Eine/r von hundert
/ Tagebuch aus dem Berliner Frühling, Sommer, Herbst und Winter 2025/2026
2026:Februar //
Eine/r von hundert
Eine/r von hundert / 2026:Februar
17.5.2025 Galerie im Saalbau /
Club der polnischen Versager
In der Galerie im Saalbau eröffnet eine Ausstellung mit dem Titel Taking Space is a Feminist Act. Die von Clara von Schwerin profund und ansprechend zusammengestellte Ausstellung „erzählt von der transformativen Kraft queer-feministischer Raumaneignung. […] An der Schnittstelle zwischen Widerstand und Fürsorge handelt die Ausstellung von künstlerischen Praktiken und Initiativen, die Räume subversiv einnehmen, Protestplattformen schaffen oder Orte für Solidarität, Austausch und Sichtbarkeit initiieren“, heißt es im Ausstellungstext.
Eine Woche später eröffnet im Club der polnischen Versager die Ausstellung Dinos in Gedenken an den Graffiti-Künstler Felix Wottge, der als Jugendlicher Opfer sexualisierter Gewalt wurde und früh verstarb. In beiden Ausstellungen geht es um ähnliche Themen und doch ist das Framing und Wording auffällig unterschiedlich. Während im Saalbau von Gewalt gegenüber Frauen und weiblich gelesenen Personen die Rede ist, von Unsichtbarkeit und gesellschaftlichen Ausschlüssen, wird im Club auf diese Form von Erzählung verzichtet, denn hier soll das Werk im Vordergrund stehen und Felix Wottge als Künstler und nicht als Opfer erinnert werden (der einzige Hinweis findet sich in der Veranstaltung mit Tauwetter – einer Anlaufstelle für männliche Betroffene sexualisierter Gewalt). Macht die feministische Ausstellung Strategien der Raumnahme stark, verschweigt die Graffiti-Ausstellung diesen Aspekt – weil er bei Graffiti anders gelesen wird und sich in den Vordergrund schiebt, dass es sich um Sachbeschädigung handelt? Das verbindende Element liegt für mich in der Selbstermächtigung durch die künstlerische Praxis. Ich würde mir wünschen, dass öfter das Phänomen und nicht die Geschlechtsunterschiede betont werden.
13.9. Kunstmarkt / Schinkel Pavillon
Beim Aufräumen finde ich einen aufschlussreichen Artikel von Isabelle Graw aus dem Jahr 2004 mit dem Titel „Im Griff des Kunstmarkts“, erschienen in der taz, am 14.4.2004: „Seit dem Einbruch des Neuen Marktes gilt Kunst als ebenso sichere wie prestigeträchtige Anlage. Der Kunstmarkt boomt und zieht eine Klientel an, die sich Kunst zulegt wie sonst eben ein Louis-Vuitton-Köfferchen. Darin ist nichts Verwerfliches zu sehen. Ich denke nur, dass sich sowohl Produktion als auch Kritik mit diesem Sachverhalt, von dem ihre Arbeit schließlich affiziert wird, auseinander zu setzen haben. Nun ist die Zirkulation von Kunstwerken als reine, von jeglichem Sinn bereinigte Tauschwerte kein neues Phänomen, zumal diese Entwicklung bereits in den derzeit viel beschworenen Achtzigerjahren einsetzte.“
Weil gerade art week ist, lese ich einen Artikel von Oliver Koerner von Gustorf in der „monopol-Spezial“ über die Ausstellung von Issy Wood im Schinkel Pavillon. Er schreibt darin über das Phänomen Wood und ihren Umgang mit dem Kunstmarkt: „Wood, die sich nicht fotografieren lässt und angeblich ihre Selbstporträts nicht verkauft, ist undurchschaubar. Scheue, komplizierte Malerinnen und Maler wie Victor Man oder Jana Euler haben es vorgemacht, dieses Hermetische, Geheimnisvolle, Kontrollierende, das in Spitzengalerien zu Hause ist, den Markt, die Industrie dabei irgendwie verachtet und zugleich scharf macht. Wood erledigt das eleganter, härter, trotz der Schwere ihrer Bilder viel poppiger – so auch in ihrer Ausstellung im Schinkel Pavillon.“ Der Artikel macht mich neugierig– weniger auf die Kunst als auf das beschriebene Phänomen. Als ich die Ausstellung mit Malerei und einer Installation aus bemalten Musikinstrumenten sehe, denke ich, dass diese Show, trotz allem behaupteten kritischen Unterbau, genau das ist, was im Artikel beschrieben wird: eine referentiell aufgeladene Belanglosigkeit, die offenbar nicht nur den Markt elektrisiert, sondern auch den Schinkel Pavillon.
10.11. Im Westen: Museum Europäischer Kulturen/
Haus am Waldsee
Ein Spontanausflug in den Westen spült mich ins Museum Europäischer Kulturen. Hier ist nichts frisch saniert, dominiert ein etwas muffiger Geruch, herrscht unerwarteter Weise jedoch reges Treiben. Zur Ausstellung All Hands on: Flechten findet heute ein Textiltag statt. Überall sind Stände aufgebaut, an denen ältere Frauen und Mütter mit ihren Kindern sitzen und basteln. Weil mir Wenke die Ausstellung von Frank Gaudlitz empfohlen hat, der Geflüchtete in Moldau, Armenien und Georgien fotografiert hat, begebe ich mich auf die Suche nach der Sonderausstellung, komme auf dem Weg aber zuerst an einer Ausstellung über sámisches Kulturerbe vorbei. Mir stockt der Atem, habe ich doch gerade das Buch „Hundert Wörter für Schnee“ von Franzobel gelesen, in dem es um die Begegnungen von Polarexpeditionen und Grönländern, deren Christianisierung durch die Dänen und ihre Ausstellung in Völkerschauen in den USA ging. Wie arrogant den Menschen begegnet wurde, wie ihre Fähigkeiten negiert wurden und wie gewaltvoll deren Christianisierung war, konnte man hier nachlesen. Wie geht die Ausstellung mit dieser gewaltvollen Geschichte um? Reflektiert sie die eigene Involviertheit in diesem Prozess? Ja! Sie stellt ihre Provenienzforschung aus, in der versucht wird, zu rekonstruieren, wie die Objekte in die Sammlung gekommen sind. Um die Sammlungsgegenstände zu kontextualisieren, wurden Samen eingeladen, den historischen Objekten zeitgenössische zur Seite zu stellen. Es gibt einen Hinweis auf spirituelle Objekte, die aus Respekt nicht gezeigt werden. In einem Infotext heißt es, das Ziel sei die Rückgabe der Objekte (sic!).
Nachdem ich mir die beiden Sonderausstellungen angeschaut habe, verlasse ich das Museum und schlendere zur Ruine der Künste, über die ich im letzten von hundert-Heft las, doch sie ist geschlossen. Also ziehe ich weiter ins Haus am Waldsee. Dort komme ich gerade rechtzeitig zu einem Talk über die schwarze US-amerikanische Künstlerin Beverly Buchanan. Der Talk ist auf Englisch, es geht um „Disabled Kinship“ und die Frage, wie man mit dem Nachlass von Künstler*innen und Archiven generell verfährt. Wie kann man sie zugänglich machen? Nach welchen Kriterien sortiert man die Arbeiten? In der Ausstellung duftet es intensiv nach Honigpollen, die die Künstlerin Ima-Abasi Okon an alle Wände gepinselt hat. Sie haben dadurch eine gelbe Färbung bekommen – ein künstlerischer Kommentar auf die bewegte Geschichte des Hauses, wie die Kuratorin am Anfang des Talks erzählt. Fasziniert schaue ich mir die aus Holz zusammengenagelten Behausungen und ephemeren Denkmäler aus Beton an, und bin dankbar, dass diese politisch arbeitende und prekär lebende Künstlerin zum Gegenstand von Forschung und dieser Ausstellung geworden ist.
20.1. 2026 im Büro
Jetzt auf der Suche nach passenden Äußerungen Isabelle Graws 21 Jahre später. In der aktuellen TzK schreibt sie viel zur Krise des Kunstmarkts und damit einhergehend der der Kunstkritik, am Besten ist aber einer ihrer Vorschläge zur Lösung (… des Problems, dass sich Geld immer stärker auf die gleichen Haufen konzentriert). „Beim Galeriedinner könnte, wie bei kleineren Galerien häufig der Fall, auf die Tischordnung verzichtet werden, sodass sich dort Personen mit unterschiedlichen Geldhintergründen mischen.“
3.2. im Büro
Nachdem ich den Text von Stefan Beck hier im Heft gesetzt hatte, fallen mir doch ein paar Fragen ein.
Was wäre die Alternative? Wenn nur ein paar Prozent „von ihrer Kunst leben können“ (was hier wohl heißt, vom Kunstmarkt) dann wären diese die einzigen Kunstproduzenten. Und die Entscheider wären die Galeristen und letztendlich die Sammler und Käufer. Wäre das nicht ein riesiger Verlust?
Ist Bildende Kunst nicht doch ein Medium abseits herkömmlicher Sprachen und kann deshalb an vielen Stellen mehr, gerade weil sie nicht unbedingt verwertet werden muss?
Hat sie es deshalb schwerer, gerade wenn man herkömmliche ökonomische Maßstäbe an sie anlegt? Bringt nichts, muss nicht sein?
Wieviel Kunst habe ich gesehen, die toll ist und nicht verkäuflich? Ist es nicht das meiste? Selbst im Markt erfolgreiche Kunst wurde oft (wenn auch nicht viel, denn der Markt braucht Verknappung) erst nach dem Tod des Künstlers/der Künstlerin „entdeckt“ und verwertet. Hätte diese Kunst erst gar nicht entstehen dürfen?
Ist das nicht alles viel zu marxistisch/materialistisch gedacht? Ist jedes Leben bloße Ökonomie? Was ist falsch an Romantik? Brauchen wir sie in diesem neuen materialistischen Schwenk der Geschichte nach rechts nicht umso mehr?
Ist mein ganzes Lebenskonstrukt, das auf Fremdfinanzierung (ich würde es Quersubventionierung nennen) basiert, wertlos, nur weil ich das soziale Kapital nicht eincashen kann (manchmal jedoch doch)?
12.2. immer noch im Büro
Michael Müller (nicht der Bürgermeister, Michael spricht man englisch) ist ein Phänomen. Man hat den Eindruck, alles was er anpackt, wird zu Kunst. Zu Kunst, die wiederum zu allem, was jemals da war, Bezüge herstellt – Malerei, Skulptur, Fotografie, Mode, oft auch installativ gemischt, Riesenformate, Kleinstformate, Bronze, Stein, Kunststoff, figürlich, abstrakt, wie gesagt, einfach alles. Einmal richtete seine ehemalige Galerie Thomas Schulte über vier Jahre 18 Ausstellungen von ihm aus … inklusive einem Nachlass zu Lebzeiten, und wieder alles dabei, alles unterschiedlich, und alles sieht so dermaßen nach Kunst aus, dass man selbst die Lust verliert, irgendetwas noch selbst zu machen, geschweige denn zu Kunst zu deklarieren.
Es war dann schon erstaunlich letztes Jahr, dass er von Schulte wegging und bei Johann König landete, nach den vielen Ausstellungen. Jetzt hat König wieder eine Liste mit Künstlern, die er repräsentiert auf seiner Website – neben der Liste der Künstler, die er ausgestellt hat. Michael Müller ist nicht dabei. Da hat er sich vielleicht verspekuliert, denkt man sich. Passt aber gut in unser Kunstmarkt-Spezial.
15.2. zuhause, 20 Uhr
Weil ich in ihrem Verteiler bin, noch von einer älteren Lektoratstätigkeit, lese ich die Nachricht„Letzter Gruß /
Farewell“ schon vor vielen anderen:
Henrike Naumann ist gestorben, an Krebs.
Das macht mich traurig, betroffen, auch wenn ich sie nicht besser kannte. Ein besonderer Fall.
Screenshot der Website taz 14.4.2004, https://taz.de/Im-Griff-des-Kunstmarkts/!763972/