Berlin Biennale

13

2026:Februar // Christoph Bannat

Startseite > 02-2026 > Berlin Biennale

02-2026

Die Party ist zu Ende

Oliver wirft der 13. Berlin Biennale Humor und Lustlosigkeit vor.
Cornelius beklagt einen akademischen Moralismus und Kunstlosigkeit.
Laxe schickt seine Kunstwerke aus Fleisch und Blut in die kontaminierte Wüste.


Wir saßen im Lichtschacht, in einer Nebenstraße der Reeperbahn, auf St. Pauli. Essensgerüche und Toilettengeräusche drangen zu uns hinunter. Die Installation, Hunderte von im Handdruck ausgebalkten Telefonbuchseiten in Plastikhüllen mit dem Aufdruck „Dokumentenecht“, bedeckten jetzt schindelartig die Schachtwände, rechtzeitig zur Eröffnung. Glücklich und erschöpft genossen wir unser Bier, während K.P. von seinen Ängsten, dass jetzt der Kunstmarkt zusammenbrechen würde, erzählte.

Das Konzept zur Berlin Biennale 13 (BB13), Kunst zu zeigen, die unter politischem Druck entstand, klang erwartungsvoll. Und auch die Statements, als lyrische, anspruchsvolle Katalogtexte, „Ansprache des Jokers“ und „Der Joker scannt Berlin“, mit Zitaten u. a. von Nikolai Gogol und Michail Bulgakow, machten neugierig. Geschrieben von der Biennale-Kuratorin Zasha Colah, einer Kosmopolitin. In Indien geboren, in London studiert und in Turin lebend. Doch als wäre das nicht schon komplex genug, sollte das Ganze auch noch mit Humor in Verbindung gebracht werden.

Oliver Koerner von Gustorf beschwört in seinem monopol-Online-Text die Vergangenheit, verweist darauf, dass Künstler der 80er und 90er doch bereits für vieles humoristische Lösungen gefunden hätte.

K.P.s Angst wurde durch die Nachrichten der ersten brennenden Ölanlagen, dem Eingreifen von UN und Amerikanern, dem zweiten Golf-Krieg, hervorgerufen. Das war 1991.

Auf Welt-Online kritisiert Cornelius Tittel einen kunstfernen, von akademischen Schulen gesteuerten Moralismus, sowie Steuergeldverschwendung der BB13 – letzteres eine populistische Piefigkeit auf die nicht weiter eingegangen werden soll. Doch sprechen beide, mit Humor und Moral sowie der akademischen Diskursbildung, wichtige Triggerpunkte an.

Denkt man bei Humor nur an die vielen Arten des Lachens; vom erlösenden, heimlichen bis unheimlichen, ans taktische, bewusste und unbewusste, ans falsche oder ans befreiende Lachen? Oder an das Lächerlichmachen von Meinungsführern und Mächtigen. Doch sind Humor und Moral in der Kunst auch schnell dekonstruiert. Denn, wenn Moral (nach Niklas Luhmann) die Kommunikation verkürzt, steht sie im diametralen Widerspruch zur Kunst.
Dabei formuliert Zasha Colah gar keinen moralischen Anspruch, sondern fragt lediglich, was denn nun als Kunst angesehen werden kann; die Rettung z. B. eines Flusses, der organisierte Widerstand oder dessen Dokumentation. Darin sehe ich keinen Moralismus, jedoch einen akademischen Diskurs.

Beim Humor zeigt die BB13 einmal mehr, dass es (noch?) keinen globalisierten gibt. Es gibt nicht einmal einen internationalen. Dafür ist Humor zu sehr zeitlich, geografisch und schichtspezifisch codiert. Und da auf der BB13 größtenteils Künstler des sogenannten globalen Südens ausstellten, gab es für mich, in den 90ern Sozialisiertem, auch nichts zu lachen. Versteht noch einer den Kippenberger- Humor? Titel wie: „Seidene Schlüpfer sind keine Ausrede für hautfarbene BHs“, „Helmut Newton für Arme“, „Frauen leben länger, haben aber weniger davon“, oder „Nur Angst vor Frauen die Samt tragen“? Und selbst „Bekannt durch Film, Funk, Fernsehen und Polizeinotrufsäulen“ ist für Zuspätgeborene kaum noch zu dechiffrieren. Nach einigem In-sich-Gehen entfalten aber vielleicht Titel wie: „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen“ oder „Fotografiert ruhig weiter, aber verletzt euch nicht dabei“ heute eine neue Wahrhaftigkeit.
So zeigen sich Risse zwischen unterschiedlich Sozialisierten, international akademisch geschulten Content-Kuratoren und dem globalisierten Kunstmarkt, der sich nicht um Inhalte schert und dessen Leitspruch immer noch heißt: Was gut ist setzt sich durch und was sich durchsetzt ist gut.

2025 wissen wir, dass entgegen K.P.s Befürchtung der Kunstmarkt 1991 nicht zusammenbrach. Ich fragte mich, was ihn, mit Professur auf Lebenszeit, eigentlich der Kunstmarkt interessierte, oder machte er sich Sorgen um die Zukunft seiner Studierenden?
Keiner von Olivers Künstlern, die er für ihre durchaus humoristischen Taktiken, von Richard Prince, Carsten Höller, Cindy Sherman bis hin zur Gruppe Act Up oder Jeff ­Koons, nannte, wollte die Welt direkt verändern. Alle wollten in den Kunstmarkt und ihr Anliegen auf diesem Kanal unter die Leute bringen.
Nun steht Kunst in ständiger Konkurrenz mit der Wirklichkeit – vielleicht darf moderne Kunst deshalb nicht mehr aussehen wie Kunst. Lange waren Kunsthochschulen Trainingscamps für symbolischen Widerstand, der gleichzeitig marktwirtschaftlich erfolgreich war. Doch spätestens seit der documenta 5 wollte Kunst nicht nur dokumentiert, sondern selbst aktiv werden – wenigstens als schlauer Ideengeber. Die BB13 zeigt auch das, nur scheinbar ohne Kunstgeschichtsbewusstsein. Denn wo bleiben die Verweise auf einen wie Beuys, der mit seinen Parteigründungen die Kunst einem Stresstest unterzog. Seitdem, doch spätestens mit Piero Manzoni und Dieter Roth, wissen wir, dass Kunst jeden Scheiß aushalten muss.

Lockern wir einmal die BB13-Verkettungen von Tat-Sachen und Dingen, von ihren ihnen zugeschriebenen Worten, Geschichten und Erzählungen. Dann bleiben in der Hauptsache Krams, Fuddel oder Requisiten. Bestenfalls Devotionalien, Fetische und Reliquien. Oder Dokumente und Fragmente, zu denen man jeweils anderswo auf dem Feld der Kunst spannenderen Formfindungen begegnen kann. Beamen wir uns beispielsweise die Block-/Beuys-Vitrine der Ausfegen-Aktion vom Karl-Marx-Platz, entstanden mit koreanischen und afrikanischen Studenten nach dem 1. Mai 1972, in Neukölln auf die BB13 und lassen dies Bild auf uns wirken.

Make Europe Great Again. Das sind meine (europäischen) Lernzusammenhänge (Sloterdijk). Denn wo auf der Welt finden wir, über mehrere Sprachräume hinweg, ein solch dichtes Netz von Kunstakademien, Museen, Galerien, Konzertsälen und Räumen für theatralische Inszenierungen? Das sind die Koordinaten meiner Sozialisation. Wobei mir Kunst als Standbein in der Wirklichkeit dient.
Óliver Laxe zeigt uns in Sirāt (2025) seine Schauspieler als tattooverzierte Kunstwerke aus Fleisch und Blut, wobei ihre körperlichen Handicaps wie Lebensechtheitszertifikate wirken. Tanzende Kunstwerke auf minenverseuchtem Terrain. Die selbst auf ihrem Wüsten-Rave, also weit weg von der Großstadt, dem Ort aggressiver Selbstbehauptung, ihres Lebens nicht sicher sind. Und deren Überlebende, in der letzten Einstellung, gemeinsam mit Einheimischen auf der offenen Ladefläche des „Iron Ore Train“ die Sahara durchqueren – übrigens für Touristen seit 2024 verboten.

Doch wo berühren sich unsere Körper wirklich, jenseits einer lediglich behaupteten Solidarität?, fragt René Pollesch in einem Interview. Im Theater, möchte man antworten. In der Arbeit und in der Liebe. In der Theaterarbeit. In der Kunst, könnte man meinen, auch wenn diese in Konkurrenz mit der Wirklichkeit steht.


—https://de.wikipedia.org/wiki/Sira-t_(Film), produziert von Pedro Almodóvar

—https://www.monopol-magazin.de/ressort/kolumnen

—Text Oliver Koerner von Gustorf, „Die gar nicht so neue MAGA-Konzeptkunst – Auferstanden aus den Ruinen des Linksliberalismus.
Trumps MAGA-Bewegung will den US-Pavillon kapern und dort einen Gang-Bang mit Alten Meistern veranstalten. Geschieht uns recht, sagt unsere Gastkolumnistin aus ‚Bridgerton‘. Die pseudopolitische Marktkunst war der Prototyp dafür“, siehe: https://www.monopol-magazin.de/auferstanden-aus-den-ruinen-des-linksliberalismus

—Text Cornelius Tittel, siehe: https://www.welt.de/kultur/article256369298/berlin-biennale-der-erstickungstod-der-aesthetik-durch-die-moral.html

—Interview Zasha Colah, Juni 2025, in: Texte zur Kunst, 35. Jahrgang, Heft 138, S. 77 „Ist der Akt, einen Fluss zu retten. Das Kunstwerk? Oder ist es die Dokumentation der gemeinsamen Flussrettung mit der Community? Oder ist es das tatsächliche Umgehen der Bürokratie und des juristischen Dickichs, das nötig ist um den Fluss zu retten? Worin besteht das Kunstwerk?“

—BB13, Textauszug, Text von Zasha Colah und Valentina Viviani, Gerichtsgebäude Lehrter Straße, Aushang im Treppenaufgang. Auszug: „... Einst wurde ein Pissoire als Kunstwerk benannt. Die Biennale argumentiert jedoch, dass der Akt, die Geheimpolizei an der Verbrennung von Akten zu hindern, oder die Rettung eines Sees der künstlerische Anspruch unserer Zeit sein könnte.“

—Pollesch-Interview, siehe: https://www.filmdienst.de/film/details/533574/prekar-frei-und-spass-dabei

—Marita Neher, „... Prekär, frei und Spaß dabei?“ Dokumentarfilm, 2008–2009

Logo der Berlin Biennale 13