Nach den Eröffnungsansprachen wird es karnevalistisch: In der Wollankstraße, unweit vom Bürgerpark Pankow, in der Galerie Wolf & Galentz, trat im September die in Hessen weltbekannte singende Landfrau Ursula Kraft aus Stockheim auf. Stämmig, im Leopardenmuster-Top, mit wuscheliger Perücke und viel Make-up, in den Händen ein goldenes Karaoke-Mikrofon mit einprogrammierter Begleitmusik – bisweilen erinnert ihr Vortrag ein wenig an Divine, aber sowohl schrill und gleichzeitig holprig. Gerade für Berliner Karnevalsmuffel ist es etwas schwer einzuordnen, um was es sich hier handelt: eine Drag-Queen-Parodie mit Karaoke-Elementen, die von sentimentalen Einsprengseln und Kalauern über die hessische Provinz und die Hauptstadt konterkariert werden, aber – wieso ist das Kunst, habe ich eine Pointe übersehen oder das Konzept nicht kapiert?
Dann ist es ausgerechnet die konzentrierte Interpretation einer getragenen Nummer der deutschen Schlagerrockband Madsen, mit der eine Brücke zum Titel der Ausstellung Dunkelheit ist voller Licht geschlagen wird: „Noch nie war es so schön, im Dunkeln zu stehen, noch nie war es so schön, gar nichts zu sehen, noch nie war es so leicht, die Dinge zu verstehen …“ Die Dinge nicht im Dunkeln zu lassen, so könnte man das zentrale Anliegen der Einzelausstellung des finnischen Künstlers Jukka Korkeila zusammenfassen. Aber um welche Dinge handelt es sich?
Als ich für die aktuelle von hundert-Ausgabe vorschlug, eine Besprechung dieser Ausstellung zu schreiben, schickte mir Andreas Koch einen bereits zwanzig Jahre alten Text, den ich für eine frühere Ausgabe über denselben Künstler verfasst hatte. Ich erinnerte mich nicht mehr konkret an Einzelheiten, war aber überrascht, wie sehr er im Wesentlichen immer noch passt.
Ohne auf einzelne Werke einzugehen, sowohl im malerischen Gestus wie in seinen Motiven, kann man eine ausgeprägte Kontinuität feststellen: die Kombination von expliziten Darstellungen homosexueller Erotik und einer betont virtuosen Malerei in der Nachfolge des Bad-Painting-Diskurses der frühen neunziger Jahre. Eine Flut an großen Öl- und Acrylgemälden, kleineren Gouachen und Tuschzeichnungen ziehen sich über die Wände. Die Bilder zeichnen sich durch präzise Anordnungen lässig hingeworfener Figuren aus: Bäuche, Köpfe und viele korpulente, nackte männliche Körper, dargestellt in starken Farben und Kontrasten, mit beeindruckend selbstbewusstem Gestus. Rundliche Körper und Körperrundungen spielen hier alle Haupt- und Nebenrollen. Bisweilen tauchen Porträts auf, wie zum Beispiel der pausbäckige nordkoreanische Diktator Kim Jong-un, der von Jukka Korkeila kurzerhand zum Sexsymbol reduziert wird. Auch Ursula Kraft hat in den Bildern einen Auftritt.
Und immer wieder Penisse, Lümmel, Pullermännchen, Schwengel usw. (Google hat mir 158 Synonyme gefunden), in jedem Aggregatszustand, einzeln, mehrfach oder zu Sternformen geclustert in einer wandfüllenden Arbeit als Muster einer derangierten Tapeteninstallation. So viel rund, das erinnert bisweilen sogar an die Ballontiere und die Porzellan-Pornos von Jeff Koons, der ebenfalls mit sexuellen Motiven reüssierte, dabei auf hochglänzende Oberflächen Wert legte, in denen Betrachtende sich sowohl im Wortsinne als auch metaphorisch widerspiegeln können – ein Effekt, dessen Faszination die Halbwertszeit von kuriosen Filterfunktionen im Selfie-Modus der Handy-Kamera hat. Korkeilas Arbeiten kann man als Gegenentwurf zu Koons’ Hochglanz-Pin-up-Ästhetik lesen, zu dessen zynisch zelebriertem und verführerischem Warencharakter, wie auch der darin abgebildeten, transaktionalen (Hetero-)Sexualität. Die private wie geschäftliche Beziehung des Künstlers zu Modell und Partnerin Cicciolina endete bekanntlich in einem erbitterten Rechtsstreit.
Der Maler legt in seiner Kunst naturgemäß selbst Hand an, seine Oberflächen wollen nicht verführen, sondern zeigen, darstellen. Er lädt Betrachtende nicht zur Identifikation ein, vielmehr ist seine Malerei ein emotionales Notat subjektiven Erlebens, das Aspekte (s)einer Sexualität feiert, der gesellschaftliche Regeln, Erwartungen oder Normen egal sind. Dass es ein langer und schwieriger Prozess war, an diesem Punkt anzukommen, darüber gibt ein Künstlerbuch mit dem gleichen Titel ein wenig Aufschluss. Veröffentlicht anlässlich einer umfassenden Retrospektive Korkeilas im Kunstmuseum seiner Geburtsstadt Hämeenlinna im letzten Jahr, versammelt der Band neben Abbildungen zahlreicher Werke auch autobiografische Notizen und legt Verbindungen zwischen künstlerischem Werk und privaten Referenzen offen, spart dabei auch existentielle Erlebnisse und Verletzungen nicht aus.
Darin beschreibt der Künstler seinen langen Weg dahin, die eigene Verletzlichkeit zu akzeptieren, und mit seinen Schamgefühlen umzugehen, mit den schmerzhaften Gefühlen als schwules Individuum fehlerhaft oder unwürdig zu sein.
Diese Gefühle in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen, macht die Bedeutung der Arbeit des Künstlers aus. Anstatt sich zu verstecken, in Isolation zu flüchten, rückt der Künstler seine Scham ins Licht. Dass er dies mit seinem feinen Sinn für Selbstironie ausbalanciert, zeigt, dass er in seiner Ikonologie dicker, erregter Körper, Leidenschaft und Begehren verhandelt, welche sich außerhalb gesellschaftlicher Norm wiederfinden – prädestiniert zur sozialen Ausgrenzung.
In seinem autobiografischen Text beschreibt der Künstler seinen Weg; von der Kindheit in einer kleinen Stadt eine Stunde von Helsinki entfernt, von den Schwierigkeiten als Jugendlicher im Umgang mit erwachendem Begehren, von der Angst, die eigene Homosexualität zu akzeptieren, sich zu ihr zu bekennen und sie auszuleben. Er erzählt auch von Krankheit und Tod seines Partners, von der Entdeckung von Spiritualität und Religion, die Trost spenden und in der Folge neue Verbindungen zwischen Körperlichkeit und Transzendenz eröffnen.
Und am Ende taucht als unverhoffte Lichtgestalt Frau Kraft aus Stockheim aus der Dunkelheit auf, erdacht und gespielt vom Schauspieler Markus Karger, denn seitdem lebt und arbeitet der Künstler unweit von Stockheim in der hessischen Provinz. Für die Malerei ist das nicht unbedingt von Bedeutung. Wichtig bleibt aber, dass Jukka Korkeilas eigenwillige, humorvolle und überspitzte Darstellungen von Sexualität unbedingt als verbindliche und gänzlich unironische Chiffre gelten sollten für die mannigfaltigen Formen von Liebe, für die Freiheit zu lieben wen und wie man will. Der Blick auf aktuelle politische und soziale Entwicklungen, politisch sanktionierte Trans- und Queerfeindlichkeit, aber auch auf die stereotypen binären Geschlechterrollen (Tradwifes, Incels etc. …), die in sozialen Medien dargestellt werden, bestätigt, wie aktuell diese Thematik heute ist.
Jukka Korkeila, Dunkelheit ist voller Licht, Wolf & Galentz,
Wollankstraße 112a, 13187 Berlin, 5.9.–26.10.2025
Jukka Korkeila, Dunkelheit ist voller Licht, Ausstellungsansicht Detail