Onkomoderne
Murgänge
2026:Februar //
Christina Zück
Onkomoderne / 2026:Februar
Sie starren mich an. Dreimal am Tag muss ich am Büffet mein Essen holen und mit dem Tablett durch den Raum zu meinem Platz balancieren. An den Tischen, an denen ich entlang gehe, sitzen zum größten Teil männliche Mitpatienten zwischen fünfzig und sechzig. Ich bin gehbehindert, und die Küchenteammitarbeiterinnen der Reha hatten mich gefragt, ob das ein Problem wäre mit dem Büffet – nein, klappt alles gut. Nur das Glotzen muss ich jetzt aushalten, sechs Wochen lang. Laut zu reagieren wäre nicht hilfreich, die wirre Ladung an unbewussten und eher bösartigen Affekten könnte sich dann offen gegen mich richten. Würde ich mich beim Küchenteam beschweren, gälte ich als eine hysterische Irre, die sich alles nur einbildet. Es sind viel zu viele Blicke. Glotzen ist die einzige Form, in der die Mitpatienten im Rahmen der Gesundheitsinstitution, die sich doch Mühe geben möchte, schwächere und der Mehrheit gegenüber ungleichere Menschen gleich zu behandeln, ihre Missgunst gegen Frauen, Preißn, Menschen mit Behinderungen oder Migrationsgeschichte zum Ausdruck bringen können, ohne sanktioniert zu werden. Die Blicke ohne technische Verstärkung sind ja auch nicht nachweisbar, sondern performativ. Sie transportieren ein spürbares Werturteil, eine Anspannung, die vielleicht nicht gleich Hass ist, und das dringliche Bedürfnis, etwas als Objekt zu kennzeichnen. Ich soll begreifen, wer hier den Raum dominiert. Manchmal starre ich aggressiv zurück, ziehe die Stirn zusammen und schüttele den Kopf, es hilft nichts.
Überall in der Gesellschaft haben sich mehr oder weniger subtile Formen von Feindseligkeit und Konkurrenz ausdifferenziert, getragen von der Angst, dass die anderen die eigenen Selbstverständlichkeiten infrage stellen. Ein Durcheinander an Wünschen und Ansprüchen, die sich realisieren müssen, um das eigene Leben als gelungen zu bewerten, hat sich ungut zusammengeballt. Der Permafrost aus Gemeinsamkeiten, der die Gesellschaft zusammengehalten hat, schmilzt vor sich hin und setzt beunruhigende Kraftfelder in Bewegung. In der Reha treffen Leute aufeinander, die nicht mehr in derselben Welt leben. Während wir jeden Tag dreimal an einem festgelegten Platz neben fremden Menschen sitzen und die Mahlzeiten durchstehen, üben wir, für kurze Zeit eine Gemeinschaft herzustellen. Obwohl der Lebensentwurf der Patient:innen durch eine Erkrankung durcheinandergebracht und infrage gestellt wurde, bilden selbstwertsteigernde Erzählungen von Erfolg und Status das Fundament jedes Gesprächsanlaufs. Die Berührung mit andersartigen Lebenswelten macht die Erosion der eigenen, mühsam aufgebauten Identität umso sichtbarer.
Von der Reha aus fahre ich an einem regnerischen Samstag auf den Obersalzberg. Hinter Berchtesgaden führt eine kurvenreiche Straße ein paar Kilometer sehr steil hinauf zum weitläufigen Parkplatz des Dokumentationszentrums und des Busbahnhofs Kehlsteinhaus. Heute verhängen Wolken den Ausblick auf das Tal, die Baumkronen sind in den Jahren der Regeneration so hoch gewachsen, dass sowieso nichts zu sehen gewesen wäre. Hitler war in den zwanziger Jahren regelmäßig in diesem heilklimatischen Höhenkurort zu Gast und hatte sich später dort ein Haus gekauft, das er nach und nach zum repräsentativen Berghof erweiterte. Nachdem die Nationalsozialisten die Dorfbewohner vertrieben hatten, wurde die über die Hügel verstreute Gemeinde zusammen mit dem Berg Kehlstein 1933 zum Führersperrgebiet erklärt. Hitler verbrachte einen großen Teil seiner Zeit auf dem Obersalzberg, sein Berghof wurde zum zweiten Regierungssitz, wo welthistorische Entscheidungen über Verfolgung, Verschleppung, Völkermord und Kriegsfeldzüge getroffen wurden. Gleichzeitig diente die ideologisch beladene Berglandschaft als Kulisse für Hitlers Inszenierung als Privatperson. Unterhalb des geometrisch-minimalistischen Museumsbaus führt ein Weg zu der Stelle, wo sich der Berghof befand. Dort wird nichts zu sehen sein außer ein paar Mauern zwischen schlammigen Trampelpfaden, die ich mir en detail auf den YouTube-Videos der unzähligen Lost-Place-Influencer anschauen kann. Ich möchte zwischen den seit Jahrzehnten aufgeforsteten Bäumen kein nebulöses Grausen empfinden und mir nichts vorstellen müssen. Nach 1952 wurden die noch erhaltenen Gebäude gesprengt, um zu vermeiden, dass sich die Ruinen zu einem Pilgerort für Nazibewunderer verwandeln. Mit vielen anderen Tourist:innen in Goretexjacken und Ortovoxbeanies schaue ich mir lieber die Dauerausstellung „Idyll und Verbrechen“ an. Displays mit Fotos, Filmclips, Grafiken und Dokumenten vermitteln auf eindrückliche und leicht zugängliche Weise, wie die Nationalsozialisten das Dorf ausbauten, kolonisierten und die Eigentümer unter Druck setzten, um sie zum Verkauf ihrer Immobilien zu zwingen. Am Ende wurden Mitglieder der eigenen Volksgemeinschaft enteignet und zwangsumgesiedelt. In der Ausstellung werden die Geschichten der Bewohnerinnen und Bewohner jedes einzelnen Hauses und ihr Widerstand gegen die Enteignung nachgezeichnet. Daneben werden die schwerwiegenden historischen Entscheidungen, die von der nationalsozialistischen Führungselite vor Ort auf dem Obersalzberg getroffen wurden – alle Feldzüge, die Errichtung von Konzentrationslagern, die Deportationen und systematische Ermordung von Menschen – gut verständlich dargestellt. Ein besonderer Fokus wird auf einzelne Fälle von Deportation und Euthanasie von Menschen mit Behinderungen aus der Region Berchtesgaden gelegt.
Um die Verwobenheit des Politischen mit der Landschaft deutlich zu machen, sind Ausschnitte aus Eva Brauns Filmen zu sehen, Dokumentationen des repräsentativen und privaten Lebens auf dem Berghof. Braun hatte Hitler im Münchner Atelier des Fotografen Heinrich Hoffmann kennengelernt, wo sie als Fotolaborantin arbeitete. Seit Mitte der 1930er-Jahre pendelte sie zwischen München und dem Berghof, wo sie als Wirtschafterin und Privatsekretärin eine zentrale Position einnahm, während Hitler sein Verhältnis mit ihr in der Öffentlichkeit verheimlichte. Mit Film- und Fotokameras dokumentierten Eva und ihre Schwester Gretl, die ebenfalls Teil des inneren Zirkels war, scheinbar Privates über das Leben des Führers und verkauften ihre Aufnahmen an Heinrich Hoffmann für Bücher und Wochenschauen. Seit Mitte der dreißiger Jahre waren Hitlerbilder allgegenwärtig in deutschen Privat- und Amtsräumen, gerahmte Fotos, Bildbände, Sammelalben, Wochenschauen und Zeitungen wurden massenhaft in Umlauf gebracht, um den Mythos vom „Führer“ zu etablieren. Braun war Teil des Nazi-Propaganda-Apparats, obwohl viele ihrer Aufnahmen erst mal nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Auf dem Berghof, dessen heimliche Herrscherin sie war, filmte sie Staatsempfänge, offizielle Festessen, Besuche von Nazi-Funktionären und einen geselligen, warmherzigen Hitler, der Partys feierte und sich gerne mit kleinen Kindern oder Haustieren umgab. Von der allgegenwärtigen Terrasse des Berghofs streifte der Kamerablick über den Watzmann, den mythischen Untersberg und den Hohen Göll. In der großen Halle hatte Hitler ein versenkbares Panoramafenster einbauen lassen, das im geschlossenen Zustand die Landschaft wie ein kartographisch wirkendes Gitternetz überzog, und geöffnet den Herrschaftsraum hinaus in die Welt erweitern und die Größe der Landschaft in den Saal hineinziehen sollte, wie die Autor:innen des Ausstellungskatalogs schreiben.
Neben ihrer bildnerischen Mitwirkung am Führerkult performte Eva Braun in der großen Sammlung von Privataufnahmen, die sie „Die bunte Filmschau“ nannte, auch ihr eigenes gelungenes Leben – nach außen hin blieb sie als Teil der nationalsozialistischen Elite unsichtbar. Ihren Alltag stellte sie als einen nicht endenden Urlaub umgeben von Freund:innen dar, voller Spaß und Glück, mit Festlichkeiten, Badeausflügen, Skitouren, Bergwanderungen, während sie in diesen Jahren immer wieder versuchte, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Die mörderischen Kriegsfeldzüge und die Auslöschung der jüdischen Bevölkerung, die parallel dazu stattfanden, wurden in den durchgängig als heil und unversehrt konstruierten NS-Lebenswelten nie thematisiert. Brauns mediale Repräsentationen des eigenen Genießens nahmen die zeitgenössischen Selbstdarstellungen auf Instagram vorweg, sie erscheinen wie eine kalkulierte Propaganda des eigenen Privatlebens, das sich im exkludierenden Bereich der Positivität bewegen muss. In einer YouTube-Dokumentation über Braun tauchen Filmaufnahmen eines Ausflugs auf, bei dem ihre Entourage ein Bad in den Gumpen des Königsbachwasserfalls oberhalb des Königssees nimmt. Vor ein paar Jahren wurden diese natürlichen Becken von der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden gesperrt, weil Influencer:innen unzählige Bilder unter dem Hashtag #naturalinfinitypool auf Instagram gepostet hatten, sodass dort täglich hunderte Selfie-Tourist:innen im alpinen Gelände herumkletterten, die Vegetation und die Felsen zerstörten, um ein einziges Bildmotiv zu wiederholen: eine im Wasser schwimmende Person blickt von der Kante des Beckens auf den darunterliegenden Wald, der sich steil zum türkisgrünen Königssee hin öffnet. Zwei Badende waren wegen plötzlicher Wasserdruckzunahme im Wasserfall ertrunken, andere stürzten ab und überlebten mit Knochenbrüchen. Die Natur soll sich dort nun fünf Jahre lang von den Irren erholen.
Das Infinity-Gumpen-Foto hat wie die allermeisten Landschafts-Selfies auf Instagram einen Bezug zu den berühmten Motiven des Malers Caspar David Friedrich aus dem 19. Jahrhundert, wie dem „Mönch am Meer“ oder dem „Wanderer über dem Nebelmeer“. Der zentralperspektivisch-lineare Blick des einzelnen Individuums dominiert die Erhabenheit der leeren Weite, je nach Bedarf das Meer, Berggipfel, ein Felsvorsprung über einem Fjord – ein transzendent verklärter Raum. Als Bildbetrachterin blickt man auf eine oder mehrere Rückenfiguren beim Blicken in den Retinol Glow der wirklichkeitsfernen Landschaft, auf diese Weise findet eine Doppelung der Blickbewegung und eine Intensivierung der eigenen Isolation statt. Die Felsen, die auf den zeitgenössischen Instagram-Motiven die Königsbachgumpe einrahmen, erinnern in der Ikonografie eher an Friedrichs „Kreidefelsen auf Rügen“. Auf diesem Gemälde öffnet sich zwischen den Felsen ein Abgrund auf das Meer hin – ich habe irgendwo gelesen, dass ein Freund Friedrichs dort abgestürzt war und der Maler die Szene der Rettung dargestellt hat. Die Nationalsozialisten hatten den Maler Friedrich als einen Vorkämpfer ihrer Ideologie und Prototyp des idealen nordisch-germanischen Künstlers für sich vereinnahmt. „Die NS-Ideologie verband ‚Volk‘ und ‚Landschaft‘ zu einer untrennbaren Einheit von ‚Blut und Boden‘, schreiben die Historiker:innen des Dokumentationszentrums über das spezielle Verhältnis zur alpinen Berglandschaft, die als ein Spiegelbild des „deutschen Wesens“ betrachtet wurde. „Die Nationalsozialisten deuteten die Berglandschaften der Alpen als ‚urdeutschen‘ Lebensraum. Die völkisch-rassistische Ideologie übertrug Eigenschaften der Natur wie Größe, Härte und Beständigkeit auf die dortige Bevölkerung.“
Im Instagram-Kult des Wiederholens und Kopierens von beliebten Hotspot-Motiven stellt sich das Selbst in den Mittelpunkt, um eine Wertsteigerung in der Gemeinschaft der Likenden zu erzielen und um die behauptete Gefühlsintensität derer, die den Hotspot bereits verwertet haben, für sich individuell noch einmal zu konsumieren. Das Verhältnis zu dem Draußen, das als Landschaft oder Natur dargestellt wird, ist ein instrumentelles. Diese Art der Bildpraktik kann niemals in Beziehung treten zu dem, was außerhalb des Gitternetzes der ihr eigenen Ideologie geschieht.
Als ich aus dem Bunkersystem, das im unteren Bereich der Dokumentation Obersalzberg zu besichtigen ist, herauskomme, bin ich froh, wieder im Nebel mit Regen zu stehen. Zurück in der Reha sitze ich wieder an meinem zugewiesenen Platz am Esstisch, mir gegenüber Dieter aus der Region Bamberg, Ende fünfzig, er spricht mit Dialekt und arbeitet als Ingenieur bei einem Autoteilezulieferer. Ich erzähle, dass ich jetzt auf die Berge fahre, so hoch wie es geht, und manchmal auch mit Wanderstöcken im Schneckentempo weiter hoch gehe, um gehen zu üben und Fotos zu machen. Ich versuche, das Gespräch am Laufen zu halten, stelle ein paar Fragen, versuche Verbindungen zu knüpfen. Es strengt an. Wart ihr schon mal auf dem Hydrojetmassagebett? Im Haus der Berge? An der Eiskapelle am Königssee? Hermann, kurz vor der Rente, auch aus Franken, der Berufsschullehrer für Holztechnik ist, sitzt daneben, er hat mir mal von seine Tochter, die Historikerin ist und ein Museum leitet, erzählt. Auf seinem T-Shirt steht „Ich fahre ohne Akku – weil ich es kann“. Am Tisch hat mir noch nie jemand eine Frage gestellt. Einmal erzähle ich, dass ich mit der Seilbahn auf den Jenner fahren möchte. „Was willst Du denn da oben?“ fragt Dieter, „da kannst Du doch eh nicht rumlaufen, da ist es total felsig.“
Beim Abräumen des Geschirrs am Servierwagen spricht mich ein Mann an. Er wolle mir sagen, dass er mich ganz schön tapfer findet. „Tapfer?“ Ich bin genervt. „Ich hinke ein bisschen, und hier sind Leute, die haben einen implantierten Defibrillator, die können jeden Augenblick tot umkippen.“ „Ich habe keinen Magen“, sagt er. Er meine tapfer, wie ich mit der Situation hier im Speisesaal umgehe. Er scheint sich auf die eklige Gefühlssuppe aus Begehren, Angst, Neid und Hass zu beziehen, für die er keine Worte findet. Dann verschwindet er ganz schnell und vermeidet in den nächsten Wochen ein weiteres Gespräch mit mir.
Bei der Schulterrückengymnastik halten wir mit einer anderen Person aus der Gruppe zwei Holzstäbe zwischen uns, auf denen ein Ball balanciert werden soll. Fünf Paare stehen nebeneinander und geben mit den Stäben den Ball an die Stäbe der Nachbarn weiter. Ich übe zusammen mit einer älteren Dame. Während wir den Ball vorsichtig auf die Stäbe der Nachbarn heben, kommt die Hand neben mir meiner Hand sehr nahe und berührt sie ein wenig. Sie ist mit weißen Flecken übersät, der Daumennagel fehlt. Mein Blick folgt dem Arm, führt über einen Rumpf mit stark gewölbtem Bauch weiter über eine Hautausfaltung im Kinnbereich zu einem geröteten Gesicht. Es ist ein mittelständischer Mensch – ich stelle ihn mir in einer Kleinstadt in Mittelfranken vor, leitender Angestellter, Familienvater, Zweifamilienhaus mit Schwiegereltern, Bluthochdruck. Ich drehe den Kopf und versuche, dem Wesen in die Augen zu schauen. Der Blick ist undurchlässig, es scheint mich nicht sehen zu wollen. Seine Hand, die den Stab hält, berührt meine Hand wieder, versucht ihr noch mal näherzukommen. Ich weiche aus, sodass der Ball runterfällt. Das Wesen trägt ein T-Shirt, auf dem „Wild“ steht.
Am Wochenende darauf regnet es wieder und ich fahre noch mal auf den Obersalzberg. Ich nehme den Bus, der über die hochalpine einspurige Straße zum Kehlsteinhaus fährt. Vorher schaue ich eine Dokumentation über die technischen Meisterleistungen beim Bau der Straße und des Teehauses auf dem 1800 Meter hohen Gipfel des Kehlsteins, einem kleinen Berg vor dem Massiv des Hohen Gölls. Die Zwangsarbeiter, die für die Bauarbeiten versklavt wurden und von denen viele starben, wurden in dem von den Hochleistungen des Nationalsozialismus faszinierten YouTube-Video nicht erwähnt. Der elektrische Bus kurvt durch den Nebel, ein paar Bäume tauchen in wenigen Metern Sichtweite am Straßenrand auf, der krasse Abgrund, an dem die Straße entlangführt, ist glücklicherweise nicht zu sehen. Ein Tourist im Bus trägt einen Teleskop-Selfie-Stick mit einem Handy bei sich, bei der Ankunft filmt er den langen, in den Berg gegrabenen Tunnel, von dem aus ein ganz in Messing ausgekleider Aufzug 124 Meter zum Gipfel führt. Ein weiteres Video über die gruseligen, aber spektakulären technischen Leistungen der Nationalsozialisten wird auf einer Social-Media-Plattform hochgeladen werden. Oben angekommen fällt Schnee, man sieht nur etwa fünf Meter weit. Die kleine Loggia des Gebäudes ist der historischen Dokumentation gewidmet, während der zentrale Raum als Restaurant eingerichtet wurde. Da wo Hitler und seine Entourage – er soll sich selten hier oben aufgehalten haben – gesessen hatten, kann man jetzt einen Käsekuchen genießen und in einer Ecke verschiedene Souvenirs kaufen, Schlüsselanhänger, Caps mit „Eagle’s Nest“-Schriftzug und Schneekugeln mit einem Miniaturhaus drin. Bei besserem Wetter kann man zum Gipfelkreuz hochwandern, es ist mit einem großen Holzedelweiß geschmückt, und dort ein Selfie machen, das Kehlsteinhaus und die Berggipfel im Hintergrund, um es zu den anderen Millionen Bildern auf Instagram mit dem Hashtag #kehlsteinhaus hochzuladen. Nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte, die bis 1996 das in „Eagle’s Nest“ umbenannte Haus als Recreation Area für ihre Soldat:innen genutzt hatten, fiel es wie das Gelände des ehemaligen Berghofs unter das „Zwei-Säulen-Konzept“ der Bayerischen Staatsregierung, bei dem die Wiederbelebung und wirtschaftliche Nutzbarmachung des Tourismus am Obersalzberg mit der Aufarbeitung der NS-Geschichte einhergehen sollte.
Später, als ich wieder in Berlin bin, sehe ich in der Galerie Sprüth Magers die beeindruckende Filmarbeit „Retinal Rivalry“ von Cyprien Gaillard. Gefilmt mit stereoskopischen Kameras und präsentiert in einer 4K-Hochauflösung mit 120 Bildern pro Sekunde, wird das betrachtende Auge hinter einer 3D-Brille mit sehr viel mehr Details als gewohnt überflutet. In Verbindung mit dem psychedelisch-dissonanten Soundtrack entsteht ein zwischen Drogentrip und Hyperrealismus schwankender Verzerrungseffekt. Objekte und Gebäude scheinen sich durch das 3D-Verfahren von der Leinwand zu trennen und in den Raum hineinzuragen. Der Film beginnt im Inneren eines Recyclingcontainers, dessen Flügel sich öffnen, dann stürzt die Kamera mit den Glasflaschen in einen Müllcontainer. Die Kamera befindet sich kurz darauf im Inneren des Bronzekopfes der Münchener Bavaria, der Statue der Patronin Bayerns über der Theresienwiese. Durch ein Loch im Helm führt der Blick auf das endlos erscheinende Feld des Oktoberfestes. Eine Person im Narrenkostüm liegt schlaff an einem Baum auf dem sogenannten Kotzhügel. Von einem müllbedeckten Boden aus geht der Blickwinkel hoch auf ein Burger-King-Restaurant in einem nationalsozialistischen Gebäude auf dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Gaillards Kamera umkreist eigentümliche Orte und Objekte in Deutschland und untersucht sie akribisch, die alltäglichen trashig-urbanen Oberflächen schließen sich so in ihrer Tiefendimension auf. Schichten des Historischen und des Zeitgenössischen überlagern sich, und wie das Auge, das im 3D-Verfahren das Bild aus zwei unterschiedliche Quellen zusammensetzen muss, werden hier die Gewaltgeschichte und der lieblose, groteske Firnis in einen beunruhigenden Austausch gebracht. In dieser fehlsichtigen deutschen Landschaft können die Symptome des kollektiven Traumas anders scharf oder anders unscharf gestellt werden. Wie Walter Benjamins vielzitierter Engel der Geschichte haben wir immer noch das Gesicht der Vergangenheit zugewendet und sind nicht in der Lage, es von dort wegzudrehen, hin ins Offene, weg von den Trümmern, die sich ohne unser Zutun weiter vor unseren Füßen auftürmen.
In der folgenden Woche reisen neue Rehapatient:innen an, und plötzlich sitzt zwei Stühle weiter an meinem Kantinentisch ein voluminöser Mensch mit Tattoos der Rune Algiz und einigen Wölfen auf den Armen, keltischen Knoten auf dem Hals und einer Zahl in Frakturschrift auf der Schläfe. Er trägt ein T-Shirt der Südtiroler Band Frei.Wild, die leugnet, rechtsextrem zu sein. Noch drei Wochen Reha habe ich vor mir und werde es kaum aushalten, zu diesem Menschen irgendeine konsistente, sympathische, neutrale oder ablehnende Haltung einnehmen zu müssen. Ich bitte eine Mitarbeiterin aus dem Küchenteam, ob sie mir einen Platz an einem anderen Tisch geben kann. Es dauert zwei Tage, bis ich an einem neuen Tisch mit neuen Mitpatient:innen sitzen darf, der auch näher am Büffet liegt. Neben mir sitzt ein netter Unternehmer aus der ehemaligen DDR, der jetzt in Stuttgart lebt und fähig ist, sofort ein freundliches Gespräch zu beginnen. Gegenüber sitzt Andy aus Ingolstadt, der gar nicht redet und mir schon vorher aufgefallen war, weil er einmal ein T-Shirt mit einer Dart-Zielscheibe und dem Text „Ich spiele gerne untenrum“ trug. Dann erschien er mit einem großen Comicgesicht auf einem T-Shirt, dessen lange Nase sich über seinen runden Bauch wölbte und Richtung Genitalregion zeigte. Heute ist ein grauer Comicsensenmann auf seinem schwarzen T-Shirt abgebildet: „So viele Idioten und nur eine Sense.“ Als ich am Toaster stehe und warte, dass die beiden Brotscheiben herausploppen, sehe ich direkt neben mir einen rundlichen Arm in die Schale mit Nutellaportionspäckchen eintauchen und sich fünf oder sechs davon herausgreifen. Vielleicht wird Nutella Andy von der Benutzung einer Sense ablenken.
Die T-Shirts der männlichen Rehabilitanden, die ich vorher nicht beachtet hatte, fallen mir nun deutlicher auf, nach und nach ergeben die eigentümlichen Botschaften auf den Aufdrucken ein sinnhaftes Gesamtbild, das die Lebenswelten der Leute anschaulich macht. Ich beginne eine Liste anzulegen: Adidas, Wacken 2023, Just Do It, Kronachtal Kickers, Jako, Motörhead, Gasoline Bandit – forever free, Puma, Trigema, Lemmy forever, Schlank würde ich dich nur unnötig geil machen, Camp David, Rammstein, Boss, Adi does it. Inspiriert von der Performativität der vielfältigen Aufdrucke finde ich bei Amazon ein ziemlich gutes T-Shirt, das ich gleich bestelle. Es ist knallig blau mit einem gezeichneten Katzenkopf mit runder Hippie-Brille, Flower Power Blumenkranz und einem Peace-Anhänger, darunter steht FCK NZS. Damit gehe ich nun durch den Speisesaal. Jetzt sollen sie mich bitte anstarren.
(Dieser Text war für die Ausgabe Juni 2025 der
von hundert, Tod Spezial, geplant.)
Alle Fotos: Christina Zück