Do or Die!

Leben als reines Potenzial

2014:Dez // Barbara Buchmaier und Christine Woditschka

Startseite > 12-2014 > Do or Die!

12-2014

A
Die Jugend ist kein Lebensabschnitt, sondern das Leben!
B
Eternal Youth. Jugendmodus. Ewige Jugend, ewige Offenheit zur Umdeutung. Im Zeitalter des Todes des Alters.
A
Beständige Appropriation macht uns unendlich flexibel.
B
Die konzeptuelle Künstler- und Trendforschungsgruppe K-Hole sagt:
“Being in Youth Mode isn’t about perpetually reliving yourself at a younger age, it’s about being youthfully present at any given age. Youth isn’t a process, aging is. In Youth Mode, you are infinite.“ (1)


1. Kursierende Bilder

B
… genau: vor allem die Oberfläche, die Abbildung zählt, die durchs Netz zirkulieren kann – es geht um das ikonische Potenzial.
Wie bei contemporaryartdaily.com: zeitgenössische Kunst – täglich. Jeden Tag werden hochaufgelöste Ansichten von angesagten Ausstellungen ins Netz gestellt. Jeden Tag neu, ohne Text, ein Musterbuch dessen, was geht, ständig aktualisiert, für jeden zugänglich … eine Art Bibel …
A
Es geht um die Abbildung, um die kursierende Abbildung. Das ist der Content: auf den Punkt gebrachte Bilder.
Die blanke kursierende Abbildung – egal ob das Foto eines Clowns, eines Turnschuhes oder eines Farbspritzers – alles ist per se abstrakt. Abstrakte Bilder, die wir uns immer wieder ­ansehen, alle diese Bilder – im Internet. Die Zirkulation der Bilder zeigt uns jeden Tag, was die Welt, was die Maschine am Laufen erhält. Was die so braucht, was wir so brauchen.
B
Ja, der Sinn entsteht erst daraus, aus dieser Art der Rezeption, aus dieser Art des Gebrauchens, in der Gesamtschau der Bilder. Alle Bilder bedeuten letztendlich gleich viel. Ob Modeblog oder Kunst oder Katastrophe. Gleichviel. Gleichviel Wirklichkeit. Gleiche Währung. Eine adäquate Repräsentation der Wirklichkeit. Alles gleichzeitig und unverbunden.
A
Welche Rolle spielt der Künstler? Was macht er mit all diesen Bildern?
B
Künstler sind Trendforscher, sie sind nicht einmal ­TrendSETTER, das machen andere. Künstler erforschen Trends, ästhetische Trends. Sie sind Geschmacksverstärker. Nur die Besten schaffen es, selbst einen Trend zu setzen.
A
Ihre Bilder, ihre Arbeiten sind Styling-Produkte, die ihre Person markieren, bekleiden, ausstatten. Es ist nichts als Werbung, Selbstvermarktung, Konsum. Die Jungen und auch die Alten. Die Alten würden es nur nie sagen. Sie haben es vielleicht verstanden, aber sie können es nicht aushalten.
B
Kunstwerke sind heute keine kritischen Werkzeuge. Sie sind schlichtes Branding. Die Beiprodukte, das Wissen und die Bilder davon, die dann wieder zirkulieren, sind Gadgets.
A
Ein Kaleidoskop der blanken Bilder.

A + B
Sie extrahieren Konzentrate, die Künstler. Wir sind Marktforscher, Du und ich.


2. Alles ist Performance

A
Chto delat? What is to be done? Was tun?
B
Zur Selbstkapitalisierung und zur Anthropomorphose des Kapitals passt doch ganz gut dieser Performance-Hype im Moment.
A
Ja, vielleicht ist das doch die konsequenteste künstlerisch-kritische Strategie, sich selbst in der Reinform zu vermarkten, keine Leinwand, kein Stück Stein, keinen Printer dazwischen. Du bist die Arbeit. Selbstvermarktung pur, also ohne Scheuklappen. Ohne „Medium“, Du selbst bist das Medium.
B
Du liebäugelst mit dem Performer, Deinem Private Dancer, denn er unterhält Dich. Er animiert Dich. Er schenkt Dir Aufmerksamkeit, nur Dir. Er besetzt Dich, er sucht den Weg ins Zentrum Deines Begehrens. Er erscheint Dir authentisch – wie er so dasteht – im Auge des Sturms.
A
Es ist Luxus, den Performer zu treffen! Ein singulärer Moment, auf einen Performer zu treffen, ihm nahe zu kommen. Das wird sich so nie mehr wiederholen!
B
Du fällst wieder darauf herein! Vergiss endlich diese Form der scheinbar natürlichen Authentizität, die sich so sympathisch absorbiert zeigt. Sie ist lediglich Ausdruck des Systems, in dem wir leben. Du regulierst Dich selbst, der Wunsch nach Authentizität ist ein Symptom. Die Macht rekonstruiert sich einfach beständig in uns selbst und das halten wir dann für unser innerstes Selbst.
A
Ich sags Dir: Auch als „Performer“ bist Du heutzutage letztendlich nur Mitläufer, Du rennst nur dieser Form hinterher, sie ist eine von vielen. Morgen malst Du Bilder, übermorgen lässt Du mit 3D-Drucker Deine Katze printen oder einen griechischen Gott. Oder Du entwirfst eine Kollektion für Louis Vuitton und baust Museen.
B
Ja, zum Glück! So muss es sein! Alles ist spielerische Kostümierung – und in ständiger Veränderung. Reduziert auf das Bild, das Abbild, die Abbildung, die Reproduktion, den Sound. Ich gehe als Cara Delevingne zur Runway-Show und am nächsten Tag street-cred zur Party.
A
„You could dress like a NASCAR mascot for a big race and then switch to raver-wear for a long druggy night at the club.“ (2)
B
„So you could go to a football match during the day and wear a replica football strip like everyone else, then go to a cyberpunk night later on and wear head-to-toe Cyberdog.“ (3)
A
Ich schreibe ein Hip-Hop-Stück und habe meine eigene Radioshow. „I could have played for The Lakers“ (RiFF RaFF, 2012).
A + B
Ja, stimmt, ich bin Formfanatiker.
Ich bin besessen von der Form. Obsessed with Form. Materialized. Material. Blank Matter. Void.
A
Genau, DAS ist es, was ich verlieren muss, diesen Widerstand dagegen. Ich muss die Zirkulation am Laufen halten, surfen, mich tragen lassen von der Strömung des Wassers. Muss anerkennen, dass es nicht anders möglich ist, als dabei zu sein, als dieses Spiel mitzuspielen.
B
Ophelia! Ekstase oder Tod. Floating in the water. My Wild Rose.
A + B
Do or Die! „Game on or game over“ (adidas, 2014).
A
Dass ich mich bis unter die Unterwäsche selbst vermarkte, das heißt das … Bis in den Bauch, bis in die Lunge, ins Gehirn. Hinter die Augen. Ins Herz, sowieso.
A + B
Zuerst ins Herz, ist doch klar.

A
Das ist doch traurig.
B
Nein, ist es nicht! Es ist nur BLANK. Es ist einfach nur KLAR. Irgendwie roh, ein banales Stück Eisen, aber noch keine Waffe.
A
Es bedeutet nichts als das, was wir schon wissen. Im Moment erfolgreiche Künstler/innen (Laric, Si Qin, Uoo, Rosenkranz, Novitskova, K-Hole, Holen), Kurator/innen (DIS), Trendforscher/innen (DIS, K-Hole) und Big Brands arbeiten schlicht nach bestimmten funktionierenden Regeln des Marketings, siehe: forbes.com. Und zwar ganz offensichtlich, nicht klandestin, wie die erfolgreichen Generationen zuvor.
B
Die Essenz dessen, was sie ausdrücken können, was Du ausdrücken kannst, scheint mir zu sein, dass Du einfach nur da bist! Im „Sommer deines Körpers“ (4), Deines hedonistisch-narzisstischen Körpers.
A + B
Ich bin Hedonist – Du bist Hedonist.
Wir sind Hedonisten.
Und was seid Ihr?


3. Born Individuals

A
Kristine Guico (26, Fashion Designer):
„Everyone’s so unique that it’s not unique anymore. Especially in New York.“ (5)
B
Sean Monaghan (26, works at Beacon’s Closet):
“Normcore, yeah. My friends did that. They do K-HOLE… People call it ‘Bardcore’ too. Like Bard the school. It’s funny. (…) The one thing about normcore that’s cool is that you want to be approachable by as many people as possible rather than being divisive or elitist.” (6)
A
K-Hole formuliert es in etwa so:
In Zeiten von INDIE hast Du Dich und Deine persönlichen Merkmale als einzigartig und authentisch herausgestellt, was dann ja immer mehr zur Erkenntnis führt, dass dies, wenn das alle machen, zu MASS-INDIE führt und somit uncool ist. In Zeiten von MASS-INDIE ist es dann also die Sache, „same­ness“ zu „mastern“, also die Gleichheit zu meistern, „normcore“ zu sein. Im Zentrum der jeweils angesagten Norm anschlussfähig, also „adaptable“ zu sein. Im Youth Mode – in dem wir sind, wir alle – sind wir bereit zur ewigen Anpassung.
B
Ja, wir sind mass-indie fatigue!
A
Das tacky „Network“ langweilt uns schon länger. Zu postulieren, vom globalen Riesen-Netzwerk ermüdet zu sein, ist ein idiosynkratischer Move und heißt noch lange nicht, dass man insgesamt „network fatigue“ (7) ist, sondern dass man sich im Geheimen nach exklusiveren und effektiveren Luxusnetzwerken – „echten“ Freunde – sehnt, nach „cliques of people in the know“.
B
Das ist keine Revolution, überhaupt nicht, eher bullying, bad education und spoiled. Ich sage Dir: Der Mythos von kleinen Geheimbünden war doch schon immer der wahre Motor der Wertschöpfung.
A
Aber macht Abgrenzung nicht müde und Falten?
B
Ja stimmt, lass uns nicht mehr abgegrenzt sein, wir wollen anpassungsfähig sein – erst dann sind wir frei. Aber anpassungsfähig zu sein bedeutet deshalb auch NICHT, täglich Klamotten Ton in Ton zu tragen, weiße Turnschuhe, kurz College-Style, sondern eben FLEXIBEL zu sein. Im Sinne eines Spiels, im Sinne von kreativen Missverständnissen.
A
Eine an der Oberfläche flexible Erscheinung, die mit dem Inneren nicht primär verbunden sein muss, die bedeutet: Ich kann dieses oder jenes machen. Ich bin pures Potenzial. Das ist es, was „normcore“ bedeutet. Was ist daran eigentlich so schwer zu verstehen?
B
Was ich vorher an Dir gehasst habe, eigne ich mir morgen an. Erst dann passen wir zusammen. Spring up! Get together!
Ein Spiel der gegenseitigen Appropriation! Ein kommunitärer Spaß.
A
Narcissus, der immer neue Facetten seines dekonstruierten Selbst jede Sekunde total verkörpert, der nur auf der Basis des dekonstruierten Selbst funktioniert. Sich nicht auflöst, sondern stolz jemand ist, der „viele“ ist. Je nach Situation, je nach Netzwerk. Er gefällt sich selbst …
B
… zu Recht.
Er versichert sich seiner selbst immer wieder neu im Spiegel. Ein formvollendeter Reigen an kristallinen, singulären Momenten. Kristalline Momente der ständigen, aktuellen Authentizität. Gelebte Posen.
A
Adapt and change. Ich werde anonym.
B
Totale Warenform.
Immer im Flow.
Jeden Tag neu, verkörperte Aktualität.
Totale Präsenz.
A + B
Du bist so, ich bin so. Ich bin morgen Du, du bist morgen ich.
Du bist so, ich bin so.
Ich bin morgen Du, du bist morgen ich.
A
Oder wie es das Unsichtbare Komitee zu sagen pflegt: Ich bin nicht, was ich bin. Mein Körper gehört mir nicht. Ich bin nicht ich, du bist nicht du. Und etwas ist richtig. (8)
B
Und auch das andere Autorenkollektiv – Tiqqun – propagiert: Die Tyrannen der Wiedererkennbarkeit auslöschen. Aus dem Gefängnis der Wiedererkennbarkeit fliehen! (9)
A + B
„I need to become anonymous. In order to be present. The more anonymous I am, the more present I am. I need zones of indistinction to reach the Common. To no longer recognize myself in my name. To no longer hear in my name anything but the voice that calls it.“ (10)
A
Say my name.
B
Don’t say my name. Say my name.
A
Don’t say my name.
A + B
Say my name, don’t say my name.
A
Mensch Du, das passt aber mal voll gut rein in den aktuellen Modediskurs von getting NORMCORE  ! Unconcerned with authenticity, adaptable, anonym werden, keinen Namen haben, nicht mehr als „Besonderer“ unter anderen erkennbar sein …
B
Hör endlich damit auf, das kann doch keiner ertragen! Ich kann nicht glauben, dass dies alles echt sein soll: Tiqqun, unsere linken Ikonen mit ihren Texten als Vorlage für eine Branding Agency? Es gibt also keine Revolution mit Tiqqun, sondern nur einen neuen Trend?
A
WTF, wie geil!

PS: LEAD, NEVER FOLLOW

Dieser Text basiert auf dem Skript zur gleichnamigen Lecture in der Kunsthalle Lingen, Oktober 2014



Quellen
(1) K-Hole & Box 1824: Youth Mode. A Report on Freedom, 2013
http://khole.net/issues/youth-mode/
(2) https://www.facebook.com/kholetrends
(3) Thomas Gorton: „Everyone’s getting normcore wrong, say its inventors“, in: dazeddigital.com, März 2014,
http://www.dazeddigital.com/artsandculture/article/19118/1/everyones-got-normcore-totally-wrong-say-its-inventors
(4) Timo Feldhaus: „Der Sommer deines Körpers“, in: Spike, Heft 41, Herbst 2014, S. 142–149.
(5) und (6) Fiona Duncan: „Normcore: Fashion for Those Who Realize They’re One in 7 Billion“, in: New York Magazine, 26.02.2014, http://nymag.com/thecut/2014/02/normcore-fashion-trend.html
(7) Pablo Larios: „Network Fatigue“, in Frieze d/e, Heft 16, Sept–Nov 2014, http://frieze-magazin.de/archiv/features/network-fatigue/
(8) Vgl. Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand, Hamburg, 2010
(9) und (10) Vgl. Tiqqun: How is it to be done?, November 2008, http://tarnac9.files.wordpress.com/2009/01/how-is-it-to-be-done.pdf

Musik
Skream feat. Kelis, „Copy Cat“, Skreamizm Vol. 7, 2012

Musik und Video
Riff Raff, „Obtuse Angle“, Rap Game Bon Jovi, 2012
https://www.youtube.com/watch?v=Jgw0jx23UdM
A day of photo assisting Nick Haymes in North Hollywood shooting RiFF RaFF for „Dazed and Confused“
http://granthatfield.blogspot.de/2013/01/riff-raff.html