Heidi Specker

Salon Vokuhila

2017:September // Hanna Stiegeler

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09-2017

Ein Haus ohne Besucher

Ich bin hier, um die Kontrolle über mein eigenes Bild an jemanden abzugeben, den ich eben erst kennengelernt habe. Ich komme zu ihm. In seine Räume. Wir geben uns die Hand, stellen uns vor. Ich werde zu einem Stuhl geführt, auf den ich mich setze. Rotes Leder, leicht abgewetzt. Ich lasse mir eventuelles Unbehagen nicht anmerken und nehme eine entspannte Position ein. Ich ziehe meine Jacke aus, bekomme ein Kleidungsstück zugewiesen und soll ab jetzt am besten stillhalten.
Ich bin beim Friseur, genauer gesagt bei „Vokuhila“ in der Kastanienallee. Die Einrichtung ist aus den 80er-Jahren. Eine Sonderanfertigung für den Laden, und mit einigen Details ausgestattet. Jeder Frisierplatz hat seinen eigenen Getränkehalter, überall lassen sich Schubladen herausziehen. Die Theke ist bestückt mit antiquiertem Frisierbesteck. An den Wänden über den Spiegeln hängen Fotografien von Heidi Specker.
Die Bilder zeigen Details von ausschweifendem Interieur: Schwerer Samt, mit Leopardenfell bespannte Wände und exzentrische Objekte wie Pferdeskulpturen und Schmetterlingskästen. Sie zeugen von einer spezifischen Identität. Sie scheinen auf etwas zu verweisen, das sich nicht mehr vor Ort befindet. Unmittelbare Fragen nach dem Wer und dem Warum. Der abgebildete Raum ist eindeutig privat – und noch eindeutiger exklusiv. Der Titel dieser Arbeit ist nur für Kenner ein Hinweis, für andere bleibt er eine unbekannte Adresse. „Via Napione”.
Dort befindet sich die Casa Carlo Mollino. Ein Apartment, welches der italienische Designer nie bewohnte und welches, außer seinen Fotomodellen, niemals ein Gast zu Gesicht bekam.
Es ereilt mich eher beiläufig, abgelenkt durch den genauen Blick, den nonchalanten Formalismus, der sich in Heidi Speckers Bildern zunächst über das Dargestellte stülpt: Wo sind diese Fotografien eigentlich aufgenommen? Und wo ist der Besitzer des Apartments?
Ich bin zu Besuch in der Casa Carlo Mollino als Betrachter der Bilder, und ich schleiche mich durch die Gänge. Die Frage liegt doch im Dazwischen: Wie viel Zeit bleibt jemandem, um so bedacht zu fotografieren? Heimlich können diese Bilder nicht sein. Und trotzdem mischt sich unter deren bloße Betrachtung das Unbehagen, das einen ereilt, wenn man in das Haus eines reichen Freundes eingeladen wird, den man gerade erst kennengelernt hat. Man traut sich nicht, etwas zu berühren.
Es ist Afterhour in Carlo Mollinos Haus: als Privatmuseum wurde es posthum für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Party fand eben erst statt. Aber der Kater ist trotzdem schon lange vorbei. Die Dinge stehen wieder an ihrem Platz, und dem nächtlichen Revidieren der zwischenmenschlichen Schranken ist wieder die Pietät gefolgt.
In ihrer Publikation „Privacy and Publicity“ (1996) fragt ­Beatriz Colomina nach einer Detektivgeschichte des Interieurs. Und auch wenn die Detektivarbeit hier in einem anderen Zusammenhang steht, die Evidenzen sind ganz klar diese Fotografien. Das Innere folgt in der Casa Mollino einer Kuration des Privaten. Carlo Mollino hat in dem Apartment im Herzen Turins niemals jemanden zu Besuch empfangen, außer der Besucher stellte sich vor die Kamera. Einige seiner Aktaufnahmen, der über 2000 Polaroids, entstanden hier. Es waren zuerst Freundinnen und Kundinnen, ab den 60er-Jahren vor allem Prostituierte, die er in einer seiner Wohnungen in von ihm vorgesehenen Kostümen fotografierte. (So wie die Architektur waren diese Modelle für ihn reine Projektionsflächen, ein Staging seines Interieurs.1
Eigentlich sollte die Darstellung des Privaten keine Aufregung mehr verursachen. Alles wurde bereits fotografiert, ausgestellt, kuratiert, ins Rampenlicht und auf den Bildschirm gebracht. Wohnung, Essen, Körper. Die Grenze der Scham hat sich woandershin verschoben. Trotz dieser neuen Sehgewohnheit entwickelt sich auf Speckers Fotografien ein Rest Intimes, ein Eindringen – ohne voyeuristisch zu sein.
Das Abwesende war eben da und ist schon weg, und kann daher auch nicht mehr gestört werden. Im Museum des Privaten bleibt man dennoch ein Besucher.

1
Vgl. dazu: Beatriz Colomina: „A slight nausea“, in: Carlo Mollino: Maniera Moderna, Ausstellungskatalog, Haus der Kunst, München, Walther König/Köln 2012, S. 256.

Heidi Specker „Via Napione 2“, Vokuhila,
Kastanienallee 16/17, 10435 Berlin, 9.5.2017–1.1.2018
Heidi Specker „Via Napione X“, 2010 © VG Bild-Kunst, Bonn