(Dé)Formation (un)professionelle

2026:Februar // Andreas Schlaegel

Startseite > 02-2026 > (Dé)Formation (un)professionelle

02-2026

Ist es nur eine Schonhaltung, bereits eine déformation professionelle – oder eher eine déformation unprofessionell? Seit Jahren verfolge ich Entwicklungen am globalen Kunstmarkt kaum. Dabei erlebt der Markt Turbulenzen, deren Auswirkungen ich beobachten kann und manchmal zu spüren bekomme. Ich höre eher von „der Krise“, als ich mitbekomme, dass mehr Galerien schließen, als neue eröffnen. Aber ist das ein Zeichen eines Erneuerungszyklus, zeichnet sich ein Generationswechsel ab?
Ist das Galeriensystem möglicherweise überholt, werden Galerien weniger interessant für die nächste Sammler-Generation, die bereits mit sozialen Netzwerken aufgewachsen ist und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit bereit ist, online Kunst zu kaufen, beispielsweise auf einer Online-Auktion eines Auktionshauses? Erleben wir gerade eine Art Häutung, streift die Schlange Kunstmarkt, die alte, überkommene Haut ab, und strahlt bald in einem neuen, makellosen Schuppenkleid?

Die Nachricht, dass Mehdi Chouakri die Zeichen der Zeit erkannt hat und vor Kurzem ankündigt hat, den Ausstellungsbetrieb seiner Galerie zu pausieren und nicht an wichtigen Messen teilzunehmen, scheint dazuzupassen. Es sei „Zeit, darüber nachzudenken, in welcher Form diese Arbeit am sinnvollsten fortzusetzen ist“, teilte die Galerie mit. Kurz darauf kursierten Meldungen, dass einzelne Künstler*innen mit neuen Galerien zusammenarbeiten werden. Ich bin neugierig, was Mehdi Chouakri sich einfallen lassen wird, nicht nur weil ich das Programm seiner Galerie sehr schätze, sondern auch weil diese Pause eine Lücke in die Kunstlandschaft der Stadt hinterlassen wird.
In den Medien kann man viel über den Kunstmarkt lesen, aber dann geht es fast ausschließlich um Sensationen: Stars, Märchenpreise, Auktionsrekorde. Der Kunstmarkt wird dabei eher als Indikator bemüht, für Auf- oder Abschwung der Wirtschaft allgemein. In dieser Wahrnehmung wird er Teil einer Kultur, die sich zunehmend auf extremen Luxus fokussiert, der für den überwiegenden Teil der Bevölkerung völlig unerschwinglich bleibt. In dieser zynischen Erzählung wird Kunst zum Spielzeug der Superreichen, da gibt es nichts zu verstehen.

Wie die Geschichte von Issy Wood, deren Ausstellung im Schinkel Pavillion dieser Tage nach fünf (!) Monaten zu Ende ging. Der Mythos der Künstlerin überstrahlte die gezeigten Gemälde: die frühe Model-Karriere, Esstörungen, Drogengeschichten, endlich Abstinenz und damit: Erfolg. Dazu gehört auch ihre Ablehnung prominenter und mächtiger männlicher Mentoren (der Musikproduzent Mark Ronson (Amy Winehouse) hilft ihr dabei, ihre erste Platte aufzunehmen, der legendäre Kunsthändler Larry Gagosian umgarnt sie). Aber es ist die sorgfältige Aufbauarbeit ihrer langjährigen Londoner Galerie Carlos/Ishikawa, die sie seit dem Ende ihres Kunststudiums vertritt, die sie zum kommerziellen Durchbruch führte. Dass an die tausend Besucher die Ausstellung in Berlin geradezu stürmten, mag auch mit ihrer unterhaltsamen Präsenz auf Instagram zu tun haben. Aber eher mit der Sensationsmeldung von 2022, als ihr Gemälde Chalet (2019) für über 440.000 Pfund bei einer Auktion bei Phillips London versteigert wurde. Im Jahr davor hatte ein anderes Gemälde (Eggplant/car interior, 2019) bereits 327.000 Pfund erzielt. Wer ihre Publikationen durchblättert, sieht den Output einer sehr fleißigen Produzentin, offensichtlich arbeitet die Künstlerin eifrig die Warteliste ab.

Die Phase, in der junge Künstler*innen derartige Preise aufrufen konnten, ist wohl vorerst vorbei. In anderen Worten – diejenigen, die noch vor zwei, drei Jahren auf den Wertgewinn von Werken junger Künstler*innen spekulierten, sind nicht mehr ganz so risikofreudig, haben eher weniger „Spielgeld“ zur Verfügung. Soweit der Glamour- oder Klatsch-Teil des Kunstmarkts.

Mich persönlich interessiert aber eher das andere Ende des Kunstmarktes. Ich beobachte immer mal wieder Auktionen, online oder vor Ort, aber habe noch nie eine Arbeit erworben. Auktionen erinnern mich ein wenig an die Hunderennen, ein Working-Class-Vergnügen, das ich in den Neunzigern in London für mich entdeckte. Ich lag häufig falsch mit meinen Wetten, aber manchmal eben auch goldrichtig, obwohl ich von Rennhunden keine Ahnung hatte. Auf Auktionen mache ich vergleichbare Erfahrungen. Die Werke stehen für unterschiedliche Künstler*innen, müssen es über die Preis-Ziellinie schaffen, um ihren Status zu erhalten und ihren Marktwert abzusichern. Die Bietenden wetten mit ihrem Einsatz auf genau diesen. Für die Ergebnisse mancher Werke interessiere ich mich und staune darüber, wie wenig die erzielten Preise mit der Qualität der Arbeiten in meinen Augen übereinstimmen. Was wiederum unabhängig davon ist, welche Arbeit ich persönlich besitzen wollen würde, wenn ich Platz und Geld hätte, usw. … Besonders haben es mir Nachverkäufe angetan, gerade die kleineren Auktionshäuser bieten Arbeiten an, die auch nur marginal kunsthistorisch Interessierte ansprechen könnten, ich bleibe dabei allerdings beim Window-Shopping. Trotz vieler Ebay-Aktivitäten finde ich das Auktionswesen zu spektakelhaft und kalt.

Deutlich spannender finde ich da die Jahresgaben, die zum Beispiel Kunstvereine auflegen. Die Möglichkeit, mit dem Erwerb einer Arbeit sowohl die Aktivitäten eines Vereins zu unterstützen, wie auch die Künstler*nen selbst, macht quasi doppelt Sinn. Besser ist natürlich die Mitgliedschaft in einem Kunstverein. Ich würde auch Tage der offenen Tür in Atelierhäusern dazu zählen, wo mit dem Erwerb einer Arbeit auch das Biotop, in dem sie entstand, gepflegt wird, ja, die Kunstlandschaft im weiteren Sinne. Das spannendste Feld erscheint mir da zu sein, wo ganz junge Künstler*innen reüssieren, auf den Rundgängen von Kunsthochschulen. Hier zählt die Anerkennung viel, der Kauf zählt doppelt und schafft einen Ansatz für eine längere Auseinandersetzung. Auch, weil es für viele junge Künstler*innen häufig geradezu selbstverständlich erscheint, eigene Aktivitäten beispielsweise auf Instagram öffentlich zu protokollieren. Das kann man kritisieren, aber wer sich nicht nur für fertige Arbeiten, sondern deren Entstehungsprozess interessiert, für diejenigen kann es einen Mehrwert darstellen, künstlerische Aktivitäten verhältnismäßig unaufdringlich mitzuverfolgen.

Den höchsten Rang niederschwelliger Kunstmarktaktivitäten würde ich aber dem Tauschgeschäft beimessen. Um noch mal auf Studienerlebnisse in London zurückzukommen: Es kam in der jungen Kunstszene einem Ritterschlag gleich, wenn Peter Doig anfragte, ob man nicht eine Arbeit tauschen wolle. Mir wurde diese Ehre nicht zuteil, aber die Erfahrung habe ich mitgenommen. Die ernsthafte, auch (zeit-)intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit von Künstler*innen ist bereits selten, aber die Anerkennung durch einen Zeitgenossen wiegt besonders viel. Sie fördert nicht nur die formation professionelle der jungen Künstler*innen, sondern trägt dazu bei, dieses merkwürdige Kunstbiotop weiter zu befruchten. In diesem Sinne erscheint mir der Kunstmarkt als Mythos einen wichtigen Anteil am Betriebssystem Kunst zu haben. Der größere Mehrwert für Zeitgenossen, Kunstschaffende, Betrachtende, Funktionäre usw. … entsteht aber in der kulturellen Landschaft, die durch Kunst geschaffen wird und in der neue Kunst entsteht, begleitet von den vielfältigen Diskursen, die durch sie initiiert werden.
Quo vadis Mehdi? Installation view, Jens Haaning, Travel Agency, Galerie Mehdi Chouakri, 1997