„Der Kunstmarkt“ ist seit vielen Jahren eines der Felder, in und mit dem ich beruflich arbeite, sei es als Mitarbeiterin im Galeriebetrieb, als Kunstkritikerin, Lehrende oder als Partnerin eines Bildenden Künstlers. Mehr als die Hälfte meines Lebens stehe ich jetzt schon in „seinem“ Bann.
„Er“ ist ein beständig wachsendes und sich veränderndes, globalisiertes Koordinatensystem, in dem Schließungen meiner Beobachtung nach immer noch regelmäßig durch (Neu-)Eröffnungen und Erweiterungen ausgeglichen werden.
Vieles was über „den Kunstmarkt“ – oft relativ pauschal oder in Eile – veröffentlicht wird, hat mehr die Funktion eines Stimmungsbildes als die einer verlässlichen Analyse. Denn wer gibt schon freiwillig immer und immer vollständig und korrekt alle Zahlen raus, zum Beispiel an die Presse oder Kolleg*innen. Und wer weiß, ob zum Beispiel aus Reservierungen immer auch Verkäufe werden … Wer regelmäßig etwa die Berichterstattung über Kunstmessen liest, versteht, was ich meine. Und je nachdem, wo man selbst gerade steht, identifiziert man sich – oder eben nicht. Vielleicht fühlt man sich auch darin aufgehoben, in der oft vereinfachenden Schwammigkeit. Eine seriösere Auskunft über das genannte Feld (für den Raum Deutschland) gab zuletzt die (online abrufbare) „Galerienstudie III, 2025“ von Hergen Wöbken vom Berliner Institut für Strategieentwicklung (FSE). Und einen stärker international verankerten Einblick in die Gewohnheiten von Sammler*innen vermittelte der 2025 zum 12. Mal erschienene „Art Basel and UBS Global Art Market Report“; doch auch bei diesen Erhebungen gilt es das Kleingedruckte zu beobachten, also die Klärung, wie die Daten erhoben wurden (siehe hierzu auch S. 28, unter „FOKUM“).
Im Auktionsmarkt scheint alles noch unklarer. Als in diesem Marktsegment nur Semi-Professionelle*r versteht man selten genau, welche Zahlen was bedeuten – und was am Ende der Gebührenordnung für die verschiedenen Parteien übrigbleibt. Bei den gehandelten Künstler*innen selbst ist es auf jeden Fall kaum etwas. Für die, die es nicht wissen, könnte es trotzdem interessant sein, dass Auktionshäuser und Dealer (ab dem „Zweitverkauf“) eine „Folgerechtsvergütung“ über die VG Bildkunst an Künstler*innen oder deren Erb*innen abführen müssen, ähnlich wie Galerist*innen dazu verpflichtet sind, bei Erstverkäufen für ihre Einkäufe von Künstler*innen einen Prozentsatz an die – für Künstler*innen und in angrenzenden kreativen Feldern Tätige immens wichtige – Künstlersozialkasse zu zahlen und diese damit mitfinanzieren („Künstlersozialabgabe“).
Ja, wir wissen es; Vieles, was man von „dem Kunstmarkt“ mitbekommt, geht auf Gossip oder Mund-zu-Mund-Propaganda zurück. Oder vielleicht auch auf bewusst irreleitend Gestreutes. Denn schließlich geht es ums Geschäft, auch wenn gerade statt von Konkurrenz viel von „Koopetition“ – Beziehungen, in denen Zusammenarbeit und Konkurrenz zusammenfallen – die Rede ist (siehe dazu u. a. die aktuelle Texte-zur-Kunst-Ausgabe zum Thema „System Change“ (Heft-Nr. 140). Auch die Formulierung „Collaborative Representation“ habe ich kürzlich gelesen. Dabei stehen Vertrauen und Verlässlichkeit im Raum, denn Verträge und schriftliche Vereinbarungen sind im Kunstfeld nicht gerne – aber inzwischen wohl doch schon öfter – gesehen.
Eine weitere Neuerung, über die viele im Herbst 2025 sprachen, war die bei der Art Basel Paris eingeführte „Avant-Première preview“ für die wichtigsten der wichtigen Personen. Dieses Spektaktel eines Einlasses von von den Galerien vorgeschlagen VVIPs zeitlich noch vor der offiziellen und eingeführten VIP-Preview generierte, laut The Art Newspaper, „seven- and eight-figure sales of blue-chip art, but things were quieter upstairs in the emerging gallery sector“ (https://www.theartnewspaper.com/2025/10/22/art-basel-paris-vip-and-vvip-days-sales). Gleichzeitig wurde, auch in The Art Newspaper, über die Frieze in London, die kurz zuvor stattfand, berichtet, dass man dort sehr bemüht war, jüngere Galerien stärker in den Vordergrund zu rücken, im Sektor „Fokus“, der vom Mode-Label Stone Island gesponsert wurde (vgl. https://www.theartnewspaper.com/2025/10/13/putting-young-galleries-at-the-front-frieze-londons-bold-strategy-holds). Da geht es ja immer auch um das „Placement“, ein machtbesetztes Thema, das im Messebereich – verknüpft mit den Standkosten – jetzt (endlich) verstärkt diskutiert wird.
Etwas unerwartet klingt es da an, dass der VIP-Status als Auszeichnung von der Art Basel jetzt abgeschafft werden soll, weil er „leer“ ist. Und weil auch die jüngeren Kund*innen, die man dringend braucht, damit nicht mehr viel anfangen können. „Wer möchte heute noch ein VIP sein?“ lautet der Titel eines Artikels dazu auf der monopol-Website (Daniel Völzke, 22.12.2025).
Auch dass Kunstwerke als Investment nicht verlässlich sind, ist inzwischen vielen schmerzhaft klar geworden: Vielleicht erinnert sich jemand an die vor allem an Investor*innen gerichtete Website artrank.com (vorher SellYouLater.com), mit Einschätzungen wie „buy under …“, „early blue chip“, „sell / peaking“, „sell now“ und „liquidate“. Damals sprach man auch viel über die sogenannten Flipper, vor allem Stefan Simchowitz. Eine gute Zusammenfassung dieser Zeit und damit verbundener Marktfantasien liefert Olav Velthuis im Dezember 2014 in Texte zur Kunst (Heft. 96, auch online lesbar). Dass das jetzt schon elf Jahre her ist … So lange her kommt es mir nicht vor.
Heute liest es sich so: „If we want the new wealthy and next generation to be patrons … we have to meet them where they are and have to give them what they want—or even better, we have to give them things they didn’t know they wanted“ (Marc Spiegler, Artnet.com, 09.01.2026, https://news.artnet.com/market/new-wealth-2026-2736004).
Und was bleibt, wenn eine Galerie schließt? Wohin mit dem Nachlass? Wer kümmert sich darum? Das sind Fragen, die – ähnlich wie unter Künstler*innen selbst – aktueller sind denn je. Und gerade bei eingeführten, sogenannten Programm-Galerien dürfte deren Geschichte und Hinterlassenschaft zumindest einige interessieren. Wie und wo kann man, als Recherchierende*r, als Kunst- oder Markthistoriker*in, also etwas darüber erfahren?
Hier kann ein Blick ins ZADIK helfen: „Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels“. Unter dieser Bezeichnung habe ich die 1992 gegründete Institution kennengelernt: Darauf aufmerksam geworden bin ich durch ihr Zeitschriften-Organ sediment (seit 1994) in der Kunstbibliothek, noch während meines Studiums. Seit 2017 benennt sich das ZADIK, das 2020 an die Philosophische Fakultät der Universität zu Köln überführt wurde, als „Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung“. Und seine Aktivitäten haben inzwischen einen weitaus größeren Umfang, decken ein größeres Spektrum ab. Auf dem Instagram-Profil und der Website des ZADIKs erhält man einen guten Einblick in die Sammel-, Forschungs-, Veranstaltungs- und Ausstellungsaktivitäten und in den Bestand. „Heute umfasst das Zentralarchiv über 200 Bestände von Galerist:innen, Kunsthändler:innen, Auktionshäusern, Kunstkritiker:innen, Kurator:innen, Fachfotograf:innen und weiteren Akteur:innen des Kunstmarktes mit Fokus auf die Zeitspanne vom beginnenden 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart“, kann man dort lesen. Auch Persönlichkeiten wie Kasper König oder Friedrich Meschede haben vieles dorthin gegeben, in der Regel sind es Dokumente wie Korrespondenzen, Publikationen, Presseausschnitte, Fotos und Manuskripte. Ein Besuch lohnt sich, auch online – und eben auch ein Blick ins sediment. Die neueren, inzwischen zweisprachigen Hefte – zum Beispiel die Nr. 33 mit einem vielseitigen Fokus auf die Münchener Galeristin Barbara Gross – lassen sich als PDF gratis herunterladen. 2014 gab es ein Heft zu Kasper König (nur im Print erhältlich).
Ein weiteres seriöses und anspruchsvolles Forum, das sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem internationalen Kunstmarkt beschäftigt, ist das an die TU Berlin angegliederte FOKUM: Forum Kunst und Markt (forum kunstmarkt/centre for art market studies). Dieses „widmet sich der Kunstmarktforschung von seinen Anfängen bis zur Gegenwart“ (fokum.org). Bekannt sind die „Evening Lectures“, die Symposien und Diskussionsveranstaltungen, von denen man viele online mitverfolgen bzw. nachschauen kann, außerdem die englischsprachige Publikation JAMS (Journal for Art Market Studies). Die letzte Ausgabe, die 2023 erschien, trug den Titel „Collecting Latin America“. Über die Website kann man alle Texte kostenfrei online lesen. Die bekannte Kunsthistorikerin und Professorin (TU) Dr. Bénédicte Savoy gehört zu den Gründungsmitgliedern des FOKUMs. International bekannt wurde sie als Expertin für „Translokationen“ von Kunstwerken, als sie im Jahr 2018 mit dem senegalesischen Schriftsteller, Musiker und Geisteswissenschaftler Felwine Sarr den „Rapport sur la restitution du patrimoine culturel africain“, einen Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter, für Emmanuel Macron erarbeitete. Gerade habe ich gesehen, dass FOKUM am 9. Februar auf Zoom zu einem Roundtable zum Thema „Kunstmarktdaten“ einlädt: Der Titel lautet: „Die Notwendigkeit evidenzbasierter Preisdaten – aber woher nehmen?“
Abschließend möchte ich auf die sogenannte Programm-Galerie zurückkommen, das Marktsegment, das ich selbst durch meine Arbeit (für Barbara Weiss (verstorben 2016) und aktuell Barbara Wien) kennengelernt habe. In Kobels Kunstwoche konnte man am 12.1.26, Bezug nehmend auf die Website Basic.Space („Shop the new luxury featuring the best of the best in Design, Style, and Art“), lesen: „... wer 2026 noch in eine Programmgalerie geht und dort Kunst kauft, einfach nur, weil sie ihn oder sie intellektuell bereichert, läuft Gefahr als hoffnungslos altmodisch zu gelten.“
Passend dazu kam am selben Tag eine E-Mail von Mehdi Chouakri Berlin:
„Liebe Freundinnen und Freunde der Galerie,
nach fast dreißig Jahren Galeriearbeit mit rund zweihundertfünfzig ambitionierten Ausstellungen an verschiedenen Berliner Standorten ist es an der Zeit darüber nachzudenken, in welcher Form diese Arbeit am sinnvollsten fortzusetzen ist. Um in Ruhe darüber zu entscheiden, wird die Galerie eine vorläufige Ausstellungspause einlegen.“ Im Folgenden liest man aber auch: „Gleichzeitig aber geht die Arbeit mit den von uns vertretenen künstlerischen Nachlässen – Charlotte Posenenske, Hans-Peter Feldmann, Peter Roehr – unverändert weiter; ähnlich Salvo und Martin Disler …“
Nachdenken: ein Open End also, kein Dead End, hoffentlich. Sind wir also gespannt auf Neues in Sachen Programm-Galerien!