Top Dollar für ein Lächeln

Ein Romanfragment

2026:Februar // Nikolaus List

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02-2026

Meine erste Lüge ging mir über die Lippen wie von selbst, war aber überhaupt nicht vorbereitet. Sie war wohl auch nicht meine alleinige Erfindung, entstand eher aus einer spontanen Kooperation, die sich so unbewusst wie dringlich zugleich ergab. Lügner und Belogene waren ein Team, das im Sinn einer höheren, ja heiligeren Wahrheit handelte.
Die Kuratorin der Kunstsammlung eines großen, reichen Verkehrsclubs war bei mir im Atelier und wir unterhielten uns schon eine Weile. Ich war für einige Ankäufe vorgeschlagen worden und der Ablauf sah vor, dass Annette ­Vogler, Doktorin der Kunstgeschichte, ein „ausführliches Gespräch“ über meine Arbeiten mit mir führen und der Ankaufskommission ein Gedächtnisprotokoll darüber vorlegen würde. Ob sich diese dann damit befasst hat und was überhaupt darin stand, weiß ich gar nicht, zukünftige Kunsthistoriker mögen es erforschen. Mir war die Sache nicht sehr wichtig, denn die Sammlung wurde als kaum mehr als für gelegentliche Finanzspritzen nützlich angesehen und würde die höheren Weihen des Obskurantismus, die für den Werdegang in der Kunstwelt so wichtig waren, wohl kaum je empfangen. Vielleicht war es auch meine entsprechende Lockerheit, die meine – unsere – Eingebung schuf.

Frau Vogler war eine jener Kunsthistorikerinnen, die, wie ich, in ihrer Jugend begeistert von der Kunst der Renaissance, der Belle Époque und von der indischen Malerei der Mogulphase gewesen waren. Auch sie hatte dort eine Schönheit gesehen, die sie wie als vorgreifende Rache für die industrialisierte Scheußlichkeit empfand, die uns nun alle umgab. Auf der Universität hatte sich ihr Sinn für diese Welt der Figuren und Farben, der Landschaften, Faltenwürfe und des Lichts noch vertiefen können, anders als bei mir, der in ein aus heutiger Sicht nur noch schwer nachvollziehbares, den heutigen Menschen kaum noch begreiflich machbares Zentrum der Bildfeindlichkeit, die Kunstakademie, geriet. Dort hatte ich gegen das Tabu der figürlichen Malerei, das der damaligen Professorenschaft ein kunsthistorisch gewachsenes, unumstößliches Dogma war, zwar rebelliert und mich dadurch einzigARTig gefühlt. Nach dem Studium aber hatte ich mich dem herrschenden Geist angepasst, um weiter mit der Welt in Austausch bleiben zu können. Damals explodierte auch der Kunstmarkt und meine Anpassungsfähigkeit wurde reich belohnt. Aber ich greife den Dingen vor: Als Frau Vogler in mein Atelier kam, hingen dort meine ersten Pressspan-Bilder, auf denen nichts zu sehen war als eben der Pressspan selbst und manchmal ein paar Kleckser Kunstharzlack. Ich brach Stücke der Platten ab und klebte sie an anderer Stelle wieder auf, solche Sachen, mein großer Hit aber waren jene Bilder, bei denen die Ecken aufgespalten waren und sich außeinander wölbten, so dass das flockige, faserige Innere mit der äußeren, geglätteten Fläche kontrastierte. Wie gesagt, aus heutiger Sicht ist das alles schwer nachvollziehbar, aber meine Arbeiten standen auch in einer Tradition von Leuten wie Uecker oder Fontana, da gab es auch nicht mehr zu sehen – beim einen ein paar Nägel, beim anderen Schlitze in der Leinwand. Mit so was kam man damals durch und konnte Unsummen verdienen, wenn man mit einem in die gängigen Codes eingeweihten Verteiler, sprich Kunsthändler arbeitete. Den hatte ich ja, und er – Marek Lambert war sein Name – konnte auch viel besser über meine Werke reden als ich, dem das nicht sehr lag.

Dass Frau Vogler (wie so viele Leute) keinen Draht zu meinen Arbeiten hatte, zeigte die Bereitwilligkeit, mit der sie sich gleich auf das große, eher im Eingangsbereich und weit entfernt von den Bildern stehende Ledersofa fallen ließ. Ich kannte das schon, es hatte sich zu einer Art Test entwickelt: Wenn ich Besuchern anbot, sich zu setzen, teilten sie sich in zwei Gruppen. Die einen gingen weiter vor den Bildern hin und her und sprachen über sie; die anderen ließen sich gleich nieder und redeten über Gott und die Welt. Also taten wir dies. Für die Berlinbesucherin bot sich als Thema der Wiederaufbau des Stadtschlosses an, das vor allem Touristen aus Asien anziehen sollte. Frau Vogler schien das eher zu ermüden.

„Es scheint“, sagte ich altklug und wahr, aber völlig hoffnungslos in Bezug auf die Notwendigkeit, die Kuratorin zu beeindrucken, „dass durch Europa reisende Chinesen und Inder etwas typisch Europäisches sehen wollen, und nicht die modernistische Architektur, von der sie ja selbst genug haben“.

Frau Vogler blickte nur missmutig. Sollte das ein Witz sein? Touristen aus Indien? Wo Frau Vogler wohnte, gab es so was nicht, und vom Wirtschaftsboom des gerade die Milliardengrenze sprengenden Landes hatte sie ebenfalls nicht gehört (es war wohl, nur nebenbei, auch gerade diese, für die damalige Kunstwelt so typische gesellschaftliche Unwissenheit, die wie ein Vakuum die wilde Politisierung der folgenden Jahre einsaugen würde). Ich ersparte ihr den Vergleich zwischen dem Entstehen der deutschen Mittelschicht zur Zeit des Wirtschaftswunders und dem der jetzigen in Indien. Es war klar, dass Zahlen, so atemberaubend die irdischen Vorgänge waren, die sie beleuchteten, Frau Vogler nur noch mehr langweilen würden. Vom Irdischen mussten wir ja gerade weg.

„Gibt es etwas ... Ausgefalleneres, das Sie mir sagen können“, las ich in ihren Augen, „etwas, das ich dem Ankaufsgremium erzählen kann?“, denn es braucht eine Story, wenn es um zeitgenössische Kunst geht, eine biografische Besonderheit, einen kleinen Mythos. Den wollte ich ihr nicht vorenthalten, wusste aber nicht, was ich machen sollte, denn mein Leben war nicht sehr mythologisch verlaufen. Als wir dann auf einen deutschen Künstler kamen, der in Bollywood ein Video gedreht hatte, das gerade in aller Munde war, leuchteten Frau Dr. Voglers Augen auf. Das gab mir Hoffnung und ich beschwor das von allen Seiten auf die Tänzerinnen verschüttete Wasser im indischen Film, die vollen Farben und die Choreografie, und die auf dem Sofa zusammengesackte Kunsthistorikerin richtete sich wieder auf – war ich denn in Bollywood mal bei Dreharbeiten dabei gewesen? Anscheinend hatte ich so geklungen. Nein, entgegnete ich, und dass ich aber in Indien schon gewesen sei, und es war wohl auch ein dadaistischer Impuls, der mich dabei durchfuhr, der Wunsch unser absurdes Theaters zu überwinden, das darin bestand, dass wir eine Stunde lang miteinander sprachen, um dann eine Stunde lang miteinander gesprochen zu haben.

„Aber einen Schauspieler habe ich dort kennengelernt, der ein richtiger Bollywoodstar ist. ... Der hat mir sogar ein Bild abgekauft.“
Das war der erlösende Regen, den die Kuratorin so schmerzlich vermisst hatte, den man bei zeitgenössischer Kunst, bei meiner zumindest, ja immer vermisste, das war der Pfad aus der Dunkelheit ins Licht:
„Was? Der Shah Rukh Khan!? DER hat Ihnen ein Bild abgekauft? Wie kam es denn DAZU?“
„Es … ergab sich wie von selbst“, sagte ich zerstreut und tat, als würde ich mich zu erinnern versuchen, was ich später auf dem Nachhauseweg noch zu besorgen hatte. „Das … Bild hat ihm einfach gefallen und da hat er es gekauft.“
„Aber wie haben Sie den denn kennengelernt?“
„Nun, ich war ja zu Besuch bei einem Freund, der das ­Goethe-Institut von Mumbai leitet. Seine Frau Maria, eine Italokanadierin, die eigentlich Sprachlehrerin ist, engagiert sich nebenbei in einer Wohltätigkeitsorganisation, in der auch Gauri Khan Mitglied ist, die Frau von Shah Rukh. Und da gab es eines Abends einen Fundraising-Ball in einer wunderschönen Villa im Kolonialstil, mit einem wunderschönen Garten, in dem Pfauen umher stolzierten und Äffchen durch zerzauste Hecken hüpften, deren dicke Stämme sich um rostige Zaunpfeiler schlangen. Da wurde mir der Shah Rukh Khan vorgestellt. Ich fand ihn unglaublich sympathisch, dachte mir aber nichts dabei, weil ja in Indien viele Menschen sehr sympathisch sind.“ Frau Vogler stimmte mir versonnen lächelnd zu, wenn auch mit leicht diagonal kippendem Kopf, wie um auch Bedenken anzudeuten.

„Wir unterhielten uns und ich erzählte ihm auch von meiner Ausstellung im Institut. Da kam er dann tatsächlich ein paar Tage später vorbei, mit Gauri, und die beiden haben sich ein Bild ausgesucht, das größte. Das war alles. Eigentlich wollten sie uns, also Reimar, Maria und mich noch zum Essen einladen und zeigen, wie sie das Bild gehängt hatten, aber dann kam etwas dazwischen und Shah Rukh musste nach Neu Delhi. Ich flog zurück und hab’ mir erst hier seine Filme angesehen und begriffen, dass er in Indien wie eine Art Gottheit verehrt wird.“

„Ja …“, sagte meine Besucherin bestimmt, „und nicht nur dort!“ Es war genau die Art von gesellschaftlichem Glanz, nach der man in der Kunstszene in Ermangelung anderer Reize so gierte. „Er ist einfach großartig. Da ist eine Energie in seinen Augen, etwas Ansteckendes … komplizenhaft und triumphal irgendwie … Naja, seitdem haben wir uns ein paar Mal gemailt und er meinte, das Dinner holen wir irgendwann nach, und dann essen wir wie die Krokodile. Er ist wirklich sehr nett.“
„Wie die Krokodile?“
„Ach, das bezog sich nur auf das Bild, das er gekauft hat. Auch eine von diesen dickeren Spanplatten,“ – ich deutete an die Wände des Ateliers – „die aber an den Ecken so weit aufgebrochen ist, dass es aussieht wie ein aufgerissenes Krokodilmaul.“

Später war mir unbegreiflich, wie diese Geschichte so einfach aus meinem Mund hatte spazieren können, während ich mit der Kuratorin da saß. Gewiss, ein paar Bestandteile, wie das ja immer so ist bei guten Lügen, waren wahr – der Freund, der das Goethe-Institut leitete, seine italokanadische Frau, auch deren gesellschaftliche Aktivität. Die beiden hatten mich auch eingeladen, sie in Mumbai zu besuchen, ich war aber nie hingefahren. Ich hatte, als die Kuratorin mich nach Bollywood fragte, und ob ich dort schon gewesen sei, einfach einem Wunsch nachgegeben, den ich ihrerseits spürte, hatte ihr einen Gefallen tun und eine weitere Enttäuschung vermeiden wollen, wo die geballte Präsenz meiner Bilder und die damit verbundenen Fragen nach dem Sinn unseres Treffens, ja unserer Berufswahl eigentlich, schon enttäuschend genug waren.

Jemand hatte mir mal, eher scherzhaft gemeint, eine Shah- Rukh-Khan-DVD geschenkt, seinen Superhit „Om Shanti Om“. Mir hatte der Film aber tatsächlich gut gefallen. Ich weiß noch, dass ich anschließend geklagt hatte, warum die zeitgenössische Kunst so öde sei, und warum wir nicht auch so etwas machten, Musik, Tanz, choreografisch auf Tänzerinnen verschüttete Wasser. Und Superhelden, die aber nicht wie im westlichen Kino durch gewalttätige Durchsetzungsfähigkeit brillierten, sondern durch Gesang, Tanz und Charme. Das Lächeln des Shah Rukh Khan gab Milliarden von Menschen Wärme und Zuversicht, genau das Gegenteil von dem, was heutige Kunst einer elitären, fachidiotischen Minderheit gibt. Dann hatte ich jahrelang nicht mehr an dieses Lächeln gedacht, aus dem, wie ich später in einer Dokumentation über den Shah Rukh Khan erfuhr, auch die orchestrierten Lächeln, wenn man so im Plural sagen kann, der vielen Tanten des Shah Rukh Khan, mit denen zusammen er aufwuchs, prismatisch gebündelt strahlen. Dass dieses Motiv nun aber in Gegenwart von Frau Vogler zu plötzlicher Blüte gelangt war, grenzte an den Irrsinn einer Psychose. Es war besorgnisserregend.
Ich war dann tagelang nicht allein deshalb nachdenklich, sondern vor allem wegen der Grenze, die ich überschritten hatte. Die Grenze von der Welt der Erfindung, die man ja als Künstler ständig betritt, wenn auch in meinem Fall eher selten, zur Welt der Lüge, ja zum Betrug, denn in der Kunstwelt ist es von essenzieller Bedeutung, wer ein Bild gekauft hat: Tut dies ein ranghoher Sammler, verdoppeln oder verzehnfachen sich die Preise, und etliche andere Sammler ziehen mit, ihrer Ranghöhe nach gestaffelt. Stellt sich nun heraus, dass der angebliche erste Ankauf gar nicht stattgefunden hat, ist schon hoher finanzieller Schaden entstanden. Mein Verhalten entsetzte mich, es würde sicher auffliegen und den generösen Verkehrsklub, der für Kunst Top Dollar zahlte, zurecht empören. Die Chance, an Geld zu kommen, hatte ich verspielt, zumal die Sache sich rumsprechen würde. Halbwegs gefasst erwartete ich die bestimmt sehr kühle, wenn nicht gar (von der Rechtsabteilung?) anklagend verfasste Absage. Es blieb mir auch ein Rätsel, wie ich, dem nie etwas einfiel, live, aus dem Moment heraus, die Idee mit dem Krokodilshunger hatte ersinnen können.

Zwei Monate später erhielt ich eine Mail über die bewilligten Ankäufe. Sämtliche der zehn vorgeschlagenen Bilder (genau jene, die Frau Vogler im Atelier gar nicht angeguckt hatte) wolle man der Sammlung einverleiben, herzlichen Glückwunsch. Für mich, der damals noch nicht sehr bekannt war, bedeutete das eine Summe, von der ich drei Jahre leben konnte, denn zeitgenössische Kunst war in dieser Zeit sehr teuer. Das war es, was sie von den anderen Künsten unterschied.
Zeichnungen: Nikolaus List