Ursula Paletta

Atelier Kirchner

2026:Februar // Birgit Schlieps

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02-2026

Olivenhain, schimmerndes Schwarz

Ich treffe Ursula Paletta in der Ausstellung BERLIN EINS – Die Neunziger mit Nelly Rau-Häring, ­André Kirchner und Peter Thieme im Haus am Kleistpark. ­Ursula Paletta erzählt mir, dass Nelly Rau-Häring auf die Frage, wie sie ihre fotografischen Arbeiten in der Stadt vorbereitet hat und in welchem Kontext sie entstehen, antwortete, dass sie situativ aus der Handtasche zur Kamera greife. Darüberhinaus sei sie jahrelang als Taxifahrerin tätig gewesen, um ohne Auftrag und finanziell unabhängig eigene Projekte verfolgen zu können. Wir sprechen über Palettas kommende Ausstellung und mögliche Titel. Irgendetwas mit „Ghost“ ist im Gespräch. Auch über Glühwürmchen unterhalten wir uns.

Der jetzige Ausstellungstitel: echoes of exposure katapultiert mich direkt zwischen die Wahrnehmungsebenen von Hören und Sehen: Dem Licht hinterherlauschen. Und das ist tatsächlich das, was passiert, als ich mich in der Ausstellung zwischen diesen Bildern bewege. Paletta hat verschiedene quadratische Formate (35×35, 50×50, 70×70, 80×80, 100×100 cm) ausgewählt und sie mit einem feinen Gespür für Korrespondenzen und dialogische Situationen entlang der Schöneberger Galerie- bzw. Atelierwände von André Kirchner plaziert. Jede der Seiten bietet andere geometrische Vorgaben, wie Oberlichter, Fenster, ­Türen und eingefasste Wandabschnitte, die mit den Bildern Teil eines umlaufenden visuellen Parcours werden. Paletta hat toskanische Olivenbäume aufgenommen, nachts. Sie hat ein mobiles Blitzlicht verwendet und jeweils mehrfach belichtet, mit Erfahrungswerten und Ahnungen, wie sie am Ende werden könnten, die Bilder. Sie selbst sagt, dass sie das Gefühl hatte, mit Licht zu malen, Lichtspuren zu setzen und so den Olivenbaum mit seinen Ästen und silbrig-dunkelgrünen Blättern partiell sichtbar werden zu lassen. Die mobilen Mehrfachbelichtungen vermögen der Realität verschiedene Schichten abzugewinnen, ohne auf einem „Ding an sich“ zu bestehen, einem demonstrativen Zeigen von etwas. Mittels einer „Handtaschenfotografie“ wird die Realität zu einem Palimpsest verschiedener Lichtschichten.
Doch der eigentliche Protagonist dieser Bilder ist das gesättigte Schwarz selbst zwischen den Blättern und zwischen den Bäumen. Um 1915 entdeckte der Maler Henri Matisse Schwarz als eine Farbe des Lichts. Durch den gezielten Einsatz starker Kontraste entsteht der Eindruck eines vom Schwarzen ausgehenden Lichts. Das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch in der Reduktion von Figur und Grund präsentiert das Konzept einer gegenstandslosen Welt einer reinen Intensität. Das Schwarz von Palettas Bildern hüllt mich ein und gibt meinem Sehen einen schützenden Rahmen.

Durch die dialogischen Setzungen der sichtbar gewordenen Teile der Olivenbäume habe ich den Eindruck, dass zwischen meinen Ohren etwas passiert, dass das Echo der Belichtungen meine Wahrnehmung über die Ohren erreicht. ‚Blink of an eye‘1, ‚Blink of an ear‘. Eine konzeptionelle Verkettung, die ich einem Text von Stefan Römer zur künstlerischen Forschung (DeConceptualize, 2022) und seiner Relektüre von Seth Kim-Cohen (In the Blink of an Ear, 2009) entnehme. Beim Blinzeln wechseln sich Momente des Sehens mit Momenten des Nicht-Sehens ab. Kim-Cohen spricht von einem Ohrenblick und meint damit eine Wahrnehmung, die sich einerseits auch beim Hören ihrer Subjektivität und körperlichen Bedingtheit in Auslassungen und Überblendungen bewusst ist, und andererseits Kontext, konzeptionelle Zusammenhänge und virtuelle Möglichkeitsräume miteinbezieht.
Je länger ich mich in dem Schwarz zwischen den Bäumen verliere, desto verzauberter bin ich und werde gleichzeitig getragen. Die Olivenblätter, die auf der Unterseite oft silbrig matt sind, werden zu vielen Augen. Sie schauen mich an, sie geben etwas preis und gleichzeitig entziehen sie sich. Das Licht ist verantwortlich für das Sehvermögen des Auges und gleichzeitig für die Ambiguität und das Temporäre des visuellen Feldes. Das Rätsel der Präsenz der Bäume und ihre Fragilität erinnern auch an die Gefährdung ihrer Existenz durch klimabedingte Dürren und Veränderungen der Jahreszeiten sowie an aktuelle Zerstörungen von Olivenhainen durch territoriale nationalstaatliche Besitz- und Sicherheitsansprüche. Jetzt Olivenhaine zu fotografieren, das ereignet sich auch in einem politischen Raum.

Zwei der elf Bilder enthalten zusätzliche natürliche Lichtquellen. Der Mond im zweiten Bild (meine persönliche Zählung) öffnet den Blick auf ein weiteres Dahinter und situiert die Szenerie in einem größer angelegten Landschaftsraum. Das wird von der Künstlerin noch weitergeführt, indem sie das sechste Bild in dieser Reihe mit der Baumkrone nach unten hängt, was gar nicht weiter auffällt, den Raum aber multiperspektivisch bis ins Kosmologische aufdehnt. Das letzte Bild, auf der Zwischenwand von zwei Fenstern zum Hof, enthält zwei schimmernde Lichtfelder von Glühwürmchen. Pier Paolo Pasolini beschrieb 1975 mit einem Aufsatz, der unter dem Titel „Von den Glühwürmchen“ bekannt geworden ist, sein Unbehagen an der italienischen Kultur und beklagte phänomenologisch und metaphorisch das Verschwinden der Glühwürmchen. Der französische Philosoph Georges Didi-Huberman versucht 2009 mit seinem Buch Überleben der Glühwürmchen dagegenzuhalten und mit einem Bezug zu Walter Benjamin den „Pessimismus zu organisieren“. Ihm geht es um eine Reaktivierung der Einbildungskraft, die sich von „vielfältigen Weisen des Nachlebens (survivances)“2 vorangegangener Bilder und Gesten nährt. Das intermittierende Licht, das schimmernde Licht, dass die Glühwürmchen aussenden, um miteinander in den Dialog zu treten, ist nach seiner Argumentation durchaus noch existent. Es ist auch in Palettas bildnerischer Präsentation nicht nur auf dem letzten Bild zu finden. Keine Dekoration, keine Repräsentation des schon Bekannten oder gar ein grelles Spektakel, sondern intermittierende flüchtige Schimmer wunderbarer Bilderscheinungen.

1
Vgl. The Blink of an Eye (1990), Essay von Rosalind Krauss, die sich wiederum auf Jacques Derrida und Marcel Duchamps bezieht. Siehe auch: R. Krauss: Das optisch Unbewusste (The Optical Unconscious, 1993) 2011, S. 340.

2
Georges Didi-Hubermann: Über Glühwürmchen (Survivance des lucioles, 2009), 2012, S. 57.

Ursula Paletta, echoes of exposure 8#6, 2024, C-Print, 70 x 70 cm
Ausstellungsansicht, Foto: Birgit Schlieps
Ein bildnerischer Kommentar der Autorin: Birgit Schlieps, Olivenhain Olevano Romano