Künstler und Fremdfinanzierung

Kurzfassung

2026:Februar // Stefan Beck

Startseite > 02-2026 > Künstler und Fremdfinanzierung

02-2026

Dieser Text ist das Resümée einer längeren Untersuchung Stefan Becks, erschienen 2024 auf seinem Blog www.thinglabs.de. Der vollständige Text ist dort abrufbar, der Link findet sich hier am Ende. Wie alle Texte in der von hundert entspricht dieser Text nicht zwingend der Meinung der Redaktion, zumal das Heft hier selbst konträr produziert wird. Dennoch handelt es sich um einen relevanten Standpunkt, den wir hier dankenswerter Weise abdrucken dürfen. (die Redaktion)

Viele Künstler, die von ihrer Kunst allein nicht leben können, beziehen ein Einkommen aus anderen Quellen. Der Artikel betrachtet die vorwiegend negativen Konsequenzen, die sich aus dieser Berufswahl ergeben und kommt zu dem Ergebnis, dass Künstler ihre Kunst nicht aus externen Quellen finanzieren sollten. Sie schaden sich, der Kunst und der Gesellschaft.

(…)
Im letzten Abschnitt habe ich fünf Gründe genannt, warum die Neigung der Künstler, ihre Kunst aus externen Quellen zu finanzieren, negative Folgen hat. Es waren:

1) sie ist höchst ungewöhnlich und widerspricht dem Ethos anderer Berufe
2) die Fremdfinanzierung kann die interne Konkurrenz der Künstler um optimale Arbeitsbedingungen nicht aufhalten
3) die Fremdfinanzierung kann keine bessere Kunst garantieren
4) die Fremdfinanzierung heizt die Kostenloskultur an
5) die Fremdfinanzierung verwickelt die Künstler in die Aporien der Kreativwirtschaft

Zusammengenommen unterstützen diese fünf Gründe eine Gesamttendenz, die das Verhalten der Künstler in denkbar schlechtem Licht erscheinen lässt.

Während die Fremdfinanzierung gemeinhin idealistisch („für die Kunst“), beinahe als Opfer, dargestellt wird, ist sie strikt genommen ein negatives Einkommen zu nennen. Denn hier fließt Geld dauerhaft in eine Richtung, die es in anderen Berufen nicht nimmt. Ökonomisch eine einzige Verlustrechnung.
Für die eigene Kunst wird permanent Geld abgezweigt, das an anderer Stelle fehlt. (In Abschnitt 4 wurde darauf hingewiesen, dass die Sozialsysteme in Zukunft belastet werden.) Auch wenn es so aussehen mag, als belasteten oder schädigten die Künstler in erster Linie sich selbst, ziehen sie mit ihrem Verhalten andere in Mitleidenschaft. Den eigenen Partner, die Eltern, Freunde und Verwandte.
Katja Kullmann findet dazu in ihrem Buch Echtleben Beispiele:
„Die Gegenwart ist zu einem Gutteil elternfinanziert, der heutige Wohlstand – darin inbegriffen die Rudimente der Solidarsysteme – speist sich ganz wesentlich aus der Vergangenheit, ist also gewissermaßen fiktiv – jedenfalls nicht halb so gegenwärtiger Natur, wie es scheint. Selbstbewusste Existenzgründungen zum Beispiel: Sie werden natürlich leichteren Herzens und wagemutiger in Angriff genommen, wenn da ein finanzieller background ist, ob der Rückhalt nur ideeller Natur ist (zur Not hilft Papa), oder ob er auch praktisch genutzt wird, wie es bei den Kaffee-Geschäften von Frau Kullmann oder dem Schuhhändler der Fall ist.
So kommt es, dass manche mitteljunge Erwachsene für ihren „Gründermut“ und „risikofreudigen Einsatz“ gelobt werden, obwohl doch der Herr Schwiegerpapa das Kunstmagazin finanziert, die Bürgschaft für die Bankkredite übernimmt, die Büroeinrichtung zum 35. Geburtstag sponsort.“ (Kullmann 2011, 94)
Ihre Diagnose deckt sich hier mit den Bedenken von Angela McRobbie, die die Anforderungen der Kreativökonomie ähnlich beschrieb:
„an incredible investment in self and image, endless self monitoring, […] self reliance but falling back on parental support without that many wouldn’t be able to carry on these experimental careers.“ (McRobbie 2004b)
Noch drastischer drückt sich der Künstler Henning Lundkvist in seinem Manifest Planned Obsolescence aus, wenn er das Kunstsystem mit einem Land vergleicht, in dem Korruption und Misswirtschaft an der Tagesordnung sind:
„So just like so many other contemporary artists and writers, I managed to support my cultural capital in general, and my so-called artistic practice in particular, by feeding it with actual monetary capital. […]
It created a force-fed economy where one could convert cash into cultural capital without being able to exchange it the other way.
It was as if cultural capital were one of those heavily protected currencies that you’re not allowed to take out of the country, like in dictatorships and military-controlled isolationist economies. Currencies with terrible exchange rates and extreme inflation, just like cultural capital. Economies based on cronyism, bribery, and corruption, just like the cultural sector.“ (Lundkvist 2018)

Letztlich kommt es nicht darauf an, woher das Geld stammt, ob aus Taxi fahren oder aus ererbtem Vermögen. Es kommt auf die Wirkung an und was Künstler damit bezwecken.
So lässt sich das Moment der Fremdfinanzierung auch als Sabotage am Gedanken der Meritokratie beschreiben. Das Prinzip „Jedem nach seinen Fähigkeiten“, – das soll nicht gelten. Man kauft sich davon frei.
Gerade weil Künstler diesem Ideal nicht zustimmen, das Gewinn und Verlust nach Regeln des Marktes und dem Wirken des Einzelnen zu regeln versucht, gehen sie her und gleichen ihren beständigen Verlust aus externen Quellen aus. Denn die Konsequenz, aus dem System auszuscheiden, wenn sich ihre Kunstversuche nicht rechnen, wollen sie nicht hinnehmen.
Die Künstler geben auch jeden Versuch auf, jemals selbst fair bewertet zu werden. Denn die implizite Botschaft der Fremdfinanzierung ist die: „Mir ist egal, wie mich andere sehen. Ich mache es, wie ich will.“ So wird das Autonomiegebot der modernen Kunst in einen Zwang verkehrt.
Ähnlich dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) wird die Vorstellung davon, was Arbeit ist und wie sie bewertet und entlohnt werden sollte, aufgelöst und erodiert. (Wenn Sennett (1998, 81&97) vor langer Zeit schrieb, Arbeit sei unlesbar geworden, so können wir gleichermaßen feststellen, Kunst sei unlesbar geworden.)
Wie schon an anderen Stellen in diesem Artikel bemerkt, zeigt sich der Anschluss an einen romantischen Antikapitalismus möglich und plausibel, den viele Künstler idealisieren. Nach Sayre & Löwy geht es ihm vor allem um die Rückbesinnung und Verklärung vormoderner Werte:
„Romantic anti-capitalism is a thorough critique of modern industrial (bourgeois) civilization (including the process of production and work) in the name of certain pre-capitalist social and cultural values.“ (Löwy 1987, 891)
Romantische Kapitalismuskritik richtete sich vor allem gegen: „–the quantification of life, i.e. the total domination of (quantitative) exchange-value, of the cold calculation of price and profit, and of the laws of the market, over the whole social fabric […]“
und „– the decline of all qualitative values – social, religious, ethical, cultural or aesthetic ones – the dissolution of all qualitative human bonds, the death of imagination and romance, the dull uniformization of life, the purely „utilitarian“ – i.e. quantitatively calculable – relation of human beings to one another, and to nature. The poisoning of social life by money, and of the air by industrial smoke, are grasped by many Romantics as parallel phenomena, resulting from the same evil root.“ (Löwy 1987, 892)
Dass diese Kritik nicht im 19. Jahrhundert verendete, sondern untergründig bis in die heutige Zeit fortlebt, zeigten Boltanski/Chiapello (2006, 449) in ihrer Gegenüberstellung von „Sozialkritik“ und „Künstlerkritik“.
Darauf ist es gerade den Ideen der Kreativökonomie zu verdanken, dass die in ihr angestrebte Deregulierung der Arbeitsverhältnisse und die nachgesuchte Herauslösung aus der abstrakten und überindividuellen Sozialbindung zugunsten hyperindividueller Arbeitsformen (McRobbie 2004b) nicht abschreckend, sondern erstrebenswert wirkte. Möglich wurde das durch die subtile Mobilisierung gedanklicher Traumbilder (der kleine Laden, die eigene Manufaktur oder Buchpresse, die Miniauflage…), die an die Heilserwartung vorindustrieller Lebenswelten anknüpften, wie auch die Ansprache emotionaler Dispositive, nach deren Imperativ der Leiter eines städtischen Kulturamts Leidenschaft einfordern kann. Hier wäre noch viel Raum für eine entsprechend weiter ausgearbeitete Studie.
Zusammengefasst komme ich in dieser Untersuchung zu dem Schluss, dass die Fremdfinanzierung der Kunst in keinem Fall ein Gewinn, sondern ein großer Schaden ist, weniger für die Gesellschaft als für die Künstler selbst, die einem falschen Ideal anhängen.
Für Künstler sollte es daher nur eine Konsequenz geben: für eine gewisse Zeit können sie im Sinne einer Investition ihre Kunst aus externen Quellen finanzieren. Wenn sie aber danach nicht dauerhaft von der Kunst leben können, sollten sie aus ihr ausscheiden und sich anderen Aufgaben zuwenden. Es wäre kein Verlust.

Der vollständige Essay findet sich hier: thingslab


Literatur
—Kullmann, Katja (2011). Echtleben. Eichborn, Frankfurt am Main
—McRobbie, Angela (2004). „Everyone Is Creative: Artists as Pioneers of the New Economy“. https://research.gold.ac.uk/id/eprint/14566/ + https://www.k3000.ch/becreative/texts/text_5.html
—Lundkvist, Henning (2018). Planned Obsolescence – A Retrospective, ATLAS Projectos
—Sennett, R. (1998) Der flexible Mensch: die Kultur des neuen Kapitalismus, Suhrkamp, Frankfurt am Main
—Sayre & Löwy. (1984). „Figures of Romantic Anti-Capitalism“, in New German Critique, 32, 42–92. https://doi.org/10.2307/488156
—Luc Boltanski, Ève Chiapello (2003). Der neue Geist des Kapitalismus. UVK, Konstanz
Ergebnis einer Befragung zur Situation Bildender Künstlerinnen und Künstler in München und Oberbayern (2022). Nur 20,5% der Befragten konnten ihre Ausgaben allein durch Einkommen aus Kunst decken. Quelle: https://ifse.de/studio_muenchen/