KÜNSTLER/IN LEBENSLANG
Susanne Ruoff
2026:Februar //
Sonya Schönberger
KÜNSTLER/IN LEBENSLANG / 2026:Februar
Geboren wurde ich vor langer Zeit, vor 66 Jahren, 1959 in Köln in eine gutbürgerliche Bildungsbürgerfamilie. Mein Vater war Architekt und meine Mutter Musikerin. Wir sind drei Kinder, und bevor mein Bruder und ich auf die Welt kamen, da hat sie noch gesungen, aber dann nicht mehr. Mein Bruder ist Architekt geworden, meine Schwester ist Architektin geworden. Das war sehr präsent. Ich bin die mittlere und diese Position hat mich, glaube ich, auch davor bewahrt, dass sehr viel Druck auf mich ausgeübt wurde. Auf meine Schwester, die viel älter ist als ich, ja. Das war noch ein ziemlich anderes Erziehungssystem. Und mein jüngerer Brüder bekam auch sehr viel Aufmerksamkeit. Und ich nicht, was ich aber durchaus als positiv ansehe.
Nach der Schule war ich ein halbes Jahr, wie so viele, in Amerika und wusste nicht recht, was ich mache, weil mich so viel interessierte, Literatur, Psychologie und Soziales und so was. Kunst stand da gar nicht unbedingt im Vordergrund. Das war etwas, was mir ganz wichtig war, was ich machte. Ich zeichnete viel und hatte mal ein bisschen Malunterricht außerhalb von der Schule. Aber ich war hundertprozentig sicher, das ist meine Privatsache, das will ich nicht an der Hochschule machen. Da ich mich aber auch für alles andere noch nicht so richtig entscheiden konnte, bin ich nach Berlin gegangen und hab eine Buchhändlerlehre gemacht.
Berlin war von der Familie weit weg. Das war gut, weil die Familie auch sehr eng war, im positiven Sinne eng. Die Entfernung hat mir gut getan. Meine Schwester hatte mal hier studiert, schon vorher, und meine Mutter auch im Krieg. Und das war alles akzeptiert. Für mich war es wichtig, weit weg zu sein und eine Lehre zu machen. Ich dachte, Literatur ist schön. Aber Buchhändler ist ein kaufmännischer Beruf und kein Beruf, in dem man viel liest. Das ist mir dann auch während der Zeit klar geworden. Aber trotzdem war es okay.
1978 bin ich nach Berlin gekommen, mit 19, und habe zwei Jahre diese Ausbildung gemacht. Mit Abitur konnten wir nach zwei Jahren schon abschließen. Ich habe dann halbtags gearbeitet und hatte dann Zeit, mir zu überlegen, was ich eigentlich wollte. Ich habe genug verdient. Das konnte man damals locker von einem Halbtagsjob, das war überhaupt kein Problem. Und in der Zeit habe ich eben geguckt, was mache ich jetzt? Und habe dann doch Malstunden genommen. Ich denke ganz oft, in meinem Leben sind die Begegnungen mit den richtigen Leuten im richtigen Moment wichtig gewesen. Und ich habe ganz wunderbare Menschen getroffen, mit denen ich da einfach eingestiegen bin. Das war zweimal in der Woche fünf Stunden. Das war wirklich zeitlich sehr intensiv. Ein paar machten das als Vorbereitung für die HdK, und die sagten, mach doch auch. Und ich habe es auch gemacht und war drin. Es gab diese Aufnahmeprüfung und meine Mappe hatte ich dabei. Ich hatte schon Aktzeichnen und so was gemacht. Das war schon alles sehr intensiv und mächtig geworden in diesen anderthalb Jahren, wo ich nur den Halbtagsjob hatte und eben diese Orientierungsphase. Ich denke, ich war einfach auf einem richtigen Level, unglaublich motiviert. Ich machte das alles schön und gut, konnte zeichnen und war aber doch nicht irgendwie zu abgehoben oder zu gut. Das passte da einfach in die HdK rein.
Ich wohnte in Charlottenburg, habe bei Kiepert gearbeitet. Diesen Zeichenkurs hatte ich in Kreuzberg. Aber den ganz wichtigen auch in Charlottenburg tatsächlich, bei einem Maler, richtig tief eingestiegen. Dann musste der aus seinem Atelier raus. Dann habe ich sogar noch vor der HdK mit dem zusammen und noch einer Freundin das erste Atelier gemietet. Das ging dann schief. Aber egal, es war schon wahnsinnig wichtig in der Zeit.
Das Grundstudium lief und ich habe meinen Halbtagsjob gemacht. Meine Eltern hätten mein Studium finanzieren können, aber ich wollte es nicht, weil ich wusste, ich schaff das. Und es war ein bisschen wie meine Privatsache. Ich wollte das alleine finanzieren. Ich hab vormittags meinen Job gehabt und ging dann mittags in die HdK. Die HdK war mein Vergnügen. Das eine war die Arbeit, das andere war der Spaß. Es war für mich so wie im Traum, da hinzugehen, dazuzugehören. Meine Kollegen, die kamen dann halt gerade erst aus den Betten oder sonst was. Wir trafen uns in der Kneipe. Ich kam von der Arbeit, die fingen den Tag an. Es war eine super tolle Zeit. Dann ging’s in die Fachklassen und da kamen so die ersten Zweifel, wohin geht es eigentlich? Was will ich da? Farbe und Malen, ich merkte schon, das ist es nicht so ganz, wusste aber nicht wirklich, war extrem verunsichert. Dann hatte ich das Glück, mit einem Freund ein Feriensemester zu nehmen. Wir sind aufs Land gegangen, in ein Dorf bei Lüchow-Dannenberg, was ja damals noch hinter der Grenze lag, am Arsch der Welt. Da hatten wir eine Wohnung gemietet für ein halbes Jahr und von morgens bis abends gemalt. Er war Bildhauer, und da habe ich meine ersten Steine geklopft und alles gemacht, was ich wollte. Der Druck von der HdK war, ich muss einen Stil haben. Ich habe auch figürlich gemalt und dies und das, alles mögliche. Alles was da war abgemalt und Landschaften gemalt und sonst was und auch bildnerisch gearbeitet. Und das war wichtig. Da war ich dann ein bisschen gefestigt, als wir zurückgingen. Dann kam die Suche nach der Fachklasse. Die waren alle voll. Alle Professoren waren voll und ich wusste nicht, zu wem ich gehen sollte. Dann gab es Professor Bachmann, ein Malerprofessor, der zu dem Zeitpunkt schon ziemlich alt war und auch krank. Eigentlich ein totaler Malerprofessor. Aber da ging meine Freundin hin und er sagte, ich nehm euch, ihr wisst nicht wohin, ich nehm euch. Und ich bin auch mitgegangen, muss sagen, ich hab mir den nicht ausgesucht, aber bin da geblieben, weil ich mich wohlfühlte in der Klasse. Das passte und er ließ mich machen. Mit Malerei war da schon nicht mehr viel. Ich hab gebastelt, viel mit Pappe und Draht. Und er hat das begleitet, sagen wir mal so. Da war nicht viel Austausch, aber ich hatte einen schönen kleinen Platz mit Blick aus dem Fenster und fand das irgendwie gut.
Dann wurde mir das mit der Buchhandlung auch irgendwie zu viel. Ich habe überlegt, wie kann ich das zeitlich besser machen, und habe da gekündigt und im sozialen Bereich gearbeitet, in der Altenpflege. Hauspflege nannte sich das damals. Ich hatte meine alten Omis, zu denen ich morgens ging und das wurde mir auch immer wichtiger. Ich hatte ein Interesse am sozialen Bereich, und das tat mir gut, weil die HdK war eine ziemlich abgehobene Sache. Und die Füße ein bisschen auf dem Boden zu haben, war mir echt wichtig.
Ich lebte in einer ganz anderen Welt, auch mit den Jobs. Es war nicht so lustig, abgesehen von dem Spaß, den ich hatte beim Arbeiten. Aber es war jetzt nicht so eine Party nach der anderen, eine Eröffnung nach der anderen. Wir haben uns getroffen und haben unheimlich viel Alkohol getrunken und saßen alle beim Griechen irgendwie mit einem Tsatsiki und einem Brot, immer nur Brot, und einem Retsina nach dem anderen. Da gab’s diese großen Flaschen Wein mit Korb, und es wurde viel geraucht und viel geredet und geredet. Wir sind aber nicht so zu den Eröffnungen gegangen. Wir waren völlig an dieser Szene vorbei, auch der Punkszene und so. Das Leben forderte schon viel, weil ich kam aus relativ behüteten Verhältnissen. Ich musste irgendwie klarkommen mit diesen Ofenheizungen und Job und HdK. Das waren schon so Welten. Ich war damit eigentlich bedient. Es hat mir schon gereicht und ich war auch nicht in einer Szene drin. Es gab einige, und die waren alle ähnlich drauf, haben viel nachgedacht und viel geredet und Alkohol getrunken und viel gearbeitet, viel gearbeitet. Das war noch die Zeit, da wurde nachts die HdK abgeschlossen. Da haben wir ein Fenster aufgelassen und am Wochenende sind wir heimlich rein, um dann da noch arbeiten zu können. Es war spannend. Aber keine wilden Partys. Ich habe das sehr bedauert im Nachhinein. Ich habe das dann sehr nachgeholt in anderen Szenen.
Ich habe naiv vor mich hin gewerkelt, mit Papier. Das ging alles kaputt und dann hatte ich Bildhauerfreunde, die waren hinten, die Maler waren vorne. Und dann habe ich mich da bewegt auf einmal, immer die Schrottplätze abgesucht, von den Bildhauern die Reste genommen und die verwendet. Und schon meine Meisterschüler-Prüfung waren in erster Linie Collagen und Objekte, die an der Wand hängen. An der Wand hing es immer. In der Zeit ist das Soziale gewachsen. Nach der Meisterschüler-Prüfung bin ich dann nach England gegangen mit einem Stipendium für Kunsttherapie. Ich dachte, ich möchte es irgendwie zusammenbringen. Damals gab’s das hier in Deutschland noch nicht als Beruf, Kunsttherapie. Das waren europäische Stipendien. Da wurden aus allen Ländern in Europa Leute eingeladen, um praktisch das in ihr Land zu tragen. Das ging nur ein Jahr, dann hatte ich das Diplom in Kunsttherapie. Das waren neben dem Studium auch Praktika und eine Arbeit am Ende, in der ich das erste Mal ein bisschen theoretisch arbeiten musste. Natürlich war ich völlig überfordert damit, hier als Kunsttherapeutin zu arbeiten. Dann ging das los mit Fachbereich 11, den gab es dann an der HdK, die eben Künstlerweiterbildung machten, im Museumsbereich, in Erwachsenenbildung, so was alles. Auch Kunsttherapie fing da gerade an. Ich habe mir ein neues Atelier gesucht, das ging Gott sei Dank in der Zeit noch relativ schnell. Da ich mit Holz gearbeitet hab, brauchte ich das ja auch, das ging in der Wohnung nicht. Das Studium war berufsbegleitend, deshalb ging das beides und auch dafür hatte ich ein Stipendium vom Evangelischen Studienwerk, also sehr großzügig, hatte auch ein Stipendium in der Zeit in Venezuela, also ganz schick. Die waren super. Und dann kam ich zurück und war mit der Künstlerweiterbildung fertig und habe als Kunsttherapeutin halbtags gearbeitet.
Dann kam die Wende und das war einfach eine super Zeit. Da lief unheimlich viel. Also für mich war es so. Ich war Teil von einem Projekt Dresden-Berlin. Das waren mehr oder weniger die ersten Male, dass ich auch im Osten war und wir haben da Künstler kennengelernt. Wir waren auf der Suche und haben ein Projekt gegründet, das hieß „KARToffel“, Kunstart offenes … so irgendwas. Wir haben immer abwechselnd Ausstellungen in Berlin und Dresden gemacht. Das ging über drei Jahre. Wir haben unheimlich viel Geld gekriegt, weil es war ein Vorzeigeprojekt. Künstler organisieren das selbst, aus dem Osten und aus dem Westen. Wir haben dicke Kataloge gemacht, damals noch mit Ektachromen und den besten Druckereien. Und das war eine Zeit, wo ich dann als Künstlerin auch gefragt war. Als Therapeutin fühlte ich mich nicht richtig. Ich war da in einem Pflegeheim und hab mit Alten gearbeitet. Das fand ich klasse, aber ich kriegte das irgendwie nicht mehr so hin. Auch dieser Anspruch, als Therapeutin zu arbeiten, war mir nicht so ganz geheuer. Und dann hab ich gedacht, okay, ich kündige jetzt den Job für ein halbes Jahr und dann steige ich wieder ein. Und ab da habe ich einfach wahnsinnig Glück gehabt, muss ich sagen. Das war die Zeit, wo das mit dem Geld ganz gut lief, weil man eben so wenig zum Leben brauchte, das Atelier war billig und es gab Förderungen und Ankäufe vom Senat. Ich glaube, am Tag ab dieser Kündigung bekam ich die „Nothilfe für deutsche Kunst“. Das gab 500 Mark im Monat. Das schreib ich immer in meinen Lebenslauf, weil es war so wichtig! 500 Mark und das war Kohlengeld, Atelier, Wohnung, alles, das war total klasse. Und danach kriegte ich das Karl-Hofer-Stipendium und das war für mich super, weil ich unheimlich gut verkauft habe in der Zeit. Dann hatte ich mal einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb, weil da gab es die ganzen Bundesfördermittel für eine Schule in Gatow. Da hatte ich eine super Firma und meine Schwester hat mir auch ein bisschen geholfen, das richtig zu machen und die Kontakte zu den Firmen herzustellen. Da blieben irgendwie so 20.000, 30.000 Mark übrig, die ich dann über Jahre gestreckt habe. Und so was ist wirklich klasse, wenn du gerade über die Runden kommst, da kannst du immer ein bisschen was zuschießen. Davon habe ich gezehrt.
Viele Kontakte von diesem Karl-Hofer-Stipendium sind geblieben, also manche kenne ich bis heute, einige sind gestorben, also von den Käufern. Aber dann war trotzdem so ein bisschen die Frage, was will ich eigentlich? Galerien interessierten mich überhaupt nicht. Ich habe viel ausgestellt, aber eigentlich immer in Institutionen, meistens in Gruppenzusammenhängen, Themenzusammenhängen. Aber ich hatte nie eine feste Galerie. Ich habe mal zwei, drei Mal in Galerien ausgestellt, aber das war nie ein fester Vertrag. Ich hatte ein Stipendium in Ahrenshoop. Da war eine Ausstellung „Im Wind“. Und da ich da vorher eben einen Monat war und die Situation gut kannte, dachte ich, ach, da bewerbe ich mich. Das war für eine Wiese. Das waren so große Throne, die guckten über’s Meer. Das war das erste Mal, dass ich was für einen Ort gemacht habe, das war richtig klasse. Dann gab es eine Ausschreibung für ein Opus Zementum, und da kommen diese Kugeln her, die du hier siehst, die sind uralt. Die haben dann noch verschiedene Fortsetzungen gehabt, stehen auch in verschiedenen Gärten in anderer Form. Eine verlassene Zementfabrik war der Ort. Und eine Zementfabrik war der Sponsor. Und da wurde mit Zement gearbeitet. Da habe ich eine Arbeit gemacht, die sich auch auf den Ort bezog mit diesen Mohnkapseln. Aus Armierungseisen baute ich ein großes Mohnfeld auf diesem Gelände. Das war das erste Mal, dass ich dachte, das ist klasse, was für einen Ort zu machen, mit so einem Thema dazu. Dann gab es im Müritz-Nationalpark ein Kunstprojekt. Die wurden damals auch noch richtig gut bezahlt. Das war ein ganzer Monat im Müritz-Nationalpark und da hab ich so kleine Schiffchen geschnitzt und auf einem See verteilt. Und da habe ich im richtigen Moment die richtigen Leute getroffen, die mich in diese Welt von Kunst und Natur eingeführt haben, für den Ort arbeiten, für den Geist des Ortes arbeiten. Das ist dann ganz wichtig geworden. Und da habe ich eben viele, viele Projekte in erster Linie am Anfang nur für Natur gemacht. Das hat sich immer mehr verbreitet, auch im Außenraum ganz allgemein, im Stadtraum oder auch in Innenräumen, ortsbezogen. Seitdem läuft es so zweigleisig. Das war Ende der Neunziger, also auch schon über 25 Jahre her. Und das hat mich eben auch um die Welt geführt. Es gibt einen Informationspool, Artist-International-Nature-Network, ein internationaler Pool von Künstlern und Organisationen, die da in dem Bereich unterwegs sind. Und die Informationen werden ausgetauscht. Das sind immer Bewerbungen und ich realisiere vor Ort dann irgendwas. Die Idee muss ich hier entwickeln. Es ist ganz selten, dass man eingeladen wird und gesagt wird, guckt vor Ort und entwickelt eine Idee. Die meisten Ideen werden vorher entwickelt, mit den Informationen, die ich habe, mit Fotos oder Texten. Das läuft weiter und da bewerbe ich mich und vieles klappt nicht, aber wenn ich Glück hab, klappt was. Und das ist wunderbar, weil das ist fast alles temporär. Es gibt also die Möglichkeit, Arbeiten zu entwickeln, da würdest du sonst gar nicht auf die Idee kommen. Und überhaupt, dieses Temporäre in der Natur ist ganz wichtig, weil ich will in die Natur nicht was reinsetzen, was wichtiger ist als die Natur, sondern wirklich was machen für die Natur. Deshalb soll das hinterher auch wieder verschwinden oder im besten Falle in die Natur übergehen. Aber auf jeden Fall ist es nichts Dauerhaftes, sondern es geht darum, etwas sichtbar zu machen, was schon da ist. Und der Betrachter ist dann gefordert, was zu sehen oder nicht zu sehen oder hinterher wieder anders zu sehen. Und das läuft nach wie vor, und wenn wir über das Alter sprechen: Da gibt es keine Altersbeschränkung. Man begegnet schon an verschiedenen Orten öfter mal wieder den gleichen Leuten, um nicht zu sagen, das ist eine große Familie, und die sind alle in das Alter gekommen. Früher waren wir die Jungen und jetzt sind wir definitiv die Alten. Aber geht noch. Ich weiß nicht, wie lange ich noch auf die Bäume klettern kann und da was festbinden. Das ist natürlich eine ganz andere körperliche Arbeit. Da habe ich bis jetzt Gott sei Dank noch keine Grenzen. Aber ob ich mit 70 da noch hochklettere, weiß ich noch nicht.
Es ist immer auf so einem Level geblieben. Ich habe nie gedacht, ich werde jetzt immer berühmter oder immer reicher. Nee, nie. Es ist jedes Mal eine Überraschung, dass ich denke, wow, klasse, habe ich Glück gehabt. Es ist wirklich so. Es ist eine innere Notwendigkeit, Kunst zu machen, aber nicht, berühmt zu werden. Ich freue mich, wenn ich das machen kann, was ich mache. Vielleicht ist es eine Erziehungssache, aber letztendlich auch eine gesunde Selbsteinschätzung.
Als die Flüchtlingskrise vor zehn, fünfzehn Jahren anfing, da war auch so eine Zeit. Ich hatte mich wahrscheinlich bei zehn Sachen beworben, die haben alle nicht geklappt. Das gibt es natürlich auch. Da bin ich eingestiegen hier in die Flüchtlingshilfe. Das war auf dem Weg zu meinem Atelier, eine Schule, in der Leute wohnten und ich bin eingestiegen in Deutsch für Ausländer. Und das ist dann auch richtig wichtig geworden, dreimal in der Woche war ich da vormittags. Wenn die mich genommen hätten, wäre ich da richtig eingestiegen und hätte eine Fortbildung gemacht. Die haben aber irgendwie die ehrenamtliche Arbeit dann doch nicht angerechnet. Kaum war diese Absage da, kriegte ich Einladungen für Projekte. Gott sei Dank habe ich das nicht gemacht, weil sonst hätte ich die gar nicht annehmen können. Und da ging es dann wieder weiter. Natürlich war es mir wichtiger. Aber es hätte alles anders laufen können.
Sicher hatte ich auch mal Krisen, aber das war in der Zeit, in der ich auch von der Kunst gelebt habe. Ich hätte nie auf der Straße gesessen, da wären meine Eltern noch da gewesen. Aber ich hatte den Anspruch an mich. Das war aber vor dieser Kunst- und Naturgeschichte, weil sich daraus auch finanziell ganz andere Möglichkeiten ergeben haben. Ich wollte mich auch auf Stipendien bewerben, aber da stand Bewerbungsgrenze 35 oder 40, damit war das auch vorbei oder für Preise. Ab 35, 40 gab es ganz wenig. Zumindest in den Neunzigern. Arbeitsstipendium vielleicht nicht. Das habe ich aber zwei oder drei Mal probiert und das war gerade in der Zeit, das ging in so eine völlig andere Richtung, als das, was ich machte. Das habe ich dann gelassen. Aber da ergab sich dann diese andere Schiene. Ich dachte immer, einen Halbtagsjob kriege ich irgendwie hin und ich denke, das ist fast noch das Wichtigere gewesen, dieses Wissen, so einen Halbtagsjob kriege ich hin. Das verdanke ich auch meiner Buchhändlerlehre und der Zeit danach mit den sozialen Geschichten. Heute wäre es natürlich viel schwieriger davon zu leben, man braucht mehr für Wohnen. Wobei ich auch da Glück hab, weil die Wohnung gehört meinem Freund und wir wohnen ja zusammen und haben wenig Wohnkosten. Hier im Atelier bezahle ich 200 Euro, also geheizt. Ich habe echt viel Glück gehabt.
Die künstlerische Arbeit ist immer wieder eine neue Herausforderung und natürlich habe ich Sorge, dass mir irgendwie nichts mehr einfällt und ich weiß nicht, ob das vielleicht auch mit dem Alter zu tun hat. Aber mir tut es wahnsinnig gut, irgendwie Zäsuren zu haben, Ziele zu haben. Jetzt haben wir ein Projekt von der alten Bachmann-Klasse im ZAK, und das ist natürlich schön. Ich möchte auch da was machen, was sich auf den Raum bezieht. Dieses selbstgenügsame vor sich hinarbeiten, das könnte ich nicht, da würde ich dann den Mut verlieren oder die Zuversicht, dass das schon irgendwie gut ist. Ich brauche eine Bestätigung, die Arbeiten müssen gesehen werden. Oder auch gekauft werden. Aber ich hab halt relativ wenig Ausstellungen, manchmal Offene Ateliers. Das ist wirklich der geringere Teil, jetzt das mit den Verkäufen.
Ich hab mir überlegt, dass ich zumindest ein einigermaßen vernünftiges Archiv machen möchte. Bei mir gibt es viele Sachen, die für den Innenraum sind, oder die Wandobjekte hier, die aus vielen Einzelteilen bestehen, da könnte kein Mensch sagen, wie man die hängt. Da hängt jedes an einer einzelnen Strippe. Dementsprechend sind die als Haufen irgendwie so im Lager drin. Dass ich wenigstens das dokumentiere, was ich habe. Als ich hierher umgezogen bin, habe ich viel weggeschmissen. Und vor fünf Jahren ungefähr waren wir hier sehr bedroht, hatten Atelierbegehungen und so was. Da hab ich einen ganzen LKW voll weggeschmissen. Viel Material, wo ich immer dachte, da kann ich was mit machen, aber auch Arbeiten. Es ist jetzt sehr geschrumpft, aber ich weiß jetzt schon wieder nicht, was in den ganzen Kisten ist. Es ist so wahnsinnig schwer, das zu zeigen. Bilder holst du raus und kannst sie zeigen. Ich hab schon mal angefangen, die Sachen zu fotografieren oder wenigstens einen Zettel dran zu machen, was es ist. Dann kann man immer noch gucken, was man damit macht. Ein Fotoarchiv hätte ich gerne. Und die Sachen von draußen sind sowieso temporär und archiviert. Und die drin, es wäre schon gut, dass derjenige, der es sichten muss, wenigstens sieht, was es ist und dann entscheiden kann, ob da ein Feuerchen draus wird oder nicht.
Klar, wenn ich irgendwann merke, ich nutze das Atelier nicht mehr richtig und so Situationen … auch als ich merkte, ich bin jetzt finanziell abgesichert, da wir Geschwister das Haus der Eltern geerbt hatten, und um mich rum hatte ich so das Gefühl, ich bin die Einzige. Alle anderen müssen irgendwie wer weiß wie knappsen und kommen nicht zu ihrer Arbeit und sonst was. Und ich habe jetzt eine einigermaßen gesicherte Situation. Nutze ich das genug aus? Werde ich meiner Situation gerecht? Nutze ich das Atelier genug? Also, entweder müssen die Leute arbeiten und eben auch weit übers Alter, hier sind auch zwei, die über 70 sind, die alle noch weiter ihre Jobs machen. Da bin ich wirklich eine der wenigen, die das nicht muss. Es ist total schade, wenn Räume leer stehen und das möchte ich auch nicht. Wenn ich merke, ich brauche es nicht mehr so oder schaff es nicht mehr so, da möchte ich dann eine Grenze ziehen und sagen, jetzt soll das jemand anders haben. Ich weiß nicht, ob ich ein Atelier brauche, also so eins, aber auf jeden Fall brauche ich einen Raum, um basteln zu können. Das werde ich bis an mein Lebensende weitermachen wollen. Aber so weit ist es noch nicht. Das sind mehr Überlegungen, die das Alter betreffen.
Ich bin immer in Berlin gewesen, aber du kannst sagen, es waren drei, vier, fünf verschiedene Städte, in denen ich war. Die Wende habe ich verpasst, da war ich in Venezuela für das Auslandspraktikum und kam im April zurück. Da hatte ich dann gleich ein Atelier mit einer Freundin in einer leerstehenden Wohnung im Prenzlauer Berg mitten drin, wo auch die Frau Bohley wohnte. Da stand immer noch der Bauwagen vor der Tür. Da kamen die Kabel aus den Steckdosen raus. Das ganze Haus war komplett verwanzt. Das waren natürlich so Erlebnisse, das war irre. Ich wohnte in Moabit, da musste man noch aussteigen, den Ausweis zeigen, dann konnte man irgendwann durchfahren. Also, auch wenn ich die Wende selbst nicht miterlebt habe, waren diese Übergänge sowas von spannend. Und ich finde die Stadt immer noch spannend. Es gibt immer noch so viele Orte, an denen ich nicht war und es ist immer noch so viel Unfertiges im Vergleich zu anderen Städten. Ich will nicht weg.