Hito Steyerl

n.b.k.

2020:August // Leo Elia Jung

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08-2020

Future Present

Je mehr ich versuche wiederzugeben, was ich in Hito ­Steyerls Ausstellung im n.b.k. gesehen habe, desto ungreifbarer wird der diffuse Kanon aus Versatzstücken und Bildern für mich. Der Raum ist dunkel, die Wände schwarz. Videos von algorithmisch entstehenden (um nicht zu sagen: wachsenden) Blumen werden zusammen mit Schlagworten zeitgenössischer Diskurse präsentiert: Populismus, Fake News, Social-Media-Sucht, Mental Health etc. Den „potenziellen“ Blumen werden Wirkungen zugeschrieben, die als Heilpflanzen eben jenen krankhaften Symptomen des modernen Lebens entgegenwirken könnten. Die Erinnerung an die Nicht-Existenz der Pflanzen ist omnipräsent. Es handelt sich um Möglichkeiten, aber nicht um Wahrheiten. Die Möglichkeiten werden alternativlos dargestellt.
Überforderung stellt sich ein. Was sieht man hier? Der erste Raum der Arbeit This is the Future besteht im Grunde aus einer riesigen Projektionsfläche. Eine Bank steht etwa zwei Meter davor – zu nah am Bild, um alles gleichzeitig wahrnehmen zu können. Der Blick ist unruhig, man kommt nur schwerlich hinterher, alle Bildinformationen zu sammeln, bevor es weitergeht.
Obwohl die Bildabfolgen und die Bilder selbst ruhig und langatmig sind, überfordern auch hier wieder Nebeneinanderstellungen von Themen und Versatzstücken. Das wohl
extremste Beispiel dieser Kontrastierung ist die Arbeit Mission Accomplished: Belanciege, die Steyerl zusammen mit Giorgi Gago Gagoshidze und Miloš Trakilović entwickelt hat. Es handelt sich um eine Lecture-Performance, die unweigerlich an Formate wie den TED-Talk erinnert – ein Rahmen demokratisierter Populärwissenschaft. Die Vorträge reizen aufgrund simpler Parameter: Sie haben keine Überlänge, die Vortragenden sind sprachlich gewandt und attraktiv und verwenden zumeist Rhetoriken und Strategien, die an Clickbait-Mechanismen erinnern (vgl. u. a. auf YouTube: „I was almost a school shooter“). Die Vorträge wirken zumeist sehr vorsichtig recherchiert und fundiert. Allen Arbeiten von Steyerl im n.b.k. wohnt eben jene vermeintliche Sinnhaftigkeit inne, die man auf den ersten Blick auch in den TED-Talk-Vorträgen vermutet.
Meiner Meinung nach basiert Steyerls Arbeit hier auf der These, dass die Bedeutung von Informationen nicht an ihnen selbst gemessen wird, sondern daran, in welchem Rahmen oder Kontext sie stehen. Der TED-Talk ist ein Beispiel dafür. Er bietet eine Fläche der Informationsverbreitung. Das Publikum entscheidet darüber, ob es die ­Informationen annimmt oder nicht. Dieser Zusammenhang bietet zwangsläufig die Möglichkeit zur rhetorischen Manipulation. Mögliche Aspekte eines Themas müssen nicht erwähnt werden, wenn sich der Vortragende dagegen entscheidet und so bleibt dessen Darstellung hochgradig selektiv. Naheliegend ist also, die Alternative, die Herkunft oder Basis oder gar Ambivalenzen einer Information nicht zu erwähnen. In Mission Accomplished illustrieren Steyerl, Gagoshidze und Trakilović die Auswirkungen eben solcher selektiver Darstellungen in und mit sozialen Medien auf die politische Landschaft.
Der Begriff des alternativen Fakts lässt sich auf die Dynamik von Siegerjustiz übertragen: Wahrheit ist eine Frage der Perspektive und Konditionierung. Nach George Orwell entsteht eben jene Wahrheit innerhalb der politisch motivierten Propaganda. Das Prisma des Internets hat hier eine andere Wechselwirkung: Popularität reproduziert sich. Ist etwas populär, sieht man es immer wieder. Sieht man es immer wieder, wird es zur Wahrheit, so Orwell. Vielleicht wäre es hier allerdings angebrachter, einen anderen Begriff zu verwenden, nämlich den der Gültigkeit. Gültigkeit ist eben jene der Wahrheit verwandte Zuschreibung von Glaubhaftigkeit, deren Ursprung diffuser Natur sein kann. Mit dieser Begriffsunterscheidung kann man sicher noch weitere Seiten füllen, doch für diese Kritik möchte ich die These formulieren, dass Gültigkeit heutzutage etwas mit der Aufmerksamkeit zu tun hat, die man einem Fakt entgegenbringt: Fake News gelten, bis dem Beweis ihrer Falschheit mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird als ihnen selbst – oder: Gültig ist das, an was man glaubt. So wie die potenzielle Wahrheit von Steyerls Blumen ist ein TED-Talk im YouTube-Algorithmus zunächst nur eine Möglichkeit, die aufgrund ihrer Alternativlosigkeit eine Chance auf Reproduktion und somit Gültigkeit hat. Diese Wechselwirkung wird sich sicher nicht von dem Entstehen von mittelalterlichen Märchen und Legenden unterscheiden. Neu sind lediglich die Beschleunigung der Informationsverbreitung, die globale Zugänglichkeit zu eben jenen Informationen (oder möglichen Informationen) und die immer einfacher und zugänglicher werdende technische Möglichkeit von Bild- und Filmmanipulation. Was Steyerl also meiner Meinung nach hier tut, ist, sich in ihrer Arbeit den zeitgenössischen Seh- und Konsumgewohnheiten anzupassen. Grund dafür, dass sie das erreicht, liegt meiner Meinung nach zum Beispiel darin, dass man in der Ausstellung nicht unbedingt an die Autorinnenschaft Steyerls erinnert wird und dennoch wegen Steyerl in den n.b.k. geht. Voraussetzung für einen solchen Diskurs ist ihr enormes Umwelt- und Gesellschaftsbewusstsein, vor dem ich großen Respekt habe. Ihre Arbeit ist keine Bilanz, sie ist eine Begleiterscheinung ihrer Beobachtung und Philosophie. Dass sie dabei eher mit der Bestätigung von bestehendem Konsumverhalten arbeitet, anstatt eine Antithese
dazu zu entwickeln, halte ich für ihren Diskurs für notwendig, um noch tiefer in die Materie eindringen zu können – und möchte sie dafür nicht kritisieren. Spätestens seit der Moderne existiert Bedarf nach provokanter Kunst. Kunst, die polarisiert und Risiken eingeht. Für mich stellt Steyerl einen Gegenentwurf dazu dar. Die Provokation hat unweigerlich eine Etablierung erfahren, vielleicht wird sie sogar erwartet. Nichtprovokante Kunst wird abgewertet unter den Begrifflichkeiten der Gefälligkeit oder der Dekoration. Steyerl schafft offenbar alles gleichzeitig. Sie schafft es, sowohl kritisch und provokant als auch gefällig, bishin dekorativ zu sein.
Und doch bin ich ein Kritiker. Ich glaube, das Einzige, was mich kompetent macht, über Steyerls Arbeit zu schreiben, hat mit meinem Alter zu tun. Ich wurde Ende der 90er-Jahre geboren. Ich meine, aufgrund meiner Sozialisierung und Begegnung mit Internet und Digitalität eine große Sensibilität für Steyerls Themen zu haben. Themen, denen sie in ihrem Alter mit einer Art Distanz begegnen können müsste, sind Teil meiner digitalen Konditionierung und Prägung. Aus diesem Blickwinkel heraus empfinde ich ihre Arbeit als extrem präzise und ausgereift, tue mich aber damit schwer, sie darüber hinaus zu bewerten. Ohne Zweifel liefert Steyerl hier einen substantiellen Beitrag zu einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte. Nur bleibt die Frage vom Anfang bestehen: Welcher Beitrag und welche Debatte? This is the future. It has been for years.

„Hito Steyerl“, Neuer Berliner Kunstverein, Chausseesstraße 128–129, 23.11. 2019–26.1.2020  
Ausstellungsansicht: Foto © n.b.k. / Jens Ziehe