Schon das Haus, in dem die Familie Degenhardt in Mainz-Gonsenheim lebte, wirkte wie ein Sujet aus der Kunstwelt von Gertrude Degenhardt. Ein in die Jahre gekommener Altbau, der völlig zu zerfallen drohte. Auf jeder Ebene des Zweigeschossers gab es kleine Zimmer, die über eine schmale Treppe erreicht werden konnten. Es scheint fast, als hätte Gertrude Degenhardt ihre humorvolle Kunst aus diesem Setting heraus entwickelt. Das schön genormte und blitzblanke Deutsche war ihr ein Greul. Gertrude und ihr Mann legten nicht viel Wert auf Kleidung, praktische Latzhosen mussten reichen, zu jeder Gelegenheit. Statt in aufwendige Kleidung zu investieren, ging man lieber in erstklassigen Restaurants essen. Geradezu archetypisch lebte Degenhardt ein Leben der Bohème, wie es eben in ihren grafischen Arbeiten thematisiert wird. Dabei sind ihre Arbeiten voller liebevoller und ironischer Leidenschaft. Diese fanden den Weg zu einem Publikum vor allem durch Plattencover. Viele davon für ihren Schwager Franz-Josef Degenhardt, aber auch für befreundete Musiker, wie die Alben der Folk Friends oder des Zupfgeigenhansels. Gerade Musiker wie Werner Lämmerhirt oder Hannes Wader gehörten zum Freundeskreis von Gertrude Degenhardt und gingen bei ihr ein und aus. Viel Zeit wurde auch in einem Haus in der Nähe von Galway in Irland verbracht, und es scheint, als finde sich eine spezifisch irische Lebensweise in ihrem grafischen Werk wieder, wie dieses in den Werken von Liam O’Flaherty beschrieben wurde, zu dessen deutscher Herausgabe von Der Stromer Gertrude Degenhardt grafische Arbeiten beisteuerte. Daneben gesellten sich grafische Arbeiten für Buchausgaben der Werke von François Villon. Die trunkenen, überdrehten Musiker und vagabundierenden Fahrensleute ihrer Grafiken scheinen vor dem Hintergrund der irischen Landschaft entstanden zu sein. Die eigenwillige Stilistik ihres künstlerischen Striches geht über das hinaus, was grafische Kunst an sich ist: Ihr Schaffen lag näher an der Kunst, am Künstlerischen, und wandte sich vom Grafischen ab. Tatsächlich fielen gerade die von ihr gestalteten Plattencover aus dem heraus, was es an Covergestaltung in den 1970er-Jahren im Fachhandel zu sehen gab. Der neugierige Musikinteressierte dachte bei den von ihr gestalteten Schallplatten eher an mittelalterliche Musik, oder an etwas, das mit Till Eulenspiegel zu tun hatte, aber lag damit ganz daneben. Die Kritik des Bürgerlichen, die es auf diesen Platten zu hören gab, lag näher an der Lebens- und Kunstwelt von Gertrude Degenhardt, auch wenn in ihren Arbeiten bürgerliche Typen kaum eine Rolle spielen. Anerkennung erhielt Gertrude Degenhardt für ihre Arbeiten auch außerhalb der Musikwelt, wobei es immer wieder zu größeren Ausstellungen und zur Auszeichnung für ihre Arbeiten kam. Ihr künstlerischer Traum von der großen Anarchie, die sich in ein reiches, einfaches Leben verwandelt, ist nun ausgeträumt.
Gertrude Degenhardt, Zuneigung, Aquarell/Tusche, 27 x 21 cm, 1972