunstsammler“, handelsblatt.com, 14.10.2012, http://www.handelsblatt.com/panorama/kultur-kunstmarkt/corporate-collections-unternehmen-als-kunstsammler/7248376.html [03.03.2016]
7 Luise Reitstätter (2015), S. 25
8 Christiane Fricke (2012), wie Fußnote 6
9 vgl. Alastair Sooke: „Corporate collections: The greatest art you can’t see“, bbc.com, 14.08.2014, http://www.bbc.com/culture/story/20140814-the-greatest-art-you-cant-see [01.03.2016]

„Jackson Pollock’s Mural: Energy Made Visible“, Deutsche Bank KunstHalle, Unter den Linden 13/15, 10117 Berlin, 25.11.2015–10.4.2016

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Lukas Quietzsch und Philipp Simon