Birgit Szepanski

Gespräch über das Promovieren

2018:März // Barbara Buchmaier

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03-2018

Über das Promovieren als Künstlerin


Barbara Buchmaier / Liebe Birgit, Du bist mit Deiner wissenschaftlich-künstlerischen Dissertation „Erzählte Stadt“ an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg promoviert worden. Der theoretische Teil „Erzählte Stadt – Der urbane Raum bei Janet Cardiff und Jeff Wall“ ist 2017 im transcript Verlag erschienen. Wie denkst Du an diese mehrere Jahre umfassende Phase des Recherchierens, Konzipierens und Schreibens zurück? Was waren prägende Erfahrungen?

Birgit Szepanski / Eine der wichtigsten Erfahrungen für mich war, dass mich das Thema „Erzählte Stadt“ durch die fünf Jahre dauernde Promotionszeit geführt hat und mich nach wie vor interessiert. Promovieren ist eine intensive Auseinandersetzung mit einem Thema und im Falle der künstlerisch-wissenschaftlichen Promotion ist es eine zweifache Reflexion: Es betrifft die Text- und Kunstproduktion und das Austarieren zwischen beiden Bereichen.1
In der Auseinandersetzung mit dem Thema Stadt und Erzählen musste ich eine Vorgehensweise finden, wie ich meine These einer ‚erzählten Stadt‘ ausrichten und ausarbeiten konnte. Ich habe mir die künstlerisch-wissenschaftliche Methode, für die es keine stilistischen und inhaltlichen Vorgaben gibt,2 erarbeitet. Meiner Meinung nach ist diese Offenheit oder Möglichkeit, ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig zu betrachten, Wissensbereiche zusammenzuführen und neue Fragen zu generieren, eine Besonderheit der künstlerisch-wissenschaftlichen Dissertation. Zugleich ist diese Offenheit eine Herausforderung – gerade wenn es um das Erstellen eines umfassenden Textes geht.
Promovieren ist immer auch eine Kombination aus der selbständigen Arbeit am Forschungsthema und der Anbindung an die Hochschule. Mein Forschungsprojekt wurde von der Kunstwissenschaftlerin Prof. Dr. Hanne Loreck und dem Filmemacher Prof. Robert Bramkamp betreut. Die Gespräche mit ihnen, das Nachdenken und Sprechen über Literatur, zeitgenössische Kunst und Filme, Möglichkeiten des Erzählens und Stadt führten auch zu Entscheidungen, wie ich mich mit der ‚Erzählten Stadt‘ und der künstlerisch-wissenschaftlichen Forschung auseinandergesetzt habe.
Formal ist die künstlerisch-wissenschaftliche Dissertation nach der Disputation abgeschlossen, danach aber beginnt die Post-doc-Phase, die unter anderem die Suche nach einem passenden Verlag3 und das Erstellen der Publikation umfasst. Ich freue mich über mein Buch „Erzählte Stadt“, denn es ist für mich eine andere Erfahrung, ein Buch geschrieben zu haben, als beispielsweise auf eine Ausstellung zurückzublicken.

Buchmaier / Du warst eine der ersten Künstlerinnen, die an der HFBK eine wissenschaftlich-künstlerische Dissertation abgeschlos­sen und danach in einem renommierten Verlag publiziert hat. Inzwischen hat sich das künstlerisch-wissenschaftlichen Promovieren weiter verbreitet. An der Bauhaus-Universität Weimar und an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main können Künstler/innen schon seit einigen Jahren promovieren. Verfolgst Du die Entwicklung des künstlerisch-wissenschaftlichen Promovierens weiter?

Szepanski / Als ich mit meinem Exposé an der HFBK angenommen wurde, war es dort das erste Semester überhaupt des neuen Promotionsstudienganges „Dr. phil. in art.“ Inzwischen ist es möglich, an verschiedenen Kunsthochschulen in Deutschland zu promovieren. Es gibt jedoch Unterschiede im Titel und in der Gewichtung des wissenschaftlichen und des künstlerischen Teils. Auch die Bezeichnungen der Abschlüsse variieren (Phd oder Dr. phil. in art.).
Die Debatte zur künstlerischen Forschung und zu künstlerisch-wissenschaftlichen Dissertationen ist in Deutschland relativ neu. Promovieren in einem künstlerischen Fach ist in den USA seit den 1960er Jahren möglich, ebenso kann man in Finnland und Großbritannien, in Österreich und in der Schweiz eine künstlerisch-wissenschaftliche Dissertationen absolvieren. Auf der einen Seite geht es um inhaltliche Auseinandersetzungen und Fragestellungen wie „Ist Kunst Forschung?“ oder „Wie verändert sich Kunst, wenn man sie als Forschung versteht?“4Auf der anderen Seite spielt die Hochschulpolitik und die Vergabe von Fördergeldern eine Rolle. Die Aktualität der Debatte zum Thema Kunst und Forschung lässt sich gut in der großen Anzahl von Symposien, Publikationen und Feuilletonartikeln zu dem Thema erkennen. Ich habe zum Beispiel an einer Tagung zum Thema „Promovieren in Kunst, Design und Musik“ an der Hochschule für Künste Bremen teilgenommen und fand die Promotionsthemen der anderen Vortragenden und ihre vielfältigen Ansätze sehr spannend. Ich denke, dass in all diesen Fachbereichen sehr interessante Projekte und Publikationen entstehen können.

Buchmaier / Kannst Du etwas zum Anteil von Frauen in der Forschung sagen, auch in Bezug auf die Lehrenden?

Szepanski / An der HFBK ist bei den Promovierenden wie auch beim Lehrpersonal der Anteil von Frauen im Verhältnis zu Männern auf einem Weg zur Ausgeglichenheit. Der Anteil von Frauen in der Wissenschaft ist jedoch im Allgemeinen zu gering. Durch ein Promotionsstipendium für Nachwuchswissenschaftlerinnen von Pro Exzellenzia bin ich für dieses Thema sensibler geworden. In diesem fächerübergreifenden Netzwerk habe ich andere Doktorandinnen kennengelernt und weiß, dass sie sich in ihren Fachbereichen oftmals mit Vorurteilen und einer geringeren Wertschätzung auseinandersetzen müssen. Meine Beobachtung ist, dass es einen Unterschied in der Selbsteinschätzung und Selbstpräsentation bei Nachwuchswissenschaftlerinnen gibt, weil sie auf weniger weibliche Vorbilder und Frauenbiografien zurückblicken und sich beziehen können als Männer. Die Selbstverständlichkeit, sich in der eigenen Biografie Zeit für die Forschung zu nehmen, ist daher eine andere.

Buchmaier / Was kann eine wissenschaftlich-künstlerische Dissertation für eine Künstlerin und ihre berufliche Zukunft bringen? Du hattest vor dem Promovieren Schreib­erfahrung, weil Du Texte über Kunstwerke von anderen Künstler/innen (Katalog- und Pressetexte) verfasst hast. War diese Erfahrung für das Promovieren hilfreich?

Szepanski / Die Erarbeitung eines längeren Text entsteht erst durch viele Textversionen, aus denen irgendwann ein zusammenhängender langer Text und Kapitel entstehen, dies war für mich auch eine neue (Schreib-)Erfahrung. Beweggründe für eine künstlerisch-wissenschaftliche Promotion waren, dass ich meine Kunstproduktion und Schreibpraxis reflektieren wollte. Da ich viele ortsbezogene Installationen mit Texten in Ausstellungen realisiert habe, war es mir zudem wichtig, Verhältnisse zwischen dem Visuellen und Textuellen zu überprüfen und zu erweitern. Das künstlerisch-wissenschaftliche Promovieren geht über das eigene künstlerische Interesse hinaus und stellt die Anforderung, sich mit vielen anderen Texten, Kunstwerken und Theorien auseinanderzusetzen. Dies ist für mich in vielfacher Hinsicht eine Bereicherung.
Nach der Disputation habe ich noch Zeit gebraucht, um wieder in einen Rhythmus zwischen Kunstproduktion und Schreiben zu finden. Jetzt kann ich sagen, dass sich auch meine Kunstproduktion und Ausstellungstätigkeit positiv verändert haben, weil ich weitere Reflexionsebenen hinzugewonnen habe.

Buchmaier / Das Buch „Erzählte Stadt“ umfasst 24 unabhängig voneinander lesbare Kapitel unterschiedlicher Länge und mit unterschiedlichem Fokus – mit Überschriften wie „Walkman Effekte“, „Erzählen und Gehen“, „Stadtgeräusche“, „Urbane Akteure“ oder „Zur Krise des Erzählens“. Im ersten Teil des Buches nimmst Du Bezug auf die künstlerischen Werke, insbesondere die „Walks“, der Künstlerin Janet Cardiff. Im zweiten Teil gehst Du von den fotografischen und inszenierten Bildern Jeff Walls aus. Außerdem beschreibst und zitierst Du in allen Kapiteln Arbeiten und Texte von Künstler/innen, Schriftsteller/innen, (Stadt-)Soziolog/innen oder Philosophen und Philosophinnen.
Das Kapitel „Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten“ geht beispielsweise von dem gleichnamigen Film Wim Wenders aus dem Jahr 1988/89 aus, in dem dieser mit dem Modemacher Yohji Yamamoto über Ähnlichkeiten des Handwerkes eines Film- und eines Modedesigners spricht.
Das Kapitel „Die day laborers erzählen etwas“ beginnst Du mit einer genauen Beschreibung der Fotografie „Men waiting“ (2006) von Jeff Wall, die mehrere Tagesarbeiter (day laborers) zeigt, die am Stadtrand auf eine potenzielle Abholung zu einem Tages-Job warten, um dann genauer auf die Arbeitsweise des Künstlers einzugehen, und auf seinen inhaltlichen Fokus, verschiedene Formen gesellschaftlicher Ausgrenzung zu reflektieren.
Wie würdest Du in wenigen Worten Deinen Fokus beschreiben? Und wie hat sich dieser über die Zeit der Dissertation entwickelt?
Das Buch ist so aufgebaut, dass alle Kapitel unabhängig voneinander gelesen werden können, es gibt aber auch Kapitel, die sich inhaltlich enger aufeinander beziehen. Jedes Kapitel hat einen Schwerpunkt und ist gleichzeitig eine Erweiterung des Hauptthemas „Erzählte Stadt“. Die „Erzählte Stadt“ wird als These in den Kapiteln ausgeführt und dargelegt. Neben den Kapiteln über die beiden zeitgenössischen Künstler Janet Cardiff und Jeff Wall habe ich in unregelmäßiger Reihenfolge Kapitel zum Begriff des Erzählens in der bildenden Kunst, Literatur, Film und Philosophie gesetzt. Diese offene, nicht-lineare Struktur geht auf einen poststrukturellen Erzählbegriff zurück, mit dem ich das Thema „Erzählte Stadt“ untersuche. Dazu passt auch mein Umgang mit im Text beschriebenen Kunstwerken und das gleichberechtigte Einbinden von Zitaten der Künstler/innen, Filmemacher/innen, Schriftsteller/innen und Philosophen und Philosophinnen.
Die Theorie aus der Kunst zu entwickeln und nicht die Kunst als Beispiel für die Theorie zu nutzen – dies ist ein Ansatz, den ich im Laufe des Promotionsstudiums gelernt habe und der die Kunst und die Wissenschaft in ein bestimmtes Verhältnis zueinander setzt. Dies ist sozusagen die Herausforderung und Qualität der künstlerisch-wissenschaftlichen Dissertation.

Buchmaier / Bei „Erzählte Stadt“ handelt es sich um ein Buch ohne Abbildungen: Außer dem Cover, das aufgeklappt einen großen Ausschnitt der Schwarz-Weiß-Fotografie „Men Waiting“ (2006) von Jeff Wall wiedergibt, findet man in Deinem Buch keine Bilder. Die Lesenden sind darauf angewiesen, sich die Werke anhand Deiner genauen Beschreibungen vorzustellen. Was genau war Dein Ansinnen dahinter?

Szepanski / Die Entscheidung, keine Abbildungen im Buch zu zeigen und stattdessen die Kunstwerke – dies sind außer denen von Janet Cardiff und Jeff Wall noch viele andere – zu beschreiben, geht auf den gleichen poststrukturellen Ansatz zurück. Sprache erzeugt Bildvorstellungen, sie ist in diesem Sinne visuell. Zudem wollte ich vermeiden, dass Abbildungen den Text illustrieren oder als Beispiel für das Geschriebene dienen. Das Beschreiben von Kunstwerken passt auch sehr gut zum Erzählen. Meine Untersuchungsmethode poststrukturelles Erzählen wende ich im Text also selbst an. Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass der künstlerische Teil nur aus Abbildungen besteht bzw. aus einem Archiv mit digitalen Bildern hervorgeht.

Buchmaier / War es schwierig, einen Verlag für die Veröffentlichung zu finden? Wie bist Du dabei vorgegangen, Deinen Text für die Veröffentlichung vor- bzw. aufzubereiten? Gab es dabei auch Vorgaben von der Verlagsseite?

Szepanski / Da die künstlerisch-wissenschaftliche Dissertation in Deutschland und für die Wissenschaftsverlage relativ neu war, gab es wenig bereits publizierte Bücher in diesem Bereich und, weil es mein erstes Buch war, habe ich mir ein halbes Jahr Zeit genommen, mir einen Überblick über Verlagsprogramme zu schaffen und passende Verlage zu recherchieren. Die meisten Verlage geben auf ihren Webseiten Hinwiese, wie (wissenschaftliche) Manuskripte und die Gutachten zur Dissertation einzureichen sind. Da die Verlage viele Anfragen erhalten und eine Auswahl treffen müssen, kann es bis zu einem halben Jahr dauern, bevor man eine Zu- oder Absage erhält.
Die Verlagssuche war für mich eine Möglichkeit, nochmal darüber nachzudenken, in welchem Kontext mein künstlerisch-wissenschaftliches Thema „Erzählte Stadt“ passt. Ich konnte dann unter mehreren Verlagen auswählen und habe mich für den transcript Verlag entschieden, weil mein Buch sehr gut in die Reihe des Verlagsprogramms „Urban Studies“ passt.

Szepanski / Vom Verlag gab es keine inhaltlichen Änderungswünsche, sondern nur die Vorgabe, den Text zu einem Termin druckfertig abzugeben. Ich habe mir dafür ein halbes Jahr Zeit genommen und meine Dissertationsschrift bearbeitet: einige Stellen gekürzt, an anderen Stellen neue Rechercheergebnisse hinzugefügt – dies alles, um mein Thema nochmals zu präzisieren und die Dissertationsschrift zu einem gut lesbaren Buch zu machen. Auch meine Korrekturleser/innen haben einen Beitrag dazu geleistet. Heute bin ich froh, mir viel Zeit für die Herstellung des Buches genommen zu haben.

Buchmaier / Den künstlerischen Teil „Erzählte Stadt“ hast Du nicht in größerer Buchauflage veröffentlicht. Auf Deiner Website habe ich gesehen, dass Du ein Künstlerbuch in 10er-Auflage hergestellt hast. Besteht eine Pflicht zu einer umfassenderen Veröffentlichung des künstlerischen Teils?

Szepanski / Für den wissenschaftlichen Teil besteht von der HFBK eine Publikationspflicht und die Form für den künstlerischen Teil ist frei und muss nur dokumentiert sein. Das heißt, der künstlerische Teil kann die Form einer Ausstellung haben, es kann ein Film sein, eine Performance, ein Text oder eben auch, so wie ich mich entschieden habe, ein Künstlerbuch mit einer Auflage von 10 Exemplaren.

Buchmaier / Hast Du den künstlerischen Teil noch anderweitig präsentiert, ich denke an Deine Präsentation bei „Kurt-Kurt“ in Moabit im Sommer? Wie sieht der künstlerische Teil aus?

Szepanski / Der künstlerische Teil von „Erzählte Stadt“ ist eine offene Collage mit unterschiedlichem Abbildungen in Schwarzweiß. Es sind Abbildungen von Kunstwerken, Filmstills, Architektur, Mode, Design und Alltagsgeschehen aus Zeitungen und Magazinen.5Zwischen den einzelnen Abbildungen habe ich viel weiße, leere Fläche stehen gelassen, um eine Verschiebbarkeit der Abbildungen zu generieren und damit zu zeigen, dass sich stets neue (Sinn-)Zusammenhänge bilden könnten. Ein narrativer Zusammenhang soll nur angedeutet werden, denn Stadt könnte immer auch anders erzählt werden. Im künstlerischen Teil haben mich ähnliche Fragen wie im wissenschaftlichen Teil beschäftigt: Wie wird Stadt erzählt? Welche Bilder von Stadt beeinflussen die Vorstellungen von Stadt? Wie wird bereits Erzähltes zur Stadt weitererzählt? Während des Promovierens und der Schreibtätigkeit recherchierte ich viele Kunstwerke, Filme und Artikel und habe aus diesem Fundus Abbildungen gesammelt und ein digitales Bildarchiv angelegt, aus dem das Künstlerbuch „Erzählte Stadt“ hervorgegangen ist.
Das Künstlerbuch ist eine Form und Möglichkeit, mit der Vielzahl von Bildern zur Stadt umzugehen. Bei meiner Buchpräsentation im Projektraum „Kurt Kurt. Kunst und Kontext im Stadtlabor“ habe ich das Künstlerbuch auf den Raum bezogen und die Buchseiten an die Wände des Ausstellungsraumes in unregelmäßigen Feldern gehängt. Dadurch entstanden viele Querverbindungen zwischen den Abbildungen.

Buchmaier / Wie bewegst Du Dich heute durch die Stadt? Hat sich Dein Blick auf (die) Stadt durch die jahrelange Beschäftigung mit dem Thema verändert?

Szepanski / Vor meiner Dissertation bin ich oft mit meiner Fotokamera und einem Notizbuch durch Stadtteile gegangen. Dabei haben mich alltägliche Details, architektonische Räume und Stimmungen des Stadtlebens interessiert. Aus diesen Materialien sind Erzählungen mit Bildern und Texten (Hörstücke, Dia-Serien und Künstlerhefte) entstanden, die aus alltäglichen Beobachtungen und fiktionalen Geschichten bestanden. Durch die Promotion hat sich meine Kunstproduktion und die Vorbereitung für Ausstellungen erweitert. Die Recherche im Stadtraum gehört immer noch dazu und ebenso recherchiere ich in (Stadt-)Archiven. Ich lese Texte zur Geschichte von Orten und versuche, zwischen der subjektiven Wahrnehmung der Stadt und der historischen Recherche ein Thema zu sondieren, das mich bewegt und interessiert. Themen, die ich jetzt mehr fokussiere, sind Frauenbiografien und die Sichtbarkeit von Frauen in Bezug zur Stadt und Stadtgeschichte.

Buchmaier / Im Rahmen Deiner Ausstellung im Kunstverein Neukölln 20166 hast Du den „Helene Nathan Verlag“ gegründet und diesen beim Patentamt- und Markenamt schützen lassen. Dazu hast Du eine Baumwolltasche mit Aufdruck des Verlagsnamens produzieren lassen. Was hat es damit auf sich?

Szepanski / Den „Helene Nathan Verlag“4 habe ich in Hommage an die Berliner Bibliothekarin und Wissenschaftlerin Dr. Helene Nathan (1885–1940) gegründet. Zum geschichtlichen Hintergrund: Helene Nathan8 leitete von 1921–1933 die Stadtteilbibliothek Berlin-Neukölln, sie modernisierte die Bibliotheksstruktur, engagierte sich für Frauen, Jugendliche und Arbeiter/innen und nahm sich, um einer Deportation zu entgehen, 1940 in Berlin das ­Leben. Die Frage, was Helene Nathan im Bereich von Kultur und Bildung hätte erreichen können, war für mich Anlass, den Verlag ins Leben zu rufen. Bisher ist der Verlag fiktiv angelegt, weil keine Publikationen in ihm vertrieben werden. Ich präsentiere ihn mit verschiedenen Materialien: mit Fotografien von Straßenszenen, in denen eine Baumwolltasche mit dem gut lesbaren Verlagslogo durch die Stadt getragen wird, sowie mit Texten und Künstlerheften. Durch das Projekt„Helene Nathan Verlag“ bringe ich in das alltägliche Stadtbild, in den Bereich der bildenden Kunst und Stadtgeschichte das Thema Erinnerung an Intellektuelle, die in der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden, ein.

Buchmaier / Planst Du, zukünftig selbst als Verlegerin tätig zu werden? Und wie sieht Dein Leben als Künstlerin mit einem Doktortitel heute aus?

Szepanski / Der „Helene Nathan Verlag“ ist ein künstlerisches Projekt, das ich weiter verfolgen möchte. Was daraus entsteht und sich entwickelt, ist noch offen. Zur Zeit bewerbe mich für Tagungen und Symposien zum Thema Stadt, halte an verschiedenen Hochschulen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz Vorträge. Dies ist interessant und sinnvoll für eine Vernetzung im wissenschaftlichen Bereich; auch das Reisen gefällt mir daran sehr. Teilweise werde ich aufgrund meiner Publikation zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen. Meine Kunstproduktion und Ausstellungstätigkeit habe ich wieder intensiviert, weil ich während der Promotion weniger ausstellen konnte. Und ich schreibe Katalogtexte für Künstler/innen und berate Künstler/innen zum Verfassen von Texten und zum Ausstellen. Diese Kombination aus Kunst, Schreiben und Beraten gefällt mir momentan sehr gut. Der Gedanke, einen neuen Themenaspekt zur Stadt künstlerisch-wissenschaftlich auszuarbeiten, ist auch da.

Das Gespräch wurde im Dezember 2017 geführt.

Birgit Szepanski, „Erzählte Stadt – Der urbane Raum bei Janet Cardiff und Jeff Wall“, 322 S., transcript Verlag, Bielefeld 2017


1
Das Promotionsstudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg ist ein Weiterbildungsstudium und schließt neben dem Vortragen der eigenen Texte in Promotionskolloquien auch die Teilnahme an Seminaren ein.
2
Es gab an der HFBK nur die Vorgabe, dass der wissenschaftliche Anteil überwiegen und der Text eine bestimmte Seitenlänge haben soll.
3
Erst mit einem Verlagsvertrag wurde der Doktortitel von der HFBK verliehen. Diese Bedingung hängt von der jeweiligen Promotionsordnung und der Hochschule ab.
4
So auch der Titel einer Publikation von Judith Siegmund, 2016, transcript Verlag.
5
Ein zu den Abbildungen gehörender Index listet die Bildunterschriften und Quellen auf und veranschaulicht, in welchem Kontext die Abbildungen verwendet und gezeigt werden.
6
Ausstellung „Mapping the Gap“ mit Cathérine Kuebel, 2016, in der Ausstellungsreihe „Raumerkundungen“ des Kunstvereins Neukölln, kuratiert von Susann Kramer.
7
Der „Helene Nathan Verlag“ ist seit 2016 als Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt angemeldet.
8
Die Stadtteilbibliothek in Berlin-Neukölln trägt den Namen Helene Nathan, in Berlin-Rudow gibt es einen Helene-Nathan-Weg, und eine Gedenktafel an der ehemaligen Neuköllner Stadtteilbibliothek erinnert an Helene Nathan.
Birgit Szepanski, „Erzählte Stadt – Der urbane Raum bei Janet Cardiff und Jeff Wall“, 322 S., transcript Verlag, Bielefeld 2017  
Birgit Szepanski, „Erzählte Stadt – Der urbane Raum bei Janet Cardiff und Jeff Wall“, 322 S., transcript Verlag, Bielefeld 2017
Birgit Szepanski „Helene Nathan Verlag“, Skalitzer Straße, Berlin-Kreuzberg, mit Carleen Coulter, 2017