Wo ich war

2026:Februar // Esther Ernst

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02-2026

ONO YOKO
5. Mai 2025
MUSIC OF THE MIND
Gropius Bau, Berlin

Wir sind am bumsvollen Gallery-Weekend-Sonntag dahin, weil Studierende der UdK Yokos Grapefruit-Buch performativ interpretierten. Hat mich dann vor Ort aber nicht so interessiert. Vielleicht wegen des allgemeinen Mitmach-Charakters, gemischt mit Hemmungen und Blamierangst. Und dann die vielen kleinformatigen Dokumente, Fotos und Zettel, die mich plötzlich müde werden liessen… Ich dachte neulich schon, dokumentarische Ausstellungen über Konzeptkunst sind für meinen Geschmack in einem Buch super aufgehoben. Zu Hause kann ich viel intimer Mitmachen und meine Vorstellungskraft ankurbeln. Aber klar, das wird den neuen Arbeiten, die durch Teilhabe der Besucher*innen ein Gefühl von Gemeinsamkeit evozieren, nicht gerecht. Und ich schau ja auch jedes Mal gerne die Dokuvideos zu den zwei Cut-Pieces an (Frauke erzählte mir Aufregend-Gruseliges über Peaches Reenactment). Hm.



HAIFISCH ANNA
20. Mai 2025
The Artist, Ode an die Feder
Skalizer Strasse / Kottbusser Tor

Anna Haifisch ist Comiczeichnerin und Illustratorin und war 2022 Stipendiatin der Villa Aurora in Los Angeles. Zum 30. Jubiläum lädt das Residenzprogramm ehemalige Stipendiat*innen ein, Grossplakate im Berliner Stadtraum zu entwerfen. Und ich stehe auf dem Kotti rum und warte auf meine Nichte, die beim Schwarzfahren erwischt wurde…
Spaghetti Hair forever.
Jemand hat Gott mit drei t’s zu verschenken.
Und jemand anderes hat vor dem Plakat einen kleinen informellen Shop aufgebaut (und ist irritiert, dass ich den QR Code-des Plakats fotografiere…)
Berlin ist manchmal sehr schön.



GRABUNG AM MOLKENMARKT
17. Juni 2025
Zwischen Mühlendamm und Klosterruine, Berlin

Der Molkenmarkt gilt als ältester Markt Berlins. 2016 verabschiedete Berlin einen neuen Bebauungsplan. Seit 2019 wird in den vergangenen 800 Jahren Stadtgeschichte und stets bis zum Grundwasser (circa 5 Meter tief?) gegraben. Und dabei sehr viele Bügeleisen, aber auch Telefone, Schreibmaschinen, bissel Schmuck, heilige Reliquiare, barocke Gewölbe und natürlich auch Bomben des zweiten Weltkriegs gefunden. Vor dem Roten Rathaus befanden sich 1880 die gründerzeitlichen Elektrizitätswerke. Ab 1925 diente der Standort als Umspannstation. Und es gab einen Fuhrpark für die Post und die Postautos wurden elektrisch betrieben und konnten 120km/h fahren?!
Und ich hätte gerne noch viel länger der Archäologin zugehört. - Vielleicht möchte ich ein Praktikum als Ausgrabungszeichnerin machen?!



13. BERLIN BIENNALE
17. Aug. 2025
das flüchtige weitergeben
Ehemaliges Gerichtsgebäude Lehrter Strasse, Berlin

Uff, ist das desolat hier.
Und auch sonst nicht einladend.
Dauernd denk ich, ok, diese Arbeit versteh ich nicht, aber bei der nächsten geb ich mir noch mal richtig Mühe. Suche Texttafel, registriere woher der*die Künstler*in kommt, Alter, Titel und worum es geht… dann schauen, einlassen, denken, hä, was hat das mit dem Text zu tun, was ist überhaupt das Problem, wer spricht hier wie und worüber, ich versteh schon wieder nicht. Und so geht’s durchs ganze Gebäude.
Frustriert radel ich nach Hause.
Zugegebenermassen hab ich schlechte Laune. Nein, es ist eher ein Gefühl der Verlorenheit, gepaart mit unendlicher Müdigkeit.
Und jetzt strick ich mir ein paar Handschuhe.



13. BERLIN BIENNALE
20. Juni 2025
das flüchtige weitergeben
KW Berlin

Habe mich null auf den Besuch vorbereitet und bisher auch null über die Biennale gelesen. Stehe etwas unorientiert vor den einzelnen Arbeiten, hangle mich an den Ausstellungstexten entlang, versuche Verbindungen zu knüpfen und einzusteigen. Im dritten Stock spricht mich sofort eine Videoarbeit im super8-Format an, jemand erzählt zu verschiedenen Filmmaterialien. Ich schaue nicht aufs Schild, sondern setzte mich auf den mit Skizzen versehenen Teppich und lasse mich auf das melancholische Setting ein. Ein Ich-Erzähler sucht, reist, denkt zurück, findet Vergangenes, ist jemand gestorben? Psychologie, Gespräche mit einer Freundin, ein Blick in den Abendhimmel oder aus dem Fenster, Karl Marx, Freud, Familienaufstellung. Ah, ist das eine Arbeit von Dings? Gernot Wieland!?! Oh, der ist sehr super, ich möchte zweimal schauen, aber meine Begleitung ist schon weiter…



KUNST IST ARBEIT
17. Sept. 2025
ob schön oder nicht
Basement, Berlin
Der Ort zwischen dem rauschenden Weltkugelbrunnen (erinnert mich subito an Armenien), einem etwas verlorenem Kaffee, in dem Menschen riesige Eismengen aus Schalen löffeln und dem unterirdisch gelegten Eingang des Europa-Center, ist sehr super. Der Fachbereich Kultur Charlottenburg-Wilmersdorf leistet sich seit 2023 die kommunale Galerie Basement (das gibt es bei allen Kürzungen in dieser Stadt also auch noch), Oliver Möst leitet, kuratiert und schreibt unterhaltsame Ausstellungsbegleittexte. Und nun geht es um die Arbeit im Atelier und die Organisation von künstlerischer Arbeit und ich schaue gerne Jörg Dederings Fotos mit mir bekannten Künstler*innen in ihren Arbeitsplätzen an, weil sie so Magazin-mässig fancy sind. Daneben die Zeichnungen von Matthias Beckmann, der das Tun im Atelier festhält. Dann gemalte Hände und gestickte Stoffe, geätzte Steine, gezeichnete Druckwerkstätte, Comics, Fragen. Schön.



TRETAU ALISA
18. Sept. 2025
Beton Berlin 28

Wir treffen uns am Spreeufer hinter der East Side Gallery, bei der traurigen Ausgleichsfläche des Ostbahnhofs. Alisa begrüsst zum partizipativen Performance-Walk und lässt uns je eine Flaschenpost mit Anweisungen für den Weg aus der Spree ziehen. Dann begibt sich die Gruppe schweigsam und ohne Abmachung, aber auf sich achtend auf den Weg zur andere Spreeseite zum Spreebalkon in der Brommystrasse. Hier stand einst eine Brücke. Und ihr Wiederaufbau lange zur Diskussion. Es ist interessant, wie einfach sämtliche Verlässlichkeiten und Gewohnheiten durch Schweigen ausgehebelt werden und neue Erfahrungen entstehen. Wir gehen langsam und vorsichtig miteinander. Beim Spreebalkon öffnen wir die Flaschenpost und lesen uns gegenseitig die Rückseiten vor, die Auskunft über Ort, Brommy, politisches und historisches Geschehen geben. Ein Obdachloser fühlt sich gestört und verlässt zornig seine Hütte, eine andere krabbelt aus ihrem Zelt und sagt, ich bin voll druff.



LEICHTLE LUKAS LUZIUS
25. Sept. 2025
Eindringling
CCA Berlin - Center for Contemporary Arts

Davon haben mir einige erzählt, dass die denkmalgeschützte, ehemalige Sakristei der Kaiser-Wilhelm Gedächtniskirche jetzt Ausstellungsort ist. Der niedrige, viereckige Stahlskelettbau mit gleicher Fassade aus Betonwabenelementen und gefärbtem Glas ist durch einen schmalen Gang mit dem Kirchenraum verbunden. Seine Raumaufteilung ist speziell, Flur aussenrum, Räume innenliegend, teils verglast, mit Einbauschränken und Teppichboden. Herausfordernd zum Ausstellen, Leichtles fein platzierte Malerei schaut darin frisch aus. Sie interessiert mich nur viel weniger als die Architektur und ihre Wirkung.
Im Kirchenraum, den ich ob des Raumerlebnisses ab und zu besuche, ist mir zum ersten Mal die doppelwandige Bauweise aufgefallen?! Crazy Shit.



METZEL OLAF
28. Sept. 2025
Noch Fragen?
Staatsbibliothek zu Berlin, Unter den Linden

War erst bei Svens Totentanz-Ausstellung in der Marien-Kirche am Alex und wollte noch nicht nach Hause und dachte, ich war tatsächlich noch nie in der Stabi, und schlenderte wenig später durch die verschiedenen Lesesäle und entdecke im Hauptlesesaal „Atlantis“ an der Decke eine riesige Skulptur aus vergrösserten und zusammengeknüllten Buch-, Magazin- und Zeitungsseiten hängen. Bedruckte und verformte Aluminiumplatten von Olaf Metzel. Anonymer Einladungswettbewerb anlässlich der Modernisierung 2009. 330.000€. Ich sehe ein ausgefülltes Sudoku, Struwelpeter, ein paar angeschnittene Schlagzeilen, alles ineinander verwurstelt. Mein Fieberalptraum. Ich mag Deckenskulpturen grundsätzlich nicht so gern. - Die Uhrenobjekte von Tobias Rehberger hab ich noch nicht angetroffen.



MORRISSEY LILLIAN
19. Okt. 2025
The Audacity
Galerie Parterre, Berlin

Erst gedacht: oh, ah, hä? Wandteppiche? Ah, neh, bestickte Leinwände, mit luziden Farbflächen grundiert, wie Spielfelder. Gehts hier um Games? Die Stickereien erinnern mich an Verpixeltes aus den 80ern? Mittelaltermord und Totschlag? Muskulöse Männer in Rüstungen sitzen auf Pferden und hacken Köpfe ab. Rechts und links Hellebarden. Wer sind die Gläubigen mit der Flammenzunge auf dem Kopf? Ist das nicht Pfingsten, Erleuchtung, Heiliger Geist?
Im Zettel steht, dass hier Allmachtsansprüche und der Grössenwahn faschistischer Diktatoren aus verschiednen Jahrhunderten bis in die Gegenwart verstrickt sind. Eine Hydra. Alles bissi ähnlich in der Machart, aber sehr gekonnt, virtuos. Esther und ich sprechen über konzeptionell angelegte Arbeiten, und dass Mensch in der Ausführung eine Weile versorgt ist, versus, sich auf ein Wagnis und das Unbekannte einzulassen und ständig darauf zu reagieren.



STRAUSS JOHANN
24. Okt. 2025
Die Fledermaus
Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin, Studiosaal

Diese Aufführung war das Schlimmste, was ich seit langem gesehen habe.
Das in einer renommierten Hochschule heutzutage verstaubtes Theater mit uralten Männerfantasien und gruseligen Rentnerschenkelklopfern produziert wird, frustriert mich komplett. Da gibts doch Regiestudent*innen?! Und es erinnerte mich an die dunkelsten Momente meines Bühnenbildstudiums an der UdK. Und der daraus gewachsene Theaterhass, den ich überwunden glaubte. Uff. Schreck-schluck-schnipp-schnapp. Ich konnte meinen Ekel nicht mal mehr dem Bäschteli gegenüber verbergen, der das alles nicht so schlimm fand und bissi erstaunt war, über meinen Groll, der schon in der Pause raus brach…



THE SKY HAS NO LIMIT
26. Okt. 2025
Ein Projekt von Carla Nettelnbreker mit Jasmin Parsley
K-Salon, Bergmannstrasse Berlin

Kunstprojekte wie diese machen mich glücklich! Sie stärken mein Gefühl für ein gesellschaftlich gesundes Miteinander und bezeugen, dass Intimität und Einlassung auch unter fremden Menschen, innert kurzer Zeit statt findet. Kunst kann so kräftig und sensibel zugleich sein.
15 Menschen sitzen an einem grossen Tisch, bereiten Maultaschen vor, teilen ihre Trauer um Verstorbene, nehmen Anteil, sorgen sich umeinander, essen gemeinsam, laden die Toten dazu ein, denken über Rituale und erweiterte Formen von Trauer nach. Jasmin Parsley kocht für alle experimentell fein, Carla Nettelnbreker rahmt und bettet uns sorgsam und wohl (gemeinsam mit einer Bestatterin / Trauerbegleiterin), (Johanna Ackva ist leider krank, aber eigentlich auch Teil vom Team), so dass viele Gedanken, Gefühle und Tränen fliessen können und Leid geteilt und verdaut werden kann.

Alle Fotos: Esther Ernst