Michel Freerix
Ein Nachruf von hundert
2026:Februar //
Hansi Oostinga
Michel Freerix / 2026:Februar
Michel Freerix
(16.6.1961–12.1.2026)
Keinen Monat nachdem er seinen Nachruf auf Gertrude Degenhardt an die Redaktion geschickt hat, hat uns auch Michel Freerix – viel zu früh – verlassen. Und ein Nachruf auf ihn auf ihn muss zwangsläufig fragmentarisch bleiben, zu vielfältig waren seine Netzwerke, Aktivitäten und Interessen, als dass irgendjemand alle Facetten überblicken könnte. Es gab bei ihm immer wieder etwas neu zu entdecken. Er war Kurator, Filme- und Radiomacher, Schauspieler, Journalist, DJ und sicherlich noch einiges mehr. Meine intensivste Begegnug mit ihm liegt knapp ein Dutzend Jahre zurück, auf meinem Balkon. Eigentlich stand die Renovierung meiner Wohnung auf der Agenda, aber irgendwie fanden wir beide die gemeinsamen Gespräche ein Stück weit spannender. Er war alles andere als maulfaul – im Gegenteil, aber – und da dann doch ganz Ostfriese – dennoch geizig mit Worten. Er verschwendete sie nicht für Belangloses. Und manches musste man auch aus ihm herauskitzeln. Ich erfuhr einiges über sein Aufwachsen im Emder Arbeiterviertel Transvaal, seine Lehre auf dem Bau und seine Flucht aus den engen heimischen Verhältnissen – nach Berlin an die Filmschule, die dffb. Dort kam er allerdings nie wirklich an. Von Anfang an in der Rolle des Vorzeige-Proleten gefangen, machte er im Gegensatz zu einigen seiner Kommilitonen keine Filmkarriere. Das Vermarkten der eigenen Person und die Welt der Filmförderungen und Fernsehredaktionen waren ihm zuwider. Welch fatale Folgen dieses Filmbusiness haben kann, wie brutal dort Talente abgewickelt werden, wird schmerzhaft deutlich, wenn man seinen Abschlussfilm „Chronik des Regens“ anschaut, „der vielleicht wichtigste unbekannte bundesdeutsche Film der 90er Jahre“, wie der Filmwissenschaftler Olaf Möller meinte. Seine Leidenschaft, seine Neugier wurden allerdings nicht geschliffen. Er schrieb, organisierte, kuratierte, moderierte, legte auf und machte auch noch ein paar filmische Gehversuche. Einige Dinge haben wir im Lichtblick-Kino auch gemeinsam auf die Beine gestellt, wobei ich nebenbei immer noch einen Crash-Kurs in alternativer Musikgeschichte mitnahm. Zuletzt, im November letzten Jahres, habe ich mich mit ihm über einen Filmabend zu Franco, den ich organisierte, ausgetauscht. Auch hier breitet er mir assoziativ eine Bandbreite von Fakten aus, zog ein paar Register aus seinem angesammelten Wissen, schlug den Bogen zur Musik und bereicherte mich nicht nur um ein paar skurrile Details, sondern auch mit seinem ganz eigenen Blick auf die Dinge.
Michel wird fehlen, selbst denen, die ihn nicht mal kannten, aber von seinem Engagement profitierten. Denn er gehörte zu den wenigen, die die Kultur der Stadt vor der totalen Warenform bewahren – uneigennützig, unprätentiös und immer auf eine zutiefst menschliche Art.