Auf der Suche nach Christine

Seiichi Furuya bei Thomas Fischer

2011:Dec // Barbara Buchmaier

Startseite > Archiv > 12-2011 > Auf der Suche nach Christine

12-2011
















Wer ist diese sympathische zierliche junge Frau, die einem da gegenübersteht auf dem Foto „Izu“ von 1978, in schwarzem T-Shirt, blauem Rock und mit Kamera um den Hals – vor einer weiten Wasserfläche? Ihr Name ist Christine Gössler, später Furuya-Gössler, geboren 1953 , verstorben 1985, Österreicherin, ehemals Kunstgeschichtsstudentin und Schauspielschülerin. Hunderte Male wurde sie vom japanischen Fotografen Seiichi Furuya abgelichtet, der 1973 mit 23 Jahren nach Europa übersiedelte und Christine 1978 in Graz kennenlernte, wo er sie kurze Zeit später heiratete.

Wir kennen Christine nur über die Fotos von Seiichi Furuya und möglicherweise aus Erzählungen anderer. Sie selbst bleibt ein Fragezeichen. Auf den 26 mittelgroßen gerahmten Farb- und Schwarzweiß-Fotografien Furuyas und in einer Diaschau mit 81 Motiven, die momentan erstmalig in Berlin präsentiert werden, sehen wir vor allem sie, in unterschiedlichsten Stimmungen und Zuständen, in privaten und öffentlichen Situationen. Wir sehen aber auch ihr Umfeld: ephemere Stillleben aus der Privatwohnung, moderne DDR-Architektur, Parolen des Sozialismus, Szenen aus dem Alltagsleben in Dresden und Ost-Berlin oder auch Aufnahmen von politischen Veranstaltungen. Die Fotos, eine Auswahl aus einem großen Archiv, sind spontane Schnappschüsse, sehen aber nicht immer so aus. Und, was auch noch auffällt: gerade die Farbfotos sehen extrem aktuell aus und so gar nicht wie die typische DDR-Fotografie. Vielleicht liegt das daran, dass Furuya Filmmaterial aus dem Westen benutzte oder daran, dass die Farbfotos weitgehend erst vor kurzem ausgeprintet wurden? Ein genauerer Vergleich mit den Arbeiten des etwas älteren Boris Mikhailov oder des deutlich jüngeren Wolfgang Tillmans böte sich an.

Hinter der Kamera stand immer Christines Mann – sie Österreicherin, er Japaner. Gemeinsam mit dem 1981 geborenen Sohn gingen sie 1984 nach Dresden, dort hatte man Furuya eine gut bezahlte Stelle als Dolmetscher angeboten, 1985 zog man nach Ost-Berlin. Aus einem freiberuflichen Fotografen, der in Graz die Zeitschrift Camera Austria mitbegründet hatte, wurde ein Angestellter mit festem Einkommen – das Fotografieren und im Speziellen das Fotografieren von Christine gab er jedoch nicht auf. „Das hatte mit Kunst, mit Fotografie nichts zu tun. Das war wie essen, ohne nachdenken“, so Seiichi Furuya kürzlich in einem Interview.

Ein Ortswechsel könnte auch Christine gut tun, sagte ihm damals ihr behandelnder Arzt. Dass Westeuropäern damals nur der berufliche, aber absolut kein privater Kontakt zu den Bürgern der DDR erlaubt war – und die Konsequenz dieses Verbots, nämlich ständige Überwachung und Isolation, war weder Furuya noch seiner Frau damals so genau bewusst. 1978 versuchte sie erstmals, sich umzubringen. Dies erfahren wir aus einem Brief von Christine aus dem Jahr 1985, der in dem Fotobuch „Mémoires. 1984–1987 “ abgedruckt ist. Dieses im Jahr 2010 erschienene Buch bildet weitgehend die Grundlage für die Bildauswahl der Ausstellung bei Thomas Fischer. Nur wenige Tage vor einem weiteren, dieses Mal „erfolgreichen“ Suizidversuch in Berlin – am 7 . Oktober 1985, dem 36. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, sprang sie aus einem Fenster der gemeinsamen Hohenschönhauser Wohnung im 9 . Stock eines Plattenbaus – schrieb sie diesen Brief an einen Schweizer Psychiater, in der Hoffnung auf einen Therapieplatz im Oberwallis. In der DDR hatte man ihr die Diagnose „Endogene Psychose“ gestellt und eine regelmäßige „Depotspritze“ verordnet, die ihr jedoch, laut eigener Aussage, nicht gut bekam. In ihrem allerletzten Tagebucheintrag schreibt sie: „Ich liebe mich nicht. Scheiße.“ Auch das können wir in der aktuellen, chronologisch angelegten Publikation Furuyas lesen. Das Jahr des Selbstmordes, 1985, findet sich im Zentrum dieses Kataloges auf vielen Fotos und den erwähnten Dokumenten festgehalten.

Die Entscheidung, diese sehr intimen Schriftstücke von Christine, eingebettet zwischen seinen eigenen Fotografien zu veröffentlichen – genau so wie einen Kontaktbogen, auf dem einige Positive das noch offen stehende Wohnungsfenster und Christines Leiche auf dem Bürgersteig vor dem Haus abbilden – zeugt von Furuyas Willen, die ganze Dimension seines durch Christines Tod ausgelösten Traumas, den Verlust und sein Schuldgefühl zu bewältigen und daran auch andere teilhaben zu lassen. Er konnte Christine nicht retten. Er war im entscheidenden Moment nicht zu Hause. Der Rettungswagen traf erst zwei Stunden später ein, da er durch eine Demonstration von Regimegegnern aufgehalten wurde. Mit den Worten „Hätte wenn warum“ kommentiert Einar Schleef diesen Umstand in seinem Text „Rot Schwarz Gold“ von 1996/97, den er ursprünglich für Furuya verfasst hatte und der erst jetzt, Jahre später und Jahre nach Schleefs Tod im Jahr 2001, auch im genannten Furuya-Katalog abgedruckt wurde.

Die Bewältigung erfolgt für Christines Mann im Betrachten und immer wieder Neuzusammenstellen der vielen Fotos, die er von ihr und auch von ihrem gemeinsamen Sohn gemacht hat – ein ständiges Arbeiten mit den Bruchstücken der Vergangenheit, das zur Obsession geworden ist. Seit 25 Jahren ist Furuya dabei, hat der Erinnerung und der Aufarbeitung der gemeinsamen Zeit mit Christine – immerhin sieben Jahre – bisher fünf Fotobücher unter dem Titel „Mémoires“ gewidmet, von denen sich das hier besprochene speziell auf die Jahre in Ostdeutschland konzentriert. Furuya kehrt erst 1987, also zwei Jahre nach Christines Tod, zusammen mit seinem Sohn nach Österreich (und nicht nach Japan!) zurück.

Warum interessieren wir uns für Christine? Sind es die Aufnahmen, die sie uns durch die Augen ihres japanischen Mannes als schöne, moderne und sensible, mal glücklich, mal traurig-verzweifelt wirkende und gleichzeitig ganz und gar uneitle Frau zeigen?
Ist es ihre tragische Geschichte, mit der wir uns vielleicht irgendwie identifizieren können oder die uns berührt, warum auch immer? Oder ist es vielmehr die ganz besondere Intensität der Beziehung zwischen Christine und ihrem Mann, deren indirekte Zeugen wir werden und die uns zu eigenen Imaginationen anregt?
Bei einem Künstlergespräch in der Galerie Thomas Fischer konnte man Furuya, dessen Fotografien mittlerweile in vielen international bekannten Kunstsammlungen vertreten sind, kürzlich im Gespräch mit Maren Lübbke-Tidow (Chefredakteurin von Camera Austria International, Graz) und Florian Ebner (Leiter des Museum für Photographie, Braunschweig) erleben und so indirekt dem Geheimnis um Christine zumindest etwas näher kommen.
Die Begegnung mit Christine hätte ihn, der sich selbst als „Arbeiter“ und nicht als Künstler sieht, in seiner Entscheidung bestärkt, weiter als Fotograf, als Künstler zu arbeiten, sagt Furuya. Er habe sich verpflichtet gefühlt, dieses Leben festzuhalten und es somit auch zu verlängern.

Doch was eigentlich wusste Seiichi Furuya über seine Frau? Natürlich war ihm ihre psychische Erkrankung bekannt, schließlich gab es mehrere Klinikaufenthalte während ihrer gemeinsamen Zeit. Doch die sprachliche Kommunikation war sehr „oberflächlich“, wie er selbst sagt – er konnte nicht gut deutsch und sie nicht gut japanisch. So waren es vielmehr die Momente des Fotografierens, die er nachträglich als „Gedankenspiel“, als „Rettung“ bezeichnet. Die Fotografie diente als „Verständigungshilfe“ – und zwar genau die Sekunden des Auslösens, in der sich die beiden sozusagen „gegenseitig in die Augen schauten“. Die Ergebnisse oder ein Gespräch über die entstandenen Fotos wären damals nicht wichtig gewesen, es hätte sie kaum gegeben, berichtet Furuya. Oftmals ließ er seine Filme erst viel später entwickeln.

Was Christine über die Fotos und über die Tatsache dachte, dass sie selbst zumeist das zentrale Motiv dieser Fotos war, ist unbekannt. Fühlte sie sich geschmeichelt oder ausgenutzt, oder keines von beidem? In keinem der Porträts jedenfalls vermittelt sie das Gefühl, ihr wäre das Fotografiertwerden unangenehm. Sie wirkt auch nicht verstellt. Bedenkt man, dass sie Schauspielerin werden wollte, könnte es ihr schon gefallen haben, sich auf den Fotos spontan zu inszenieren und mit dem Genre „Porträt“ zu spielen. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass es während der von Christine und Seiichi Furuya gemeinsam erlebten Zeit nur eine einzige Publikation und nur eine den Fotos von Christine gewidmete Einzelausstellung Furuyas gab, und das schon im Jahr 1980 (Dossier in Camera Austria, Ausgabe 1 ; Einzelausstellung „Porträts von Christine“, Forum Stadtpark, Graz). In der Öffentlichkeit wurde damals also vermutlich nicht oder nur selten über Christines Rolle als „Foto-Modell“ diskutiert. „Sie lässt mich nicht frei“, sagt Furuya, der seiner Frau gewissermaßen bis heute treu geblieben ist – weshalb er weiterhin an immer neuen Foto-Büchern arbeitet, wobei die oben erwähnte Publikation eigentlich die letzte unter dem Titel „Mémoires“ sein soll. Das Betrachten der Fotos helfe ihm dabei, „zu prüfen, ob ich ich bin“, und die Fotografie diene ihm dazu, „sich selbst zu retten, vor der Selbstvernichtung“; die Kunstwelt interessiert ihn dabei nicht und auch nicht das Ausstellen der Fotos. Für einen idealen Umgang mit Bild und Erinnerung präferiert er vielmehr das Medium Buch, auch weil es als Präsentationsform unabhängig von physischen Räumen ist.

Während des Gesprächs kam die Frage auf, ob Furuya eine Möglichkeit sehe, sein Oeuvre jenseits des Suizids von Christine zu fassen und somit einen neuen Zugang zu ermöglichen. Dass er selbst kürzlich einen Schlaganfall erlitt, könnte ein Grund sein, „sich zukünftig auch mit der Möglichkeit des eigenen Tods auseinanderzusetzen“, konterte Furuya, doch eine präzise Antwort blieb er den beiden Kunstvermittlern/ innen schuldig. So darf man umso gespannter sein, welches Konzept die von Florian Ebner für 2012 geplante Einzelausstellung des Künstlers im Braunschweiger Museum für Photographie haben wird – und ob und wie wir Christine dort begegnen.

Barbara Buchmaier
Seiichi Furuya „Mémoires“, Galerie Thomas Fischer, Potsdamer Straße 77–87, 9.9.–15.12.2011 Publikation: „Seiichi Furuya. Mémoires. 1984-1987, Hg. Koko Ogano und Christine Frisinghelli, Izu Photo Museum Shizuoka, Japan und Camera Austria, Graz, Österreich, 2010

Seiichi Furuya "Izu 1978", Courtesy Galerie Thomas Fischer (© Seiichi Furuya)
Microtime für Seitenaufbau: 1.6684551239