Ein Blick auf den Kunstmarkt

Leichter Regen

2026:Februar // Kerstin Weßlau

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02-2026


leichter regen

/flüsse fallen, strömen, plätschern/
schwappen über, versiegen/
erfahren neuen zustrom/
sickern in seitenarme/
werden begradigt, konzentriert/
in tälern gestaut/
sie ruhen, erfrieren, tauen auf/
fluten herzen, gehirne/
und das umland/
vertrocknen, verstummen/
werden wieder belebt, befördert//

es ändert sich/
ich, du, auch/
wir sind variable positionen/
nichts scheint endgültig/
auf dürrezeiten gründen/
neue oasen/
zustände sind/
dauerhaft instabil stabil/
manchmal leichter regen/
auf trockenem grund/
als quelle neuer weisen//

es ist eine frage/
der zeit/
im durchhalten/
qualifizieren/
von friedlichen mustern/
der zarten ströme/
durch die kunst/
sinn stiftend/
zu leben. ///



Weitgehend bekannt ist die Bedeutung der einmonatigen Präsentation vom 15. April 1874 in den ehemaligen Atelier-Räumen des Fotografen Nadar, am Boulevard des Capucines 35, Paris für die Begriffsbildung auf Grund der öffentlichen Kritik. Der vage Titel des Bildes – ein Sonnenaufgang im Hafen von Le Havre – wird zum stilbenennenden Ausgangspunkt: „Impression (Eindruck), Soleil Levant, (Sonnenaufgang)“, 1872. Die ausrichtende Aktiengesellschaft der „Société anonyme des artistes peintres, sculpteurs et graveurs“, von der ausstellenden Künstlerschaft gegründet als Reaktion auf die Ablehnungen der Jury des offiziellen „Salon Paris“, erleidet zwar insgesamt Verluste, bekommt jedoch auch Aufmerksamkeit.
Der Faktor ‚Wiedererkennbarkeit des Stils‘ war bereits bei der legendären Entwicklung des Begriffes „Impression“ eher ein gut funktionierender, wirtschaftspsychologischer Aufhänger als ein Merkmal aller Bilder. Die ursprünglich abwertenden Worte der Kritik wurden zum Garanten für Gewinn und den Zustrom des Publikums. Verkäufe im maximal vierstelligen Bereich entwickelten sich bei Versteigerungen zum Aufrufen von märchenhaften Rekordsummen: 1000 Franc beim Erstverkauf des in Variationen wiederkehrenden Motivs Heuhaufen „Les Meules“ werden durch Wiederverkäufe zu 110,7Millionen (2019). Das Überschütten der verglasten Arbeit mit Kartoffelbrei im Museum Barberini und das Sich-Ankleben von aktivistischen Menschenkörpern darunter hat den Wert und das Interesse daran nicht geschmälert. Die Narration und die Bindung an einen Begriff scheinen zum wachsenden Erfolg führen zu können, genauso wie auch besonders positive, beruhigende, aufmunternde oder allgemein menschliche Themen.
Mit Werken von einigen der damals ausstellenden und heute längst toten Künstler:innen arbeiten heute noch Museen und der Kunsthandel. Damals blühte vorrangig das Geschäft des engagierten Galeristen Paul Durand-Ruel. Er erkannte die Bedeutung der Bilder und kaufte schon vor der begriffsbildenden Exposition ein Werk von Claude Monet, dem späteren Maler-Millionär. Außerdem setzt er Ausstellungs-Standard, die bis heute wirken: so etwa der Verzicht auf ein Eintrittsgeld bei Galerien und die Konzentration auf Einzelwerke. Sein enormer Erfolg gelang durch die Ausweitung des Bekanntheitsgrades, aber vor allem durch den Verkauf im großen Stil – mit Kontakt zu amerikanischen Sammlern und Sammlerinnen.
Diesem Phänomen widmete sich ein internationales Symposium im Museum Barberini, dass u. a. die Bedeutung der Sammler:innen und die Mechanismen des Marktes thematisierte.
Zeitgleich wurde in der Hauptausstellung dem Bedeutungswandels des Einhorns bzw. des Stoßzahnes (der einzige Zahn eines Narwals) für die Menschheit mit hohem Erkenntnis-Potenzial nachgegangen.
Etwas beruhigte sich mit diesen Veranstaltungen die Anspannung, ausgelöst durch die Anforderungen des Zeitgeistes, machte auf jeden Fall Mut und nährte die Hoffnung auf angewandte Möglichkeiten für das eigene vorhandene wie zu entwickelnde Werk im Kontext der Existenz und der weiteren Entwicklung von Kunst und Kultur.
Aus den Erkenntnissen der kunstgeschichtlichen Forschung Rückschlüsse zu ziehen könnte heißen, sich dem Gedanken an eine mögliche Bildung und Verbreitung wirklich neuer stilbeschreibender Sammel-Begriffe und der Mythenbildung durch die Kunstkritik der Gegenwartskunst außerhalb des bereits Benannten, Erkannten, dem Kunstmarkt Einverleibten, zu öffnen oder sich selbst daran zu beteiligen – oder auch stärker mitzuspielen bei der Nutzung der meinungsbildenden Medienlandschaft unter hohem Zeitverlust bzw. mit Investion in diesen Aufgabenbereich.
Weiterhin ist das Opfern von künstlerischer Herzens-Arbeit für einen geringen Preis zur marktgerechten Entwicklung offenbar notwendig, um dem Spekulations-Geschäft des Kunsthandels sowie dem Bedürfnis nach Erfolgsgeschichte Genüge zu leisten. Eine Reaktion darauf ist die kritische, angewandte Auseinandersetzung mit dem Kunstmarkt, die mit dem Namen des Künstlers Damien Hirst verbunden ist. Er versteigerte seine Werke zwei Tage lang über Sotheby’s und erreichte so – ohne Zwischenhändler – märchenhafte Verkaufserlöse im direkten Kontakt mit finanzstarken Käufer:innen. Der mit Diamanten besetzte Totenschädel war sicher auch nicht kostengünstig in der Herstellung. Später verbrannte er Originale seiner NFT-Kunst – auch ein medialer Erfolg. Inwieweit die Digitalisierung oder neue Zollbestimmungen den Kunstmarkt beeinträchtigen oder diplomatische wie nationale Überlegungen für die Förderungen von Kunst eine Rolle spielen, bedarf nähergehenden Untersuchungen.
Anderen Künstler:innen bleibt die Nutzung des eigenen Namens als Label für den Aufbau eines innovativen Geschäftes oder einer Bildungsinstitution unter Nutzung der Arbeit weiterer Künstler: innen und der Erweiterung der Märkte. Oder das Finden der passenden, fördernden, beständigen, wohlgesonnenen Galerien oder Kurator:innen mit sehr guten Kontakten zu einer finanzstarken, internationalen Käuferschaft. Die Akquise einer verlässlichen Unterstützer-, Sammler-, Anhänger- wie Kuratorenschaft mit Aufträgen und Förderungen drängt die untereinander konkurrierende Künstlerschaft teils zu bittstellenden, unterwürfigen bis zu lauten positionierenden, selbstbewussten, medial wirksamen, aber auch zu menschlich fragwürdigen Gesten, teils auch im Team, das beruht aber grundsätzlich auf gegenseitigem Interesse aneinander, innerhalb wie auch außerhalb des Kunstbetriebes. Dies beinhaltet Abhängigkeiten für die mögliche Verwertbarkeit der Kunstwerke. Diesem wird, so scheint es, immer stärker und offensichtlicher mit Mitteln der sich selbst referenzierenden, teils käuflichen Mechanismen der Expertise begegnet, ein weiteres Geschäftsmodell.
Die Selbstausbeutung, der Zusammenschluss für das gemeinsame Ausstellen, das Investieren, das Andocken an bereits Erfolgreichem und/oder Bekanntem wie auch die Erkenntnis über vermeintliche Zwänge der Juror:innen sind gängige Praxis, wie oft auch die temporäre bis dauerhafte Notwendigkeit eines Zusatzes-Verdienstes oder der Zuwendung, was die aktuelle Studie des Bundesverbandes der bildenden Künstler: innen (bbk) „Von der Kunst zu leben“ bestätigt. Herausragend ist das Projekt „Solidarisieren“ des bbk Berlin, das das gemeinsame Handeln in Bezug auf Kürzungen im Kunst-und Kulturbereich, die bildenden Künstlerinnen und die Stärkung der Sichtbarkeit der Künstlerschaft als Berufsgruppe im Fokus hat.
Interessant könnte in diesem Zusammenhang zu wissen sein, mit welchen Mitteln die im Museum Barberini liegende „La Lotta“ (2006) (eine Anspielung auf „Lotta Continuum (LC)“, italienisch: „Der Kampf geht weiter“, eine 1969 in Italien gegründete, außerparlamentarische Gruppe), ein schwarzes ‚fieberndes‘ Einhorn-Pferd-(Präparat) von Olaf Nicolai, produziert wurde. Das mit einem Heizkörper auf 43 Grad Celcius temperierte Fell-Präparat mit Horn und Temperatursteuerung wirkt wie ein energetisch forderndes, stark erschöpftes, aber sonst recht anspruchsloses Pendant für kältere Temperaturen zum gepunkteten Reisepferd „kleiner Onkel“ der sorglosen Pippi Langstrumpf.
Sich als Künstlerin dem Markt und den Kunstuninteressierten nicht anzubiedern, aber dennoch mit dem Fokus auf die künstlerische Arbeit seine Existenz entspannt zu sichern und sich den Abhängigkeiten innerhalb des Kunstmarktes zu stellen, ist eine zeitlose Gratwanderung mit dem Ziel: nicht auf der Strecke, sondern in der Balance wie auch sich selbst treu zu bleiben und aus Worten, Papier, mit Schere, Stein, Staub und Stroh berührende Erkenntnisse wie auch daraus Gold zu spinnen. Wer investieren kann, vergoldet seine Kunst für die Gegenwart und Zukunft.
Gerade wurde Gustav Klimts „Bildnis der Elisabeth Lederer“ (1914–1916) für ca. 236 Millionen US-Dollar versteigert, ein Künstler der u. a. Teile seiner Bild vergoldete. Es bleibt auch Alicja Kwades vergoldete Kohle von 2008 in Erinnerung oder auch ihre „Goldelse“ von 2021. Maurizio Cattelan, der kürzlich in Berlin zum Träger des Preis der Nationalgalerie 2026 gekürt wurde, erschuf die erweiterte Luxusversion von Duchamps „Fountain“ (1917) für den Gebrauch: eine funktionierende Toilette (Zweier-Edition) aus 18-karätigem Gold: Der Verkaufspreis bei Sotheby’s in 2025 war 12,1 Millionen US-Dollar.
(Der aktuelle Goldpreis des 101 Kilo schweren Pissoirs beträgt mittlerweile 13,3 Millionen Euro, also ohne Duchamp und Cattelan. Nachberechnung: die Redaktion).





Kartoffelbreiattacke der Letzten Generation, 2022
Claude Monet, Les Meules, 1891, Sammlung Hasso Plattner, Museum Barberini, Potsdam
Olaf Nicolai, La Lotta, 2006