Hans Stein

Ein alphabetischer Versuch

2026:Februar // J. G. Wilms

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02-2026

Es sind Jahrzehnte, die Hans Stein in Berlin Malerei und Zeichnung unterrichtet. Sehr lange schon an verschiedenen Volkshochschulen, zwischenzeitlich auch an der damaligen Hochschule der Künste – zu Hans’ 90., den er am 17. November feierte

A
Ausgangspunkt

Um mit einem ungefähren Zitat zu beginnen: „Wenn du eine Ausstellung durchläufst, und du musst feststellen, dass du immer wieder auf dieselben Bilder zurückkommst – das ist wichtig. Das zeugt nämlich von einer Art Seelenverwandtschaft. Solche Bilder haben was mit dir zu tun. Und das ist wichtig. Ein Ausgangspunkt.“ Vgl. → Nachbarn, s.a. Dahlem

B
Bitte

„… ihr könnt ja bei mir alles machen; ihr seid da frei; nur um eins möcht’ ich bitten: Proportion – darin steckt dann auch Arbeit.“

C
Chiaro-scuro

Uccello, Massaccio et al. Ab und an empfiehlt Hans, Bildnisse in Fresken der italienischen Frührenaissance zu studieren – und hier dem zu folgen, was die Maler ihrer → Zeit als chiaro-scuro bezeichneten – den beständigen Wechsel von Helldunkel-Werten, der die räumliche Wirklichkeit eines Gegenstandes sichtbar werden lässt. Vgl. → Rhythmus

D
Dahlem

Eines der Berliner Museen, auf die Hans immer wieder gern verweist, ist, in Berlin-Dahlem, das Brücke-Museum. Eine Affinität, die weit darüber hinausgeht, dass Hans den Initiator dieses Museums, Karl Schmidt-Rottluff, noch persönlich kannte. Vgl. → Ausgangspunkt

E
Empfehlungen

„… ich würde dir ja immer empfehlen, …“ – beispielsweise, die Unterschenkel als Basis zu sehen; … beispielsweise, das Kohlestück aufzuspelzen, um eine schärfere Kontur zeichnen zu können; beispielsweise …

F
Formbefund

Ein ungemein fruchtbarer Begriff – für eine malerisch-zeichnerische Praxis, die „nicht in Begriffen denken“ sollte, ist der „Formbefund“, der etwa den sichtbaren Bau einer angehobenen Schulter bezeichnen kann, oder die Folge sich hebender und senkender Linien, die eine Armmuskulatur beschreiben … s. a. → Rhythmus, Y

G
Grünspanblau

Irgendwie kam Hans auf „Grünspanblau“ – und auf Max Beckmann, der, noch im niederländischen Exil, in sein Tagebuch schrieb:
„sehr warm / Amsterdam / Sunday, July 25, 1948; 207th Day-159 days to follow / Der Sonntag ist zu Ende / ich wasche meine Hände / von Rot und Grünspan blau …“(1) – und Hans: „Also, in diesem Sinne: lasst euch auf Farben ein!“
wie Hans. S. a. → Ironie

I
Ironie

Ein Beispiel von Selbstironie ist vielleicht, wenn Hans von der „Steinzeit“ spricht und damit die in seinen Kursen berüchtigten Zeitüberschreitungen der Arbeitsphasen meint – wenn wieder aus einer Modell-Pose von, sage: 15 Minuten, subjektiv wie objektiv eher 30 wurden.

J
Jahre

Hans hat über all die Jahre seiner Lehrtätigkeit (→ Lehren) eine schöne Art entwickelt, Menschen zu begegnen. Auch dies eine → Kunst.

K
Kunst

Jahrzehntelang hatte der Schauspieler und Radiosprecher Günter Hanke mit seiner Stimme Hörer/innen in West und Ost begleitet, mit einer – das gehörte zum Kalkül des RIAS – unmittelbar als freundlich erlebbaren Stimme. Inzwischen gibt es zu Günter Hanke nicht einmal einen ­Wikipedia-Eintrag. Warum nun Hans ausgerechnet auf Günter Hanke gekommen war, weiß ich nicht mehr – aber seine Erwähnung verleitete Hans zu der Bemerkung, „wenn es darum geht, du weißt schon, ums sichtbar machen; sichtbar werden lassen – darum geht es ja in der Kunst“. (lacht)

L
Lehren

Ganz im Sinne Beckmanns (→ Grünspanblau) variiert Hans zuweilen eine Bemerkung, die dem großen Modernen zugeschrieben wird: „Ich kann aus euch keine Künstler machen, aber ich kann Wege aufzeigen, Möglichkeiten.“ (→ Ausgangspunkt, → Bitte, → Jahre, → Kunst)

M
Modersohn

„… der Modersohn war ja ein guter Maler – aber sie, die ­Becker …“ (Kunstpause) „… ganz unglaublich.“ (schüttelt den Kopf): „Revolutionär."

N
Nachbarn

„… bei Manet haben wir das ja auch … der Funke der Spontaneität in einer Zeichnung! Künstler ohne Akademiemodelle, irgendwelche Freunde, Nachbarn, Leute – und wir sehen: Wie sie das gemacht haben …“

O
Oede

„… nur mit Gleichaltrigen Umgang haben, sprechen, kann schnell öde werden. Da gibt’s … zu wenig Übersetzung – das macht einfach weniger Spaß …“

P
Prozess

Für Hans ist, ein Bild zu malen, offenbar insofern prozessual, als es ihm darum geht, dass ein Bild jederzeit fertig ist: „egal in welchem Stadium.“

Q
Qualität

Zu Hans’ Anspruch an Qualität s. vielleicht: → Prozess

R
Rhythmus

„… und dann würd’ ich wieder dem folgen, vor, zurück, vor zurück, dieser Rhythmus liebt Schatten! … und so geht das weiter, vor, zurück, vor zurück; dieser Rhythmus!“ vgl. → Chiaro-Scuro

S
Schuld

Einmal brachte Hans die kleine Reproduktion eines Gemäldes mit, das einer seiner Lehrer aus Dessauer Zeit, Max Albrecht, etwa 1941 gemalt hatte. Das Bild zeigte auf eine realistische, ja geradezu neu-sachliche Weise eine Industrie­landschaft bei Dessau. Die Zuckerfabrik in Dessau Roßlau. Erst kürzlich hatte Hans erfahren, dass in dieser Fabrik Grundstoffe für das ‚Zyklon B‘ der IG Farben hergestellt worden waren. Er war erschüttert. – „Das sind Fragen! … ab wann macht Kunst sich schuldig. … Geht die Schuld derer, die Kunst machen, auf die Betrachter über? Gibt es schuldige Kunst?“ – Einwurf: „Armando hat sich ja in Berlin auf die Suche von ‚schuldige plekken‘, nach schuldigen Orten gemacht …“ – „Armando? Ja, ja!“

T
Täuschung

„Der Kopf hat ja ne Länge. Also man kann sich da leicht täuschen.“ Und Täuschung ist, so verstehe ich Hans, dem Sehen (s. → Kunst, → Rhythmus, → Wahrheit) immanent.

U
Umwandern

Immer wieder fordert Hans die Teilnehmenden seiner Kurse auf, sich doch den Gefallen zu tun, aufzustehen, um das Modell von verschiedenen Seiten zu betrachten. Er selbst nennt das „Umwandern“ oder „Umwandern der Figur“, wobei unter „wandern“ hier eine zwar zielgerichtete, aber erfahrungsoffene Form der Wahrnehmung vorzustellen wäre. s. a. → Empfehlungen

V
Versuche

„Bewegungsstudien des Körpers unter Berücksichtigung der plastischen Anatomie, der Proportionen und Verkürzungen – Darstellung von statischen und dynamischen Bewegungsabläufen – vergleichende und erläuternde Beispiele aus der Kunstgeschichte – farbige Versuche.“ So die seit Langem (→ Steinzeit) gleiche Kursbeschreibung der Porträt- und Akt-Kurse der VHS Mitte.

W
Wahrheit

Spätestens hier dürfte klar werden, dass Hans sich den Ansätzen realistischer Kunst verpflichtet sieht, zu der er, übrigens, gegen den kunsthistorischen Kanon, auch Cézanne rechnet: „Unsere Wahrheit kommt ja stets durchs Sehen.“ vgl. → Prozess, Täuschung

X
Eine Marke, „ein Punkt, zu dem wir immer wieder zurückkommen.“ vgl. → Wahrheit

Y
„… sitzt wie ein Keil in der Form …“ s. a. → Formbefund

Z
Zeit
Zur → Steinzeit gehört der immer wieder gern von Hans verwendete Satz, in dessen Tonfall sich Erleichterung und Melancholie in einer feinen Waage halten: „So, die Zeit ist wieder um.“
Hans Stein, Foto: privat