Neulich bin ich aus Langeweile mitten am Tag im Atelier so tief und fest eingeschlafen, dass ich genügend Zeit hatte, einen ausführlichen Traum zu träumen. In meinem Traum war ich Künstler und ich dachte zuerst, Mist, das kann ja wohl jetzt nicht wahr sein, kann ich nicht was träumen mit weniger Problemen, wo alles so passiert, wie ich es mir wünsche. Dann erinnerte ich mich selbst daran, dass ich ja gerade träume, und beschloss, dass ich jetzt genau das träume, was ich mir schon immer erträumt hatte.
Also, es ging dann so: Ich war rundum zufrieden und konnte mich tagaus tagein ausschließlich den Dingen widmen, zu denen ich die meiste Lust hatte. In meinem Traum hatte ich genügend Zeit, Produktionsmittel und Aufmerksamkeit für jeden Aspekt meiner künstlerischen Arbeit. Es gab keinerlei finanzielle Engpässe, keine berufsbezogenen Enttäuschungen, keine überhöhten Studiomieten oder irgendwelche anderen ärgerlichen oder hinderlichen Zustände, es gab nichts Negatives, nichts Störendes. Im Traum war ich eingebettet in einen paradiesisch organisierten, in einen reibungs- und geräuschlos laufenden Kunstbetrieb, bei dem ein Zahnrad ins andere griff und alle beteiligten Akteure in diesem Kunstmarkt waren einfach nur glücklich, und es war so, dass nicht nur ich allein dort eingebettet war, sondern alle.
Ich wurde nicht anders behandelt als andere und die anderen wurden so behandelt wie ich. Es gab keine Ungerechtigkeiten, keine Vetternwirtschaft, keine Seilschaften, denn all das hatte überhaupt niemand nötig, weil alles ganz gerecht und transparent zuging. Herkunft und Sozialisation spielten ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, ob jemand bekannter war als jemand anderes. Die Gleichberechtigung führte dazu, dass alle, ob gute oder mittelgute oder eben auch schlechtere Künstler die gleichen Chancen hatten, ihre Werke und Ideen auf allen erdenklichen Ebenen zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. In Galerien, in Museen, auf Biennalen. Alles wurde gerecht geregelt, damit niemand bevorzugt oder benachteiligt wird, und alle bekamen für ihre Tätigkeiten eine faire Vergütung und hatten so ein ausreichendes Einkommen, um würdevoll zu leben. Es gab unter der Künstlerschaft keine Konkurrenz, sondern nur Freude über die eigene Situation und die Situation der anderen.
Wundersamerweise gab es sogar bei der Vergabe von Kunstpreisen keine Exklusivität, sondern Pluralität, Gleichberechtigung und Möglichkeiten offener Partizipation. Die Teilnahme an Auswahlverfahren für Wettbewerbe war für jeden zugänglich und niemand musste irgendwelche Referenzen vorlegen, die er möglicherweise noch nicht hatte, weil er sich bisher für Wettbewerbe schlicht und einfach nicht interessiert hatte. Es gab keinerlei intransparente und durch Abhängigkeiten gekennzeichnete Galerien-Netzwerke bei den Einladungsverfahren für internationale Kunstmessen. Und alle Galerien arbeiteten konstruktiv zusammen, um gemeinsam der guten Sache zu dienen. Die Künstler konnten problemlos zu den Galerien Kontakt aufnehmen, die sie interessierten und dort einen Ausstellungstermin vereinbaren. Erlöse aus den daraus resultierenden Verkäufen wurden von den Galerien umgehend ohne überhöhte Abzüge auf die Bankkonten der Künstler überwiesen, damit diese sich im Anschluss mit Ruhe und Konzentration wieder ihrer Berufung widmen konnten. Die Perfektion in der Organisation ging so weit, dass sogar alle erzielten Umsätze einer bestimmten Kunstmesse durch alle an eben dieser Messe beteiligten Galerien gerecht geteilt wurden, die diese geteilten Erlöse dann wieder in gleichen Teilen an alle von ihr präsentierten Künstler weitergaben. Zudem hatte jeder Künstler eine sogenannte Art-Card, eine Bonuskarte, auf der für jedes Jahr eine Einzelausstellung, zwei Gruppenausstellungen, eine Messeteilnahme und eine größere Präsentation auf einer Biennale oder einer vergleichbaren Show internationalen Formats vermerkt waren, die man nach eigener Planung einlösen konnte. Die Produktions- und Transportkosten wurden von der jeweiligen Institution übernommen, damit es zu keinen Produktionshemmnissen und monetären Schieflagen seitens der Künstler kam.
Wenn es in einem Segment dieser wie geschmiert laufenden Maschinerie auch nur den kleinsten Anschein einer Disruption gab, steuerten staatliche Stellen unmittelbar finanziell oder anderweitig regulierend nach, damit niemand benachteiligt oder nachhaltig beschädigt wurde. Die kulturpolitisch Verantwortlichen waren sich über den außergewöhnlich wichtigen Beitrag der bildenden Kunst zur allgemeinen Kulturlandschaft Deutschlands im Klaren und handelten dementsprechend. Sie verteidigten künstlerische Ausdrucksformen und besonders die Unterprivilegierten in dem System nach Kräften, damit sich die Kunstproduzierenden unabhängig von finanziellen Grundausstattungen auf Augenhöhe begegnen konnten.
Als ich noch darüber nachdachte, welche Galerie ich morgen besuchen würde, um mir einen Ausstellungstermin von meiner Art Card bestätigen zu lassen, merkte ich plötzlich zu meiner Verwunderung, dass mein gesamter Körper in einer klebrigen, zähen, kaugummiartigen Masse gefangen war, die zwar sehr lecker roch, die mir aber jede eigene Bewegung vollkommen unmöglich machte. Ich war gefangen, konnte weder Arme noch Beine bewegen, und meine Atemwege drohten immer tiefer mit der zuckerigen Masse zu verkleben. Langsam, aber sicher wurde meine Atemluft weniger und weniger und ich hatte mich nach zähem Ringen schon mit meinem nahezu sicher bevorstehenden Tod abgefunden, als ich schweißgebadet aufwachte.
Ich rang nach Luft und versuchte mich zu orientieren. Dann wurde mir klar, dass ich mich in meinem leicht überteuerten Atelierraum mit begrenzter räumlicher Kapazität am Kottbusser Damm befand, und dass ich in meinem ganzen Leben noch keine staatliche Förderung hatte, und dass mich heute auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Biennale-Leitung mehr zurückrufen würde, um mit mir die Transportmodalitäten für meine Arbeiten durchzugehen, inklusive Direktüberweisung der bis dahin entstandenen Produktionskosten. Nach einem kurzen Moment der Ernüchterung kam dann recht flott die Einsicht, dass sich die Realität des Kunstmarktes fundamental anders darstellt als in meinem Traum.
Der Markt ist nicht auf Gleichberechtigung oder Ausgleich angelegt, ganz im Gegenteil, der Markt ist in Teilen brutal und ausgrenzend. Alle Akteure verteidigen mit allen Mitteln ihre jeweiligen Territorien, durch Abgrenzung, wo Abgrenzung Sinn macht, durch Allianzen, wo Allianzen Sinn machen. Der Kunstmarkt ist klar hierarchisch aufgebaut. In jeder Kategorie gibt es ein Oben und ein Unten. Es gibt unter den Künstlern eine kleine Gruppe Global Player, die Blue-Chip Qualitäten haben und die den Markt im obersten Segment beherrschen. Sie beherrschen ihn nicht durch ihre künstlerischen Qualitäten allein, sondern besonders beherrschen sie ihn durch die geballte Marktmacht von immer weiterwachsenden, international operierenden Premium-Flagship-Galerien, die ihre Filialen überall dort eröffnen, wo die Geld-und-Gold-Player des Kunstmarkts, die Investoren und Sammler, aus dem Boden emporschießen wie die Pilze. Diese werden dann dort geerntet, wo sie sprießen, in China, der Schweiz, in Miami oder Doha. Um die großen Erntemaschinen schwirren die kleineren herum wie ein Schwarm Vögel auf einem frisch geernteten Weizenfeld. Es gibt Satelliten-Messen, Satelliten-Events und Satelliten-Marketing. Die Gemeinsamkeit, die alle vereint, lautet: Wir wollen Geld und Gold. Je globaler und engmaschiger die Vorgehensweise der Big Player, desto komplizierter ist es für die anderen Akteure in der Hierarchie, in die nächsthöhere Kaste aufzusteigen. Die Luft ist insgesamt dünn.
Der Faktor an Unabhängigkeit in diesem System ist gleich Null. Obwohl besonders junge Künstler häufig über den Wunsch nach einer relativen Unabhängigkeit von den Zwängen konventioneller Gesellschaftssysteme überhaupt den Weg in die Kunst finden, werden sie sich über kurz oder lang eingestehen müssen, dass der galerien-, messe- und sammlerorientierte Kunstmarkt ein System mit solch tiefgreifenden und teilweise unüberwindlichen Abhängigkeiten ist, das man sich eventuell in seiner Berufswahl anders entschieden hätte, wenn man es vorher schon in seiner gesamten Dimension hätte durchschauen können. Glücklicherweise macht man das weniger, wenn man jünger ist, denn sonst gäbe es ein Nachwuchsproblem. Eine gewisse Unabhängigkeit haben allein diejenigen, die zum Start einer künstlerischen Karriere bereits über so viel Kapital verfügen, also mitgebrachtes Familiengeld zum Beispiel, dass sie nicht direkt Bedürfnisse im System bedienen müssen, um über die Runden zu kommen.
Denn eigentlich geht es so: Der Künstler muss den Galeristen befriedigen, sonst bekommt er keine Ausstellung mehr, der Galerist muss den Sammler befriedigen, sonst kauft der Sammler nicht mehr, der Kritiker muss eigentlich alle befriedigen, sonst bekommt er keine Schreibaufträge mehr, der Kurator muss wer-weiß-wen befriedigen, sonst möchte sowieso keiner mit ihm zusammenarbeiten außer die öffentliche Hand, die ist aber pleite und hat sowieso immer weniger Interesse an struktureller Breitenförderung, sondern nur noch an Exzellenzförderung. Wer diese Exzellenz ist, das bestimmt eine Gruppe aus Leuten mit Einfluss. Die Galeristen machen jedenfalls den Künstler groß, der große Künstler wird von der Kritik gelobt und vom Kurator in die Ausstellung genommen, damit der Sammler am Ende wieder bei der Galerie vor der Tür steht und die Kunst kauft. Und so weiter und so fort. Kauft der Sammler nicht mehr, ist der Künstler am Arsch. Die Galerie hat zwanzig Künstler, der Künstler vielleicht aber nur eine Galerie. Aber auch der Mittelklasse-Künstler kann sehr erfolgreich werden, wenn er sehr gut ist im Verkaufen seiner eigenen Ideen und Produkte, wenn er keine Scham hat, ständig nur über sich selbst zu sprechen, wohingegen der andere Mittelklasse-Künstler sehr unerfolgreich bleiben kann, wenn er über keine ausgeprägten Social Skills verfügt. Eine staatliche Regulierungsbehörde greift hier definitiv nicht ein.
Der Mittelklasse-Galerist ist sowieso immer das ärmste Schwein, weil die laufenden Kosten einer Galerie immens sind und jede Messe ein Riesenloch ins Konto frisst, das der Sammler erst mal wieder so weit zuschütten muss, dass der Galerist nicht sofort hineinstürzt. Der Mittelklasse-Künstler muss allerdings auch schon 200.000 Euro Umsatz machen, um ausschließlich von der Kunst leben zu können, denn die Produktionsmittel, das haben wir gelernt, werden nicht vom Staat übernommen, träum weiter, Amigo.
Der durchschnittliche zeitgenössische Blue-Chip Künstler ist heute auch Immobilienunternehmer, weil er schnell gelernt hat, dass das Geld immer über dem größten Haufen abgeladen wird und Beton geduldig ist. Die wenigsten reichen Künstler gründen eine Stiftung zur Unterstützung armer Künstler, sondern meist nur zur Unterstützung der eigenen Kunst – meinmuseum.de.
Wenn man allein auf die Erlöse schaut, die von den zehn erfolgreichsten noch lebenden Künstlern im Marktsegment Internationale Auktion nur im vergangenen Jahr erzielt worden sind, und es handelt sich hier um einen Umsatz von ca. 1,1 Milliarden Dollar (von 4,3 Milliarden Auktionserlösen insgesamt), dann bekommt man einen guten Eindruck von der Dimension, in der sich dieser Markt heute bewegt. Obwohl der Kunstmarkt also in weiten Teilen einem rüden kapitalistischen Wertschöpfungsmodell gleicht, wollen trotzdem oder gerade deshalb viele Leute daran teilhaben. In erster Linie natürlich die Künstler, die den ideellen Grundstoff beisteuern, der sich, auf dem Weg vom Studio zur Galerie, wie durch Zauberhand von der Idee zur Ware entwickelt.
Zum Glück muss man nicht ständig an die negativen Elemente des Kunstmarkts denken, wenn man sich die dort gehandelte Ware anschaut, bei der es sich in Teilen um überragende Kunst handelt, die teilweise auch deshalb so überragend ist, weil sie in einem System der permanenten Leistungskontrolle mit Konkurrenz und Elitenbildung entstanden ist. Zum gesamten Kunstsystem und zum Kunstmarkt im Besonderen gehören Auslese und Wettbewerb dazu. Sozialistische Ideen können zwar dazu beitragen, dass es verbesserte Grundsicherungen für weniger erfolgreiche Systemteilnehmer gibt, sie führen aber selten zu Spitzenleistungen. Diese Spitzenleistungen sind es aber, die als Leuchttürme erhalten bleiben und um die sich später, historisch gesehen, alle versammeln können. Bei diesen Gedanken wurde ich dann doch wieder müde und dämmerte langsam zurück ins Ungewisse.