David Wojnarowicz, Frank Wagner und Anne Imhof

KW, Tate Modern

2019:September // Barbara Buchmaier

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09-2019

Ich, weit weg – Ich, nah dran?


Mit den Ausstellungen „David Wojnarowicz – Photography & Film 1978–1992“ und „Ties, Tales and Traces – Dedicated to Frank Wagner, Independent Curator (1958–2016)“, die im Frühling in den KW stattfanden (zu ­Wagner gab es auch einen Teil bei „Between Bridges“) tauchte das Thema AIDS, um das es doch recht ruhig geworden war, plötzlich wieder auf in der Kunst. Wenn auch retrospektiv, ging es am Beispiel von Wojnarowiz (1954–1992) und dessen künstlerischem Umfeld u. a. darum, zu erinnern, wie queere Künstler Anfang der 1980er-Jahre in New York von der Epidemie und der parallel dazu in Downtown einsetzenden Gentrifizierung1 überrascht wurden und sich so, großteils selbst betroffen, nach und nach u. a. in der Gruppe ACT UP („Silence = Death“) organisierten und aktivistisch dafür einsetzen, die Behandlung der Krankheit, die vom Establishment (darunter federführend Präsident Reagan) völlig „übersehen“, verschwiegen bzw. verachtet wurde, voranzutreiben. Über die frühen 80er-Jahre, in denen New York pleite war, liest man 2018, also fast 40 Jahr später, in der New York Times: „People lived louder and larger than they had just years before. They also died younger, in unforeseen ways. Extravagance and AIDS: These were the yin and yang of New York then, and they infused the city with an intensity and creative energy that changed it forever.“2 Von der vielteiligen, durchaus ambivalente Gefühle erzeugenden Ausstellung über Wojnarwicz sind mir vor allem die Bilder aus der Diashow von Andreas Sterzing in Erinnerung geblieben: „Pier 34 Slide Show“, 1983–1984. Da konnte man sehen, wie Künstler*innen in dem dem Verfall preisgegebenen Pier am Hudson River performten, posten, Wandbilder, Graffitis und Installationen machten, wie sie einzeln oder gemeinsam abhingen … Anders als auf den bekannten Fotos von Alvin Baltrop, die großteils noch aus der Zeit vor der Aids-Krise stammen (nicht in der Ausstellung), sieht man bei Sterzing weniger Sex als eben alternative künstlerische Aktion und deren Ergebnisse. Vielleicht ein bisschen wie in Berlin Anfang der 1990er-Jahre, Tacheles und so: „arm aber sexy“ (das Wowereit-Zitat stammt erst aus dem Jahr 2003, er war von 2001–2014 Regierender Bürgermeister). Ein Gefühl von Aufbruch und Freiheit in einer ungewissen, prekären Situation, die es so wohl nie wieder geben wird. Auf jeden Fall ist das alles noch nicht lange her, und trotzdem fühlt man sich ziemlich weit davon entfernt – oder? (Eine Recherche dazu, wie Kunst und Aids im geteilten Berlin der 1980er-Jahre zusammengetroffen sind, steht für mich noch aus.)
Von der sehr dichten, dem Leben und (Ausstellungs-)Werk des 2016 verstorbenen, unabhängigen Kurators Frank Wagner gewidmeten Ausstellung, die in den KW im Vorderhaus auf einer im Verhältnis zur Wojnarowicz-Schau deutlich kleineren Fläche stattfand (warum?) und durch einen zweiten, mit Kunstwerken u.a. von Sunil Gupta, ­Hunter Reynolds, Piotr Nathan und Felix-Gonzales Torres sowie Vasen von Alvar Aalto aus Wagners Besitz bestückten Ausstellungsteil bei „Between Bridges“ ergänzt wurde, sind mir vor allem die vielen grauen Kisten mit seinem Nachlass – und, noch stärker, ein Satz aus dem Begleittext in Erinnerung geblieben: „Seine unabhängigen, projektgebundenen Tätigkeiten ließen ihn als Kurator flexibel bleiben, bescherten ihm jedoch ein Leben in existenzieller Unsicherheit. Dennoch gelang es Wagner, mit sensibler Radikalität seine politischen Fragestellungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen, alltäglicher Gewalt, Rassismus, Kolonialismus, Faschismus, Homophobie und marginalisierter Sexualität konsequent zu verfolgen.“ Diese Beschreibung des Kurators und Menschen, den ich selbst kaum kannte, beeindruckt mich sehr.
Dass Wagner, der sich „bereits in den 80er-Jahren (...) mit Genderfragen und marginalisierter Sexualität“3 beschäftigte und als sich selbst damit identifizierender Pionier zahlreiche bedeutende Ausstellung zum Thema „Aids“ zusammenstellte, über vier Jahrzehnte ein bedeutendes Mitglied des „RealismusStudios“ der nGbK4 war und später auch für große Museen kuratierte (z.B. Museum Ludwig, „Das achte Feld“, 2006), 1992/93 in den KW mit der Präsentation „David Wojnarowicz – Ein Gedenkraum/A Memorial Exhibition“ an das Schaffen des 1992 an den Folgen von AIDS verstorbenen Wojnarowicz erinnerte, dessen Arbeiten er mehrfach ausgestellt hat, fand ich genauso beeindruckend. Denn damals gab es darum, wie ich mir vorstelle, vermutlich noch keinen „Hype“ wie heute: Wojnarowicz’ Arbeiten wurden kurz vor der Berliner Ausstellung beispielsweise im Sommer 2018 im New Yorker Whitney Museum gezeigt und in der Zeitschrift Artforum groß gefeaturet (Ausstellungsbesprechung u. a. auch bei Frieze). Das ikonische Porträtfoto, das Wojnarowicz mit zugenähtem Mund zeigt (Fotograf auch hier: Andreas Sterzing), dürfte inzwischen im Mainstream angekommen sein.

Zum Schluss noch eine Beobachtung, die mich aktuell beschäftigt bzw. am Denken hält: Parallel zu den beschriebenen Ausstellungen in den KW fand ja „SEX“ von Anne Imhof (als „BMW Tate Live Exhibition“) in den Tanks der Londoner Tate Modern statt (weitere Stationen in Chicago und Turin). Diese zeitliche Überschneidung lässt mich fragen, warum im Kontext der Arbeiten der 1978 geborenen, viel gefeierten und ausgezeichneten Künstlerin „Aids“ bisher nie zum Thema wurde – alles scheint da weit entfernt, vermutlich auch weil die Krankheit aufgrund besserer Medikationsmöglichkeiten heute nicht mehr lebensbedrohlich sein muss. (Auch die Google-Suche zeigt keine Übereinstimmung der Wörter Anne Imhof und Aids oder HIV.) Aber die Themen sind doch ähnlich, wenn auch von der Künstlerin ganz anders gefasst. Sex, Liebe, Gewalt, Drogen – auch Angst – werden uns hier, nach einer einstudierten Choreografie, weitgehend ohne Worte und teils auch durch SMS von Imhof angeleitet, von charismatischen jungen Menschen (darunter auch ein Model und mehrere Tänzer) in gerade angesagter Street- und „Trash“-Wear vorgespielt. Dabei erinnern viele der gespielten und der räumlich installierten Szenarien auch an trostlos-prekäre Momente, wie man sie z. B. im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo Imhof lebt und arbeitet, beobachten und erleben kann – eben auch Obdachlosigkeit und Kaputtheit, Lager am Straßenrand, Leben im Schlafsack …, wieder gepaart mit (echter) Gewalt (und auch dort begleitet von Gentrifizierung). Bei Imhof finden „Vier Stunden voller Sex, Tod, Techno, Vaping und Gewalt“ statt, wie i-d.vice.com schreibt.5 Doch das alles findet auf einer artifiziellen Bühne statt, reichlich soft, clean und auch schon vom Laufsteg her, von Brands wie Vetements, Balenciaga, Adidas und Nike, übernommen – sozusagen in die Kunstwelt durchgefiltert. Man schaut es sich an – und wo sieht man sich selbst? Weit weg, nah dran?
Dass Frank Wagner oder David Wojnarowicz wie Imhof während der künstlerischen Arbeit im Ausstellungsraum ein Cap von Balenciaga (Ladenpreis EUR 295,–) getragen hätten – ob mit oder ohne Gegenleistung (Productplacement) –, scheint dann aber doch eher unwahrscheinlich.

— „David Wojnarowicz – Photography & Film 1978–1992“ — „Ties, Tales and Traces – Dedicated to Frank Wagner, Independent Curator (1958–2016)“ beide: KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69, 10117 Berlin, 9. Februar – 5. Mai 2019
— Between Bridges, Keithstraße 15, 10787 Berlin.
— Anne Imhof „SEX“; 22. – 31. März 2019, Tate Modern, London



1
Sarah Schulman: „It is not conspirancy, but simply a tragic example of historic coincidence that in the middle of this process of converting low-income housing into housing for the wealthy, in 1981 to be precise, the AIDS epidemic began. In my neighborhood, Manhattan’s East Village, over the course oft he 1980s, real eastate conversion was already dramatically underway when the epidemic peaked and large numbers of my neighbors started dying, torning over their apartments literally to market rate at an unnatural speed.“, in: The Gentrification of the Mind, Universtity of California Press 2012, S. 25/26
2
Frank Bruni: „Why Early ’80ies New York Happens Today“, in: New York Times Style Magazine, 17.4.18, https://www.nytimes.com/2018/04/17/t-magazine/why-new-york-city-1980s-matters.html (das gesamte T-Magazine war den Jahren 1981–1983 gewidmet: als „36 Months that Changed the Culture“.
3
Axel Schock: „Ausstellung. Liebe, Sex, Tod“, in: Siegessäule.de, 7.2.2019, https://www.siegessaeule.de/no_cache/newscomments/article/4205-liebe-sex-und-tod.html
4
Dessen aktuelle Mitglieder Christin Lahr, Isabelle Meiffert, Ulrike Riebel, Vincent Schier und Susanne Weiß die Wagner-Ausstellung in den KW kuratiert haben.
5
„das erwartet dich bei der neuen epischen Performance von Anne Imhof ...“, 26.3.2019, Autorenangabe: „Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen aus der UK-Redaktion“: https://i-d.vice.com/de/article/8xyjeb/anne-imhof-sex-tate-london-performance-review
 
Frank Wagner in der Ausstellung Félix González-Torres (1957–1996),
RealismusStudio / nGbK Berlin, 1996, Foto: Jürgen Henschel
Andreas Sterzing, David Wojnarowicz (Silence = Death), 1989, New York,
Fotografie, Courtesy der Künstler, the Estate of David Wojnarowicz und P·P·O·W, New York
Performance view of BMW Tate Live Exhibition: Anne Imhof: Sex at Tate Modern 2019. © Tate Photo by Oliver Cowling.