Kunst im Streit

Nach-Denken über Moral und Kunst

2026:Februar // Christoph Bannat

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02-2026

Kunst im Streit ist die wissenschaftliche Aufarbeitung der sogenannten Skandal-documenta 15 und ein spannender Spaß. Spaß? Ja, für den, der Spaß am Denken hat. Kunst im Streit sollte der Standardreader für jede Kunst- und Kulturinstitution, die sich mit dem Thema Rassismus und Antisemitismus beschäftigt, sein. Gleichzeitig ist der Reader ein Plädoyer für einen wissenschaftlichen Umgang mit diesen Themen, sowie ein Plädoyer gegen ein Vergessen, denn er betrachtet die documenta 15 aus einer Distanz von drei Jahren. Und das mit einer erschreckenden Erkenntnis – davon später.
Herausgegeben und kommentiert wurde der Reader von Meron Mendel und Heinz Bude. Geforscht haben fünfzehn Wissenschaftler, in fünfzehn kurzweiligen Kapiteln, mit jeweils einem Fazit zu den Mechanismen der sogenannten Antisemitismus-documenta. Durch BDS- und Postkolonialismus-Diskurse bestand bereits eine spannungsgeladene Stimmung im Vorfeld der Ausstellung. In dem die Ansprüche des Kuratorenteams ruangrupa und des Vermittlungsteams (den sobat-sobats) sich unvorbereitet wiederfanden. Das zeigt der Reader, der aber tiefer­gehend auch die Kasseler Stadt- und Medienpolitik sowie die Herkunftsgeschichte der (antisemitischen) Bildpolitiken und Ikonografien des People-Justice-Banner vom ­Taring-Padi-Kollektiv untersucht. Gleichzeitig wird nach der Rolle von Moral und Kunst in einer zunehmend spezialisierten Gesellschaft gefragt. Und es wird gezeigt, dass moralische Ansprüche schnell zum Booster für Verhärtungen werden können. Es entstehen polarisierende Fronten, und auch das zeigt der Reader deutlich, zwischen den Begriffsfeldern Antisemitismus und Antirassismus. Fronten an denen sich zwei Gesellschaftsgruppen gegenüberstehen, die beide um öffentliche Aufmerksamkeit konkurrieren. Dabei wurde Antisemitismus oft als Unterthema von Rassismus behandelt. Wobei Antisemitismus in letzter Konsequenz Juden vernichten will. Rassismus, Menschen ­zunächst „nur“ be-, ver- und entwerten, was für diese ebenfalls vernichtend wirken kann. Gleichzeitig wurden Antisemitismus-Begrifflichkeiten instrumentalisiert, um linke Politik zu diskreditieren.
Dass diese Frontlinien gerade über die documenta liefen, ist doch eigentlich gewollt. Denn spätestens seit der documenta 5 soll, anders als der Name vermuten lässt, moderne Kunst hier nicht nur dokumentiert, sondern selbst aktiv werden.
Ein weiteres Untersuchungsfeld des Readers sind die Verhandlungen der Antisemitismusvorwürfe auf den unterschiedlichsten Medien, von Facebook, über Blogs, SMS, Instagram, Twitter, Whatsapp bis hin zu Pressemitteilungen, nationalen Printmedien oder TV-Sendern.
Der Reader zeigt deutlich, dass die vielen Kommunikationskanäle, weit über die documenta hinaus, zum Problem werden können. So konnten die offiziellen documenta-Pressemitteilungen nur verlieren, denn bevor diese veröffentlicht wurden, hatten sich bereits die Rotten, Gangs, Schwärme, Horden, Ellbogennutzer, Standpunktritter, Meinungsprofis und Kotzbrocken in Stellung gebracht und ihre Gläubigen um sich geschart. Das Problem der vielen Kanäle: Wer’s nicht glauben wollte, solle doch einfach den Kanal wechseln. So verdichteten und verhärteten sich die Fronten. Die kanalisierte, Like-gestärkte Selbsterhöhung der Glaubensgemeinschaften demonstriere so ihre Stärke, wenn auch nur virtuell, so doch viral. Auf der Strecke blieb das fluide Denken und die Wissenschaft – der Reader holt da etwas nach. Leider läuft das Nach-Denken den Tatsachen immer hinterher. Doch Diskussionen sind bekanntlich dafür gut, hinterher die richtigen Gedanken zu haben. Und der Reader scheut auch nicht vor so sentimentalen Begriffen wie Gastfreundschaft zurück. Und auch nicht vor einem klaren Statement für den Erhalt der Institution documenta, verbunden mit einer halb ironischen Forderung nach einer Weltkunstausstellung, im Sinne des Weltkulturforums, das es nie zu einer Institutionalisierung geschafft hat.
Und nun, wie oben versprochen, die schlechte Nachricht:
Je höher der Grad an wissenschaftlicher Bildung, desto weniger sind Menschen bereit, ihre Überzeugungen über den schlimmen Zustand der Welt und über die Uneinsichtigkeit jener, die ihnen nicht zustimmen, zu ändern – auch das steht im Reader.1
Ich sehe das als ein Plädoyer für die Selbst- und Herzensbildung.

(Nieder mit dem Kulturboykott von israelischen Künstlern. Hoch die internationale Solidarität, mit Menschenrechtlern in allen Ländern. Denn wie viel schwieriger ist es, sich mit Menschenfreunden, egal wo, zu verbünden, als sein Like unter irgendeine Petition zu setzen.)

Kunst im Streit, Antisemitismus und postkoloniale Debatte auf der documenta fifteen“ von Heinz Bude (Hg.), Meron Mendel (Hg.)., 345 Seiten, 2025, Campus, Berlin


1
Kunst im Streit, S. 340, „Die Rolle von Forschung“, Heinz Bude, Meron Mendel mit Verweis auf die Forschungen von Dan Kahan und seine Mitarbeiterinnen, in Farhan Samanani Miteinander: Über das Zusammenleben in einer gespaltenen Welt, Hanser Literaturverlage, 2023, S. 224–237.




Abbildung: Website documenta 15
Kunst im Streit, Antisemitismus und postkoloniale Debatte auf der documenta fifteen“ von Heinz Bude (Hg.), Meron Mendel (Hg.)., 345 Seiten, 2025, Campus, Berlin