Stephanie Hollenstein

Buch

2026:Februar // Christoph Bannat

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02-2026

Queere Rassistin

Wie kann das sein? Wie passt das zusammen? Und wie ist das zu erklären? Queer und expressionistische Künstlerin, in einer offensichtlich lesbischen Beziehung lebend, und gleichzeitig glühende Hitler-Verehrerin und Antisemitin. Wie bitte geht das zusammen?
Wir verbinden mit queer und Künstler automatisch eine staatskritische Haltung, gegen eine heteronormative, überhaupt gegen Normen gerichtete avantgardistische Haltung. Doch sind das nur naive, linke Klischees und anscheinend nur eine Glaubensfrage. Nach 1945 haben wir uns an den unausgesprochenen linken Glauben gewöhnt, dass die Avantgarde im Bestreben nach immer mehr individueller Freiheit voranschreitet – gesamtgesellschaftlich auf dem Weg in ein aufgeklärtes und gleichberechtigtes Miteinander. Dieser unausgesprochene Gesellschaftsvertrag scheint heute, in Trump-Zeiten, nur noch einer Duldung zu unterliegen – ein Vertrag über die Verwirklichung der Grundsätze der Aufklärung nach (individueller) Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Nina Schedlmayer geht der Biografie der Voralpen-Künstlerin Stephanie Hollenstein, als eben queer, antisemitisch und rassistisch gesinnt, nach. Seit Aufdeckung von Emil Noldes Antisemitismus wissen wir, dass selbst mit Ausstellungsverbot belegte Künstler nationalsozialistisch gesinnt sein können. Und wir wissen, dass selbst queere Politikerinnen wie Alice Weidel gegen die Grundlagen ihrer Lebenserfahrungen stimmen können. Schedlmayer bezeichnet das als kognitive Dissonanz, die es Menschen ermöglicht, verschiedene Lebensbereiche voneinander getrennt zu betrachten, selbst wenn diese – bei klarem Verstand – einander nicht nur widersprechen, sondern sogar feindlich gegenüberstehen. Schedlmayer legt ein leidenschaftlich und weitsichtig recherchiertes Buch mit klaren Statements vor, spannend und erkenntnisreich, auch in seinen Bezügen zur Jetztzeit. Und, was lernen wir daraus? Dass Künstler nicht automatisch die besseren Menschen sind? Dass wir unsere kognitiven Dissonanzen verstehen müssen? Oder dass wir den oft für tot erklärten Grundsätzen der Aufklärung versuchen sollten, gerecht zu werden?

Nina Schedlmayer, Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat, 320 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025


Stephanie Hollenstein, Bildnis eines Soldaten, 1917, Quelle: Wikipedia