Onkomoderne

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2018:Dezember // Christina Zück

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12-2018

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Im Sommer besuchte ich den Wallfahrtsort Altötting. Der Statue der schwarzen Madonna, die man im Schrein der Gnadenkapelle besuchen kann, werden besondere Heilkräfte und Wundertaten zugesprochen. Die Wände des um die Kapelle herum gebauten Arkadengangs sind mit etwa 2000 dicht gehängten Malereien bedeckt. Seit dem 15. Jahrhundert malen und zeichnen Pilger die bedrohlichen Situationen, Unfälle und Katastrophen, die dank des Beistands Unserer Lieben Frau glücklich für sie ausgegangen sind: Autos, die von einen Fluss fortgerissen werden, Kühe, die mit den Hörnern Menschen aufspießen, brennende Häuser, Kinder, die unter das Rad eines Heuwagens geraten, unzählige Krankenbetten und Operationssäle, Bombardierungen, ein Lastwagen, der in eine Tankstelle rast, ohne dass es zur Explosion kommt. In jedem Bild schwebt die Madonna von Altötting über dem Horizont, unten erläutert ein kurzer Text in Handschrift das Geschehene und wiederholt das Mantra: Maria hat geholfen.
Die aus dem Ritual entstandene Ausstellung berührt mich sehr. Die vielen Facetten des Leids werden durch die Bilder lebendig, sowie das große Glück, gerettet und geheilt zu werden. Wenn die Pilger neue Bilder in der Sakristei abgeben, hängt der Mesner die Installation gelegentlich um, entfernt die verblassten Tafeln – denn in den offenen Passagen sind sie Wind und Wetter ausgesetzt – und fügt die besonders gut gelungenen hinzu. Ich stelle mir vor, wie die aktuellsten Bilder der Wunder aussehen könnten. Zum Beispiel eine Malerei, die eine Altbauwohnung mit Pflanzen und restaurierten Flohmarktmöbeln, Kinderzeichnungen an der Wand, getöpferten Teetassen und einer Yogamatte zeigt, darüber schwebend die Madonna mit dem Kind im juwelenbesetzten Gewand, „Maria hat geholfen – Wir durften in unserer Wohnung bleiben.“ Oder die kindliche Buntstiftzeichnung einer Gerichstverhandlung: „Nach vierjährigem Prozess wurde gegen die Kündigung unseres Gewerbemietvertrags entschieden. Danke Maria, dass meine Eltern wieder schlafen können.“ Nicht nur Naturkatastrophen und körperliche Gewalt lösen Not aus, sondern auch ein Schreiben im Briefkasten kann eine unaufhaltsame Verkettung von Zwangslagen in Bewegung setzen. Während alle anderen ihr durchorganisiertes Arbeits- und Freizeitleben geflissentlich und zeitgenau bewältigen, sind die Betroffenen meist ganz allein der Gnadenlosigkeit von Banken, Hausbesitzern, interessengeleiteten Mietspiegeln, dysfunktionaler Bürokratie, veralteten Rechtssystemen oder kaputtgesparten Krankenhäusern ausgeliefert. Ein weiteres zeitgenössisches Votivbild könnte eine Gruppe Demonstranten mit bunten Schildern vor einem backsteinfarbenen Fabrikgebäude zeigen: „Danke Maria, dass Google sich vom Bau des Startup-Campus zurückzieht und unser Kiez nicht durch die Ansiedlung von reichen und kulturfremd investierenden Menschen zerstört wird.“ Ein besonders schönes, an Henri Rousseau erinnerndes Landschaftsbild würde einen Dschungel mit Wildtieren, Blüten, Pilzen und Baumhäusern über der Kante einer riesigen Erdschlucht darstellen: „Danke für das Wunder. Das Oberverwaltungsgericht hat den Gesetzestext so ausgelegt, dass die Rodung unseres Waldes vorläufig gestoppt werden konnte.“ Aber würde der womöglich traditionell orientierte Mesner solche Votivtafeln überhaupt in die Sammlung einpflegen, wären sie nicht zu politisch und zu verstörend, als dass man sie im weltanschaulichen Kosmos des Wallfahrtsorts zeigen dürfte?
Aus den Katastrophen, die durch die Raumforderung des Kapitals in Gang gesetzt werden, führt noch keine rationale und sachbezogene Strategie hinaus. Wie soll man künstlerisch weiterarbeiten, wenn die Atelierräume gekündigt und neue unerschwinglich werden? Was geschieht, wenn die Chancen, an irgendeinem Verwertungsgeschehen teilzunehmen, auf Null sinken? Werden einkommensschwache Personen aus der Stadt vertrieben? An welchem Ort wird man die Geflüchteten willkommen heißen? Nur Beten kann noch helfen. Ein Wunder. Und eine partizipative, aktivistische Praxis zur kreativen raumstrategischen Aneignung der von den entfesselten Mächten kolonisierten Lebensbereiche. Noch viel mehr arbeiten kann helfen. Sich jederzeit selbst transformieren und optimieren. Sich in Freundschaften, Gruppen, Vereinen, Netzwerken zusammenschließen. Sich unterstützen, wenn man mal Zeit und Kraft hat. E-mails bis spät in die Nacht hinein schreiben, Whatsapp-Gruppen füttern, sich regelmäßig treffen, Diskurse entwickeln. Einen langwierigen politischen Prozess hin zu mehr Barmherzigkeit einleiten. Artikel schreiben. Alle Phänomene und Praktiken mit Bedeutung anreichern, um sie als wertvoll zu propagieren. Licht und Liebe in das Energiefeld hineinsenden. Üben, einfach nur zu sein. Hunderte kulturwissenschaftliche und soziologische Papers lesen und verstehen, wie alles in Theorie ausgedrückt werden kann. In den Bewegungsmustern des Kapitals haben sich Synapsen ausgebildet. Ein hybrider Organismus ist herangewachsen. Es fühlt und es atmet. Es beobachtet uns an unseren Rechnern. Dieses Wesen ist jetzt die Natur. Es möchte fließen und arbeiten und sich fortpflanzen. Es röchelt in mir. Möge es glücklich sein. Möge es sicher und geborgen sein. Möge es leichten Herzens leben. Tag für Tag opfere ich ihm einen Teil meines Einkommens und kaufe seine schillernden Objekte, damit es mich mit seinen Notlagen verschont. Ich gehe gerne in den eigenartigen Architekturen spazieren, die ihm überall gebaut werden. Wenn ich einkaufe, fühle ich mich nützlich und für kurze Zeit tief mit meiner gesellschaftlichen Bestimmung verbunden.
Schon wieder ist Midseason Sale in der Mall of Berlin am Leipziger Platz. Kaum ein Mensch in den Gängen. Ein Verkäufer an einem Stand erkennt von weitem meine Naturfingernägel und bietet mir an, einen davon zu polieren, so dass es wie Hochglanzlack aussieht. Ich bekomme einen Gutschein, für nur 20 € das ganze Nagelpolierset mit Schwamm und Flüssigkeit zu kaufen. Viel zu teuer. Die oberste Schicht wird dabei abgetragen, man soll es nicht zu oft wiederholen. Kulturell und historisch ist die Mall of Berlin von allen am stärksten aufgeladen. Sie wurde 2014 an den Ort gebaut, wo vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Bombardierung 1944 das Kaufhaus Wertheim gestanden hatte. In einem Traum hatte Walter Benjamin dort ein wundersames Schächtelchen mit Holzfiguren gekauft, das ihn schützte und in eine Wüste transportierte, während auf der Straße vor dem Kaufhaus Unruhen ausbrachen. Als Kind sah er wohl dort die beeindruckende gewölbte Glasdecke, die ihn zum Passagen-Werk inspirierte. „Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci“, schrieb er im Fragment über „Kapitalismus als Religion“. Historische Fotos vom Berlin der zwanziger Jahre sind als Stilelemente in die Wände der Mall eingefügt, sie verbinden sich ganz elegant mit den Leuchtkästen der Mode­läden. Kurz nach der Eröffnung habe ich Fotos von diesen Shop-Passagen gemacht und sie als Projektvorschlag für ein Benjamin-Fotofestival in Port Bou eingereicht. Sie wurden abgelehnt. Nun suche ich ein Geschenk. Bei Sportscheck spare ich 5 € beim Kauf einer Ex-Voto-Faszienrolle. In einem chinesischen Variety Store finde ich ein Stofftier für die Kids. Nachts liegt der Löwe aus Microfaser und Memory Foam neben dem Kind, und ich kann nicht einschlafen, sende Gebete zu den Arbeiterinnen in China, die ihn genäht haben. Mögen sie glücklich sein. Mögen sie sicher und geborgen sein. Wenn ich Kreativarbeit am Bildschirm leiste, vergleiche ich nebenbei Preise bei verschiedenen Onlinehändlern. Tippe das Paypal-Passwort ein. Hole die Pakete ab, die in irgendeinem Paketshop gelandet sind oder bei den Nachbarn. Überlege, ob ich das Unboxing filmen soll. Aufatmen jedesmal, wenn kein Brief im Briefkasten ist. Nur Coupons für den Black Friday Sale. In Moabit eröffnete im August das Schultheiss-Quartier, das sich über zwei oder drei Häuserblocks erstreckt, Berlins 68. Mall. Am Reformationstag wird an der Oberbaumbrücke auf 25.000 Quadratmetern die im Ufo-Stil gehaltene East-Side-Mall eingeweiht. Aus der Mercedes-Benz-Arena strömen Eishockey-Fans. Sie tragen pinkfarbene XXL-Trikots mit dutzenden unterschiedlich designten Firmenlogos, Fanschals hängen wie schamanische Tierhäute an ihnen herunter. Sie sind ihrer Mannschaft geweiht und geloben ewige Treue. Ganz in Rosa sammeln sie Spenden für den Kampf gegen Krebs. Ich wünschte, ich hätte so ein traurig-düsteres tiefromantisches Schmerzgefühl, jetzt im November, wenn ich an diesen Orten spazieren gehe, doch die Achtsamkeitspraxis hat die Neurochemie in meinem Gehirn verändert, so dass sich alles ganz richtig und okay anfühlt. Außer dieser starken Erschöpfung fühle ich nichts besonderes mehr – sie ist ja auch keine Emotion, sondern sitzt tief in den verklebten Faszien. Sie hört beim Schlafen auf, wenn alle immobil sind, wenn keiner mehr da ist, weder der Träumer, das Geträumte, noch der Traum.
Alle Fotos: Esther Ernst