Lovis Corinth

Alte Nationalgalerie

2026:Februar // Christoph Bannat

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02-2026

Interview von Christoph Bannat mit Dieter Scholz, Kurator an der Alten Nationalgalerie, Berlin

Christoph Bannat: Lieber Dieter Scholz, wenn ich Ihren Weg sehe, von dem wegweisenden Kolloquium im Jahr 1997 „Überbrückt. Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus. Kunsthistoriker und Künstler 1925–1937“ zu „Unbewältigt? Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus. Kunst, Kunsthandel, Ausstellungspraxis“ im Jahr 2020, dann Ihre Ausstellung über „Die Kunst der Gesellschaft 1900–1945“ zur Wiedereröffnung der Neue Nationalgalerie 2021, und jetzt „Im Visier. Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion ‚Entartete Kunst‘“ in der Alten Nationalgalerie, dann sehe ich einen sehr engagierten Forscher. Was interessiert Sie so an dieser Zeit, wann fing die Faszination an, gab es so etwas wie ein Initialerlebnis? Oder ist es eine Lebensfragestellung?

Dieter Scholz: Eigentlich sind es die 1920er-Jahre, die mich immer fasziniert haben, die Weimarer Republik als erste deutsche Demokratie, künstlerisch wie politisch unglaublich vielfältig und experimentierfreudig. Aber dann stellt sich auf der einen Seite die Frage, warum diese großartige Entwicklung gescheitert ist, warum die Nazis an die Macht kommen konnten. Und auf der anderen Seite ist es hochinteressant zu fragen, was die Voraussetzungen der Weimarer Republik waren. Davor gab es das Kaiserreich, und gerade dort entwickelten sich enorme freiheitliche Impulse, wie etwa der Expressionismus oder die Abstraktion. Insofern habe ich von den 1920er-Jahren ausgehend mein Forschungsfeld zeitlich nach vorn und nach hinten erweitert.

CB: Sie forschen ja immer in Arbeitszusammenhängen mit anderen Akademikern. So auch mit der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der FU ... gibt es eine Zielsetzung?

DS: Ein wesentlicher Anstoß ging von der Ferdinand-Möller-Stiftung aus, die der früher in Düsseldorf tätige Kunsthändler Wolfgang Wittrock zusammen mit der Tochter des Galeristen Ferdinand Möller 1995 gegründet hat. Ferdinand Möller hat sich früh für den Expressionismus eingesetzt und war später einer jener vier Kunstexperten, die beauftragt wurden, die im Nationalsozialismus als „entartet“ beschlagnahmten Kunstwerke zu „verwerten“, also ins Ausland zu verkaufen, um Devisen zu erwirtschaften für die anrollende Kriegsmaschinerie. Zweck der Ferdinand-Möller-Stiftung war und ist es, Forschungen zum Expressionismus und angrenzenden Bereichen zu fördern. So war es Wolfgang Wittrock zu verdanken, dass 1997 das Kolloquium „Überbrückt“ im Hamburger Bahnhof stattfinden und ich es im Anschluss an mein Museumsvolontariat mit organisieren konnte. Und auch die Initiative für die Gründung der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der FU Berlin 2003 sowie deren langjährige Anschubfinanzierung gingen von der Ferdinand-Möller-Stiftung aus. In diesem Zusammenhang haben sich Museum und Universität ideal miteinander verbunden.

CB: Das Narrativ, dass nur Expressionisten als entartet galten, hat sich lange gehalten und wurde von vielen Seiten reproduziert, Sie sind aber zu ganz anderen Ergebnissen gekommen …

DS: Das ist nicht mein Verdienst, denn es haben ja viele Personen in diesem Bereich geforscht. Bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass der Begriff „entartet“ zur Zeit der Beschlagnahmeaktion 1937 gar nicht genau definiert war. Er konnte formal-ästhetisch verwendet werden, also Werke bezeichnen, die nicht naturgetreu abbildeten oder heroisch idealisierten. Er konnte aber auch nach „rassischem“ Gesichtspunkt die Produkte von Kunstschaffenden jüdischer Herkunft bezeichnen. Und er konnte weltanschaulich auf Schöpfungen aus dem linkspolitischen Spektrum angewendet werden, seien sie ­sozialdemokratisch, kommunistisch oder anarchistisch inspiriert gewesen. Letztlich galten alle fortschrittlichen Erzeugnisse aus der Weimarer Republik als dekadente „Verfallskunst“ der sogenannten „Systemzeit“. Umgekehrt muss auch festgestellt werden, dass Joseph Goebbels in jungen Jahren selbst expressionistische Dramen geschrieben hat, und dass viele im Kunstbereich Tätige deshalb die Erwartung hatten, der Expressionismus als ein „nordischer“ Stil werde zur Staatskunst erhoben. Doch diese Hoffnungen haben ­getrogen, Goebbels unterwarf sich dem kleinbürgerlichen Geschmack von Hitler und Rosenberg. Aber was, wenn es so gekommen wäre? Dann würde diese avantgardistische Formensprache heute als politisch kompromittiert gelten.

CB: Wofür steht Lovis Corinth, ich sag mal, in Ihrer Ausstellung, obwohl diese in Zusammenarbeit entstand?

DS: Bei Corinth hat mich neben seiner ungemein dynamischen und wandelbaren Malerei vor allem der Widerspruch interessiert, dass er sowohl als großer und allseits anerkannter „deutscher“ Künstler galt – er war zeitlebens bekennender Monarchist –, gleichzeitig aber auch als „entartet“ diffamiert wurde. Für die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie habe ich zum einen das Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin angesprochen, denn dort werden die Dokumente zur Geschichte der Nationalgalerie aufbewahrt, zum anderen das Kupferstichkabinett, denn ursprünglich waren Handzeichnungen und Aquarelle auch Sammelgebiet der Nationalgalerie. Auf diese Weise konnten wir historische Bestände und Materialien vorübergehend wieder zusammenführen.

CB: Andreas Hüneke behauptet in seinem Vortrag beim Kolloquium „Unbewältigt?“, dass Corinth für manche Nazis nach seinem Schlaganfall als entartet galt.

DS: Das ist keine Behauptung, sondern ein Fakt. Bei der Eröffnung der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 sagte der Präsident der NS-Reichskammer für bildende Künste, Adolf Ziegler, in seiner Rede, Corinth habe, ich zitiere, „nach seinem zweiten Schlaganfall nur noch krankhafte und unverständliche Schmierereien“ hervorgebracht. Corinths zunehmend expressiver Duktus, der sich bereits vor 1911 abgezeichnet hatte, wurde als Folge eines Schlaganfalls interpretiert, den Corinth 1911 in der Tat erlitten hatte, von dem er sich jedoch, trotz anfänglicher Lähmungserscheinungen, wieder erholt hat. Eine weitere Steigerung der Expressivität seiner Malweise nach 1918 wurde mit einem neuerlichen Schlaganfall erklärt, den es jedoch gar nicht gegeben hat.

CB: Für mich gab es zwei Lesarten der Ausstellung. Eine, dass die Nazis dumm waren, selbst nicht wussten, was nun alles „entartet“ sein sollte. Die Ausstellung erzählt ja davon, dass eine Kommission die staatlichen Kunsthäuser nach dieser sogenannten „entarteten Kunst“ durchkämmte, diese sammelte und teilweise der „Verwertung“ zukommen ließ, teilweise aber auch verbrannte. Die andere Lesart, dass alles gar nicht so schlimm war und man doch, selbst in diesem totalitären System, noch Schlupflöcher finden konnte, eben weil es keine ästhetischen Vorgaben gab.

DS: Wir versuchen zu differenzieren, indem wir zu jedem einzelnen Bild erläutern, wie es in die Sammlung kam und wie sein Schicksal durch den Nationalsozialismus beeinträchtigt wurde. Zu den Ergebnissen dieser Provenienzforschung gibt es Oberbegriffe wie „Beschlagnahmt“, „Zurückgegeben“, „Überwiesen“, „Angekauft“, „Verschollen“, „Verkauft“, „Geschenkt“, „Zurückgekauft“ oder „Verwahrt“. Auf diese Weise entsteht Geschichte aus Geschichten. Und es wird klar, dass es Widersprüchlichkeiten und Willkür gab, selbst in diesem totalitären System, das beanspruchte, „Gut“ und „Böse“ klar zu unterscheiden. Besonders in den ersten Jahren nach 1933 gab es durchaus noch Spielräume. 1937 aber, mit der Schandausstellung „Entartete Kunst“ und der zeitgleich stattfindenden „Großen Deutschen Kunstausstellung“, in der vorgeführt wurde, was als vorbildlich galt, verhärtete sich die Situation. Um ausstellen und verkaufen zu dürfen, war ohnehin die Mitgliedschaft in der Reichskammer der bildenden Künste erforderlich.

CB: Was mir in der Ausstellung fehlt, die ja für die „Make Germany Great Again“-Zeit steht, ist ein klares Statement. Die Kultur-Nazis erhoben großmäulig den volkserzieherischen Anspruch, das Dekadente auszumerzen und einen gradlinig, aufrecht natürlich (ein Widerspruch in sich) empfindenden Betrachter, den NS-Kulturmenschen ausbilden zu wollen. So klar diese Zielsetzung, so verwirrend die ästhetischen Urteile (selbst die deutschen Expressionisten hatten zeitweise die Anwartschaft für die neue Deutsche Kunst inne). Dafür ist Lovis Corinth ein herausragendes Beispiel. Was mir fehlt ist die Betonung, dass diese Verunsicherung durch ästhetische Urteile und darauffolgende Handlungen machtpolitisch gewollt war. Dass es eine Taktik war, um Angst und Schrecken in der Künstlerschaft zu verbreiten, dass es letztendlich jeden, selbst einen Kaisertreuen wie Corinth, treffen konnte.

DS: Das ist eine richtige Beobachtung. Widersprüchlichkeit und Willkür dienten auch einem Zweck. Wie das funktioniert, sehen wir ja gerade am Beispiel des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Vielleicht haben wir diesen Aspekt nicht explizit genug gemacht. Ich habe aber durchaus den Eindruck, dass das Publikum den politischen Gehalt der Ausstellung wahrnimmt und ihn in Beziehung zur heutigen Situation setzt. Wenn Demokratien gefährdet sind, braucht es Bildung und Aufklärung. In diesem Sinne habe ich auch eine Wanderausstellung konzipiert, die mit Werken der klassischen Moderne aus der Neuen Nationalgalerie gerade durch die USA tourt: „Modern Art and Politics in Germany 1910–1945“. Corinth ist ebenfalls mit dabei. Auch das dortige Publikum zieht klar die Parallelen zur aktuellen Entwicklung und sieht, wohin diese führen kann.

Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion „Entartete Kunst“, Alte Nationalgalerie, 18.7.2025–25.1.2026



Über den Begriff der „Entarteten Kunst“ vgl. Hoffmann, Meike; Scholz, Dieter (Hrsg.): Unbewältigt? Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus. Kunst, Kunsthandel, Ausstellungspraxis, Berlin: Verbrecher Verlag 2020

Scholz, Dieter (Hrsg.): Im Visier! Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion „Entartete Kunst“, Berlin: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin 2025

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/sektion_ii_kunst_im_nationalsozialismus_handlungsspielraeume_inszenierung_erzaehlungen?nav_id=8332#:~:text=Kolloquium%20%22Unbewältigt?,in%20der%20Zeit%20des%20Nationalsozialismus
Lovis Corinth, Selbstbildnis vor der Staffelei, 1919, Öl auf Leinwand, 126 x 105,8 cm Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / 1976 erworben durch das Land Berlin, Fotograf: Jörg P. Anders
Lovis Corinth, Der geblendete Simson, 1912, Öl auf Leinwand, 130 x 105 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Alte Nationalgalerie, Fotograf: Andres Kilger